Finissage der Ausstellung "Die Atombombe und der Mensch"

am Sonntag, dem 16. September 2001, 20 Uhr, im Pfarrzentrum St. Kilian in Erftstadt-Lechenich


 

Gefährdung und Bewahrung der Schöpfung 

im Spiegel moderner Lyrik   

 

Ausführende:

Karin Balfer, Helmut Jaskolski, Gerhard Pelzer (Rezitation)

Hanna Jaskolski (Flöte), Werner Pogatzki (Orgel)

 

Begrüßung und Einführung

 

Liebe Damen und Herren, liebe Freunde und Gäste, 

im Namen der Pax-Christi-Gruppe Erftstadt begrüße ich Sie zur Abschlussveranstaltung unserer Ausstellung. Wir freuen uns sehr über Ihr Kommen, das Ihr Interesse an der Sache des Friedens und Ihre Solidarität mit Pax Christi Erftstadt bekundet. Herzlichen Dank!

Bei der Eröffnung der Ausstellung nach dem Gottesdienst in St. Kilian am vorigen Sonntag hatten wir knapp 40 Gäste, hinzu kamen die Musiker und die Mitglieder unserer Gruppe. Danach blieb der Besuch spärlich, obwohl der Ausstellungsort im Zentrum von Lechenich liegt, am Markt und direkt neben der katholischen Kirche, die doch von nicht wenigen Menschen aufgesucht wurde. Die eingeladenen Schulen reagierten überhaupt nicht. Insgesamt waren es keine hundert Menschen, die die Ausstellung sahen – aber jeder einzelne besitzt unsere Wertschätzung, vor allem die Kinder und Jugendlichen, die völlig vorurteilslos mit Interesse und Neugier die Bilder betrachteten und sich in die Kunst des Faltens von Kranichen einführen ließen. Was die Fernbleibenden betrifft, hatten wir manchmal das Gefühl:  Die Ausstellung wird bewusst oder unbewusst gemieden, weil sie etwas sagt, was den Auffassungen der Mehrheit widerspricht: Die Atomwaffen müssen abgeschafft werden, weil sie das größte Übel unserer Welt sind. Demgegenüber scheint die gesellschaftliche Mehrheit – einschließlich der Christen, die die Kirche und das Pfarrzentrum besuchen – der Meinung zu sein, dass wir die Atomwaffen benötigen, um uns vor irgendwelchen "Schurkenstaaten" zu schützen, um das Gleichgewicht des Schreckens um unseres Heiles willen zu erhalten. Aber vielleicht ist es auch bloße Gleichgültigkeit, wie unser Pastor Hösen glaubt. Ihm, der heute abend gern hier gewesen wäre, aber verhindert ist, möchte ich noch einmal für sein Verständnis und Engagement herzlich danken.

Gegenüber den Abschreckungsgläubigen hat General Lee Butler, der vor seiner Pensionierung der oberste Kernwaffenberater des US-Präsidenten und Befehlshaber der Nuklearstreitkräfte der USA gewesen ist und drei Jahrzehnte der gleichen Auffassung wie unsere erftstädtischen "Realisten" war, am 11. März 1999 vor einer Konferenz in Kanada gesagt:

"Am Ende einer drei Jahrzehnte dauernden Reise verstand ich endlich die Wahrheit, die mich jetzt als Sonderling erscheinen lässt. Sie lautet: Wir sind im Kalten Krieg dem atomaren Holocaust nur durch eine Mischung von Sachverstand, Glück und göttlicher Fügung entgangen, und ich befürchte, das letztere hatte den größten Anteil daran."

Inzwischen hat ein neuer Rüstungswettlauf begonnen. Trotz Abrüstung in den 90er Jahren stehen immer noch ca. 5000 Nuklearsprengköpfe auf Interkontinentalraketen in ständiger Bereitschaft, d.h. sie können innerhalb kürzester Zeit abgefeuert werden. Ob uns die benötigte göttliche Fügung noch lange zur Verfügung steht?

Die Schöpfung Gottes – das Produkt einer grandiosen Evolution – ist heute aufs äußerste gefährdet, nicht nur durch Atomwaffen, sondern auch durch andere Massenvernichtungswaffen, durch die Verseuchung der Natur mit Zivilisationsgiften, durch Klimakatastrophen, kurz: durch das Unrecht, das tagtäglich an Mensch und Natur verübt wird. Die Schöpfung – das sind nicht nur die Tiere und Pflanzen, die Böden, das Wasser und die Luft, sondern auch die gesamte Menschheit. Es ist unser kostbarer Planet Erde.

Die Gefährdung der Schöpfung und die Hoffnung auf ihre Bewahrung ist das Thema dieses Abends. Dabei gedenken wir in Trauer der Opfer der Gewalt in Vergangenheit und Gegenwart. Es gibt für uns keine privilegierten Opfer. Allen gilt unsere Aufmerksamkeit und unser Mitleiden.

Die lyrischen Texte, die zitiert werden, spannen sich inhaltlich von Bildern der heilen Schöpfung bis hin zur Klage über ihre zunehmende Ruinierung und der Bitte um Umkehr. Zugleich machen wir eine Zeitreise von 1945 bis in die neunziger Jahre. Es sind profane und religiös inspirierte Texte von Nichtchristen und Christen. Ich werde zu den einzelnen Themenblöcke nur kurze einführende Bemerkungen machen. Trotz des Willens zur Kürze sind wir zusammen mit den musikalischen Beiträgen auf ca. anderthalb Stunden gekommen. Wir können es  verstehen, wenn der eine und andere die Veranstaltung früher verlässt. Wir wollen kein Sprechkonzert und kein musikalisches Konzert veranstalten, sondern ein meditatives Geschehen in Gang setzen. Deshalb ist Beifall zu den Einzelbeiträgen nicht erwünscht. Sie können aber, wenn es Ihnen danach ist, am Ende den Ausführenden Applaus bekunden. Die Texte werden von Laien rezitiert, wir versuchen unser Bestes. Es sind außer mir Karin Balfer und Gerhard Pelzer, der auch einmal zur Trommel greift. Demgegenüber sind die Musiker Profis: Hanna Jaskolski mit dem Instrument Flöte und Werner Pogatzki an der Orgel. Da Herr Pogatzki unter den Ausführenden der einzige Gast ist, möchte ich ihn kurz vorstellen: Er war Kantor und Musikschulleiter in Jülich, er hat große Werke wie Bachs Matthäuspassion und Händels Oratorium "Der Messias" aufgeführt und konzertiert nach seiner Pensionierung überall im Land. Er hat übrigens diese Orgel hier neu gestimmt. Herr Pogatzki beginnt mit Kurt Hessenbergs Variationen zum Choral "Von Gott will ich nicht lassen".

 

Programm

 

I. Prolog:

Wir vergewissern uns zu Anfang der Herrlichkeit der Schöpfung, indem wir aus dem Sonnengesang rezitieren, den Franz von Assisi zu Beginn des 13. Jahrhunderts gedichtet hat. Dem stellen wir Ingeborg Bachmanns Ode "An die Sonne" aus dem Jahr 1956 zur Seite.

Aus dem Sonnengesang des hl. Franziskus

Ingeborg Bachmann: An die Sonne

Altblockflöte und Orgel

Felicitas Kukuck: Sonate "Allein zu dir, Herr Jesus Christ"

Intrada, Choral und Passacaglia

 

II. Hiroshima:

"Heller als tausend Sonnen" nannte Robert Jungk den Atomblitz. Zum ersten Mal über einer von Menschen bewohnten Stadt zuckte er am 6. August 1945 auf, drei Tage später über Nagasaki. Die Kunde von den Schrecken der Atombombenexplosionen verbreiteten sich nur langsam in der Weltöffentlichkeit. Sie wurden von Schriftstellern unterschiedlich verarbeitet. Die Autoren unserer Gedichte sind der Siouxindianer Tom LaBlanc aus Dakota, die Deutsche Marie Luise Kaschnitz und Pablo Neruda aus Chile.

Tom LaBlanc: Hiroshima

Marie Luise Kaschnitz: Hiroshima

Pablo Neruda: Ode an das Atom

Orgel

Marcel Dupré: Kreuzweg, Station 8

 

 

III. Alltägliche Bedrohung:

1945 glaubte man, es ließe sich der Bau und Besitz der Atomwaffen auf die USA einschränken. Das erwies sich bald als Illusion: Alle Entwicklungen der USA wurden von der damaligen UdSSR und bald auch von anderen Staaten nachvollzogen: 1949 wurde die erste sowjetische Uranbombe gezündet, 1955 die erste sowjetische Wasserstoffbombe. Es entstand ein atomares Patt, ein Gleichgewicht des Schreckens. Oberirdische Kernwaffentests verseuchten die Erde mit radioaktiver Strahlung. Die Bedrohung durch die Atomwaffen wurde alltäglich. Höhepunkt der unheilvollen Entwicklung war die Kubakrise 1962, bei der auf beiden Seiten die Militärs nach dem Einsatz der Atomwaffen riefen, die Politiker aber – Gott sei Dank – einen kühlen Kopf behielten. In dieser Situation schrieb Hans Magnus Enzensberger sein Gedicht "das ende der eulen". Nach der Katastrophe von Tschernobyl klagte 1987 der Schweizer Kurt Marti exemplarisch über die radioaktive Kontaminierung seines Gartens.

Hans Magnus Enzensberger: das ende der eulen

Stephan Hermlin: Die Vögel und der Test

Dorothee Sölle: dom helder camara an der nevada test site

Kurt Marti: Klage nach dem Besuch der radioaktiven Wolke

Bassblockflöte, Orgel und Trommel

Georg Philipp Telemann: Partita 1, Con affetto

 

IV. Gericht

Religiös motivierte Autorinnen und Autoren haben mit zunehmender Gefährdung der Schöpfung nicht nur durch Atomwaffen, sondern durch die sich immer deutlicher abzeichnende ökologische Krise die Frage nach der Verantwortung für diese heillose Entwicklung gestellt. Auf Gott bezogen sprechen die Philosophen und Theologen von der Theodizee, sozusagen einem Gerichtsverfahren gegen Gott: Warum lässt du, der allmächtige und als gütig geltende Gott, das alles zu? Atheisten und Agnostiker können diese Anklage nicht vorbringen, sie sind darauf verwiesen, dem Menschen den Prozess zu machen. Auch Christen haben sich dem angeschlossen, haben sich selbst dem Gericht gestellt.

Gudrun Reinboth: Antigenesis

Kurt Marti: Du: der messias?

Gudrun Reinboth: Plädoyer für die Erde

Sopranblockflöte und Orgel

Georg Philipp Telemann: Partita 2, Affettuoso

 

 

V. Teschuva

Teschuva nennt die jüdische Literatur die auf Reue beruhende Umkehr des Menschen. Auch die Christen kennen aus dem Neuen Testament den Aufruf zur radikalen Kehrtwendung. Zum Schluss rezitieren wir, unterstützt durch die Orgel, Auszüge aus Dorothee Sölles Klage "Tränen der Schöpfung", die im Ruf nach Teschuva, nach Umkehr gipfelt. Der Text ist dem letzten Teil des "Oratoriums für den Planeten des Lebens" von Daniel Glaus entnommen. Die Uraufführung war im Jahre 1989.

Dorothee Sölle: Tränen der Schöpfung

Orgel

Johann Sebastian Bach, Choral "Aus tiefer Not schrei' ich zu dir"

Choralvorspiele von Samuel Scheid und Friedrich Wilhelm Zachau als Zwischenmusiken

Ausklang: freie Improvisation

 

Helmut Jaskolski