Helmut Jaskolski
Zehn Jahre später
Revidierte Einführung in mein Labyrinthbuch

 

 

»Bullenlabyrinth« lese ich und darunter die Spielanweisung, den Weg hindurch zu finden, ohne einen der Gänge mehr als einmal zu passieren, jedoch allen fünf Bullen einen Besuch abzustatten. Glauben Sie wirklich, dass Sie ein Labyrinth vor sich haben?  

Das Wort »Labyrinth« löst hierzulande ja ganz unterschiedliche Vorstellungen aus. Nicht jeder treibt sich in der Rätselecke seiner Wochenzeitung herum; andere entspannen sich mit labyrinthischen Brettspielen oder Science-Fiction-Geschichten, und da kann es passieren, dass einem die »Ratte im Labyrinth«1 begegnet. Zu den Spielernaturen und Leseratten gesellen sich neuerdings therapiekundige Tiefentaucher und esoterische Sucher des Selbst. Einschlägige Kursangebote firmieren unter dem Etikett »Suchprozesse im Labyrinth des Lebens«.  

Dagegen erinnern sich Kulturbeflissene mit inzwischen ergrauten Schläfen vermutlich eher an Gustav René Hockes Buch aus rowohlts deutscher enzyklopädie, das um 1960 die Bildungsszene beherrschte: »Die Welt als Labyrinth. Manier und Manie in der europäischen Kunst«2. Zwar fand man darin nur wenige konkrete Beweise für den behaupteten Labyrinth-Kult der Menschheit3, aber das entdeckte Menschheits- und Weltsymbol blieb für die Eingeweihten in der Folgezeit ein wesentlicher Bestandteil ihres geistigen Haushalts. Damals erkannte man Franz Kafka als »Dichter des Labyrinths«4 und entdeckte den Manierismus der Romantiker als Manifestationen des Labyrinthischen5. Im Katalog zu der Ausstellung »Labyrinthe. Phantastische Kunst vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart« (Berlin 1966/67) las man über den Begriff des Phantastischen: »Die Welt der Phantasie, die von den Künstlern ins Bild gesetzt wird, verfügt über noch weitere kennzeichnende Attribute. Sie ist irreal, unlogisch, traumhaft, visionär, utopisch, geheimnisvoll, grotesk, absurd, zwielichtig, vieldeutig und unsicher, sie ist labyrinthisch...«6 Wenn das nicht phantastisch ist!

Einen ganz anderen Zugang zum Phänomen des Labyrinths gewannen zu dieser Zeit unsere angelsächsischen Nachbarn. Im traditionellen Land der »Mazes and Labyrinths«7 (so der Titel des Klassikers unter den Labyrinthbüchern, veröffentlicht von William Henry Matthews im Jahre 1922kam es nach einer zeitbedingten Flaute zu einer Renaissance der Gartenlabyrinthe und in eins damit zu einem gesteigerten Interesse an allem Geheimnisvollen, das seit den Tagen des Königs Minos das Labyrinth umwittert. Es war der englische Bildhauer Michael Ayrton, der seit 1956, dem Jahr seines mystischen Erlebnisses am legendären Ort des sibyllinischen Orakels in Cumae (Italien), für ein größeres Publikum die Wiederentdeckung des Labyrinth-Symbols einleitete. Mit seinem monumentalen Irrgarten im amerikanischen Arkville schuf er 1969 ein originelles Vorbild für moderne Anlagen. »Ich erbaute das Labyrinth«, so nannte der neue Daidalos die fiktive Autobiographie des mythischen Maze Makers, seines Vorbildes8. Seine Bücher trugen die Idee vom Labyrinth-Bau in alle Welt.

Bild: Michael Ayrton: Arkville Maze, New York State

(mit 10 Fuß hohen Ziegelmauern und Bronzeskulpturen des Minotaurus sowie des Dädalus und Ikarus im Zentrum).

Im kontinentalen Europa entwickelte sich derweil in aller Stille eine -- sagen wir -- fortgeschrittene historische »Labyrinthologie«. Ihre vorzeigbaren Ergebnisse traten im Sommer 1981 ans Licht der Öffentlichkeit: Der in München lebende Jurist und Kunstwissenschaftler Hermann Kern organisierte im Mailänder Palazzo della Permanente eine vielbeachtete Ausstellung, deren Katalog er zu der bisher umfassendsten Dokumentation des Urbilds »Labyrinth« ausarbeitete: »Labyrinthe. Erscheinungsformen und Deutungen. 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds«9. Die erfolgreiche Ausstellung sollte in deutschen Städten wesentlich erweitert präsentiert werden, aber ihr kundiger und einfallsreicher Urheber und Promotor wurde 1984 von tödlicher Krankheit überrascht.

Hermann Kern leitete mit seiner großartigen Dokumentation eine ganze Reihe von Veröffentlichungen verschiedenster Art ein, die das Phänomen Labyrinth zum Gegenstand hatten.10 Zwei Buchtitel aus diesem Jahrzehnt seien hier zur Verdeutlichung des Begriffs Labyrinth genannt: Paolo Santarcangeli gab seinem »libro dei labirinti« den Untertitel »Storia di un mito e di un simbolo«.11 Er unterscheidet also zwischen dem Mythos und dem Symbol (Sinnbild). Penelope Reed Doob fasste dagegen in ihrer Studie »The Idea of the Labyrinth from Classical Antiquity through the Middle Ages«12 beide Aspekte unter dem Begriff der »Idee des Labyrinths« zusammen. Dieser korrespondiert mit Kerns Begriff des »Urbilds«, das sich in seinen »Erscheinungsformen und Deutungen« darstellt. Penelope Reed Doob versteht »Idee« jedoch nicht platonisch, sondern eher als »Typus«, genauer als »Realtypus«.13 Sie unterscheidet zwischen den visuellen und den literarischen (verbalen) Formulierungen dieser Idee und betont, dass es ihr im Gegensatz zu Matthews, Kern und Santarcangeli, die sich auf die visuellen Künste konzentriert hätten, vor allem um die Erscheinungsformen der »labyrinthicity« in der Literatur, in labyrinthischen Texten zu tun sei. So nimmt im Inhaltverzeichnis ihres Buches neben den traditionellen »Mazes and Labyrinths« die Darstellung der Metaphorical, Moral and Textual Labyrinths einen großen Raum ein. Gegenüber dem metaphorischen Gerede über Labyrinthe, wie es in den sechziger Jahren in Deutschland üblich war, ist die präzise Analyse dieses Buches ein großer Fortschritt. Es wäre zu wünschen, dass es bald in deutscher Sprache herausgebracht würde.

Als ich mein Labyrinthbuch schrieb, war mir Doobs Buch leider noch nicht bekannt. Aber ich dachte in ihre Richtung. Mir kam es damals auf zwei Dinge an: auf eine populäre Einführung für »Anfänger und gemäßigt Fortgeschrittene« und auf die Darstellung der beiden Aspekte des Labyrinths, auf das Bekanntmachen »mit dem Bild und dem Mythos«, wie ich es vereinfachend sagte, oder anders ausgedrückt: mit der visuellen und mythisch-literarischen Formulierung und deren Verknüpfung zum Symbol. Obwohl es heute, im Jahre 2005, zu Bild und Mythos eine ganze Reihe neuer populärer Veröffentlichungen14 gibt, fehlt es immer noch an einer umfassenderen Darstellung der Wirkungsgeschichte der »Idee des Labyrinths« bis ins 20. Jahrhundert – man könnte auch sagen: des kunst- und literaturgeschichtlichen »Topos« (wenn man nur die Bedeutung dieses Fachbegriffs großzügig genug erweitert). Aber vielleicht habe ich das gewünschte Buch auch noch nicht entdeckt.

Damals, 1994, fuhr ich fort: Besinnliche Menschen schätzen heute die aus dem indischen Kulturraum stammenden »Mandalas« als Gegenstand des Nachdenkens und Meditierens, haben aber keine zureichende Vorstellung vom Symbol des Labyrinths, das als Mandala der Mittelmeerwelt und der aus ihr hervorgegangenen europäischen Kultur gelten kann.

Das Stichwort »Mandala« war in den neunziger Jahren up to date, und es kam auch gleich nach Erscheinen des Buches die Anfrage, ob ich bereit sei, in einer christlichen Einrichtung der Erwachsenenbildung den Nachweis für diese Behauptung zu erbringen. Ich versuchte es mit einigem Erfolg und gebe auch hier einige Hinweise. Zunächst hole ich die frühere Anmerkung in den Haupttext: »Laut Brockhaus-Enzyklopädie ist das Mandala (Sanskrit ‚Kreis’, ‚Ring’) in den Religionen des indischen Kulturkreises ein mystisches Diagramm, welches in konzentrischer Anordnung - meist aus einer Verbindung von Quadraten und Kreisen - den gesamten Kosmos, die Götterwelt und auch psychische Aspekte versinnbildlicht und als Meditationsbild dient. Mandalas stellen symbolhaft eine religiöse Erfahrung dar; sie sollen bestimmte geistige Zusammenhänge verdeutlichen und den Menschen in ihrer Visualisierung und Meditation zur Einheit mit dem Göttlichen führen. In der Tiefenpsychologie C. G. Jungs werden dem Mandala ähnliche bildhafte Gestaltungen und Trauminhalte als Symbole der Selbstfindung (Individuation) interpretiert.«15

Meine Behauptung beruht auf drei Gesichtspunkten:

1. Wenn man klassische Formen des Labyrinths mit Mandalas, zum Beispiel aus der tantrischen Kunst des Buddhismus16, vergleicht, erkennt man nicht nur formale Ähnlichkeiten, sondern auch frappierende inhaltliche Parallelen. Dies könnte in einer separaten Darstellung verdeutlicht werden.

2. Die Tiefenpsychologie C. G. Jungs begründet den Zusammenhang von Mandala und Labyrinth. Hermann Kern hat in einigen Anmerkungen zu den wissenschaftlich verifizierbaren Ausführungen seines Buches - sozusagen im Kellergeschoss - einleuchtende Deutungen im Sinne Jungs gegeben.

3. Was den Ursprungsort und die Verbreitung des Labyrinths als visuelles Zeichen betrifft, gibt es zwei Erklärungen:

a. Labyrinthe sind in verschiedenen Teilen der Welt gefunden worden: die meisten in den Ländern des Mittelmeeres und seines geographischen Umfeldes, weiterhin in Indien, Java, Sumatra und im Südwesten der USA, dort, wo die Hopi-Indianer zu Hause sind. Man könnte also behaupten, man müsse das Labyrinth wegen seiner geographischen Verbreitung als gemeinsamen Besitz der Menschheit ansehen.

b. Plausibler jedoch ist die Annahme, dass das relativ kompliziert strukturierte Symbol in einem kulturell hochentwickelten Gebiet entstanden und von dort aus auf dem See- und Landweg in andere Teile der Welt gelangt ist, also durch Wanderung und Entlehnung verbreitet wurde. Da die ältesten Exemplare aus dem Mittelmeerraum und dem späteren Europa stammen und sich dort seit dem 3. Jahrtausend eine Hochkultur entwickelte, die zu solch komplizierten graphischen Formulierungen fähig war, ist hier mit großer  Wahrscheinlichkeit der Ursprung des Labyrinth-Symbols zu suchen. In den Westen und Norden Europas kam es durch Seefahrer, worauf die Platzierung von Labyrinthen in Küstennähe hinweist, in den Osten durch Entlehnung in hellenistischer Zeit – man denke an das Reich Alexanders d. Gr., das bis zum Indus reichte. Wie das Labyrinth nach dieser Theorie zu den Hopi-Indianern kam, bedarf weitergehender Überlegungen, die hier nicht angestellt werden sollen. Selbst wenn manche Labyrinth-Darstellungen in Indien bodenständig wären, müsste doch gesehen werden, dass dieses Symbol eine vorzüglich europäische Karriere aufweist und in Europa zu immer wieder neuen Formulierungen des Welt- und Selbstverständnisses benutzt wurde, ob nun vorchristlich, christlich oder nachchristlich, während es z.B. in Indien doch mehr als magisches Zeichen, als Yantra zur Abwehr eines Übels und als geburtsmagisches Mittel, gebraucht wurde und wird. So argumentierte Hermann Kern.

Das Labyrinth als Bildzeichen ist in unserer Kultur sehr eng mit den Inhalten des antiken Sagenkreises von Minotauros im Labyrinth, von Theseus und Ariadne, Daidalos und Ikaros verbunden. Hätte es diese traditionelle Verknüpfung von visueller und literarischer Formulierung nicht gegeben, dann wäre das Labyrinth als lebensbegleitendes Symbol für die Europäer wahrscheinlich verlorengegangen. Deshalb ist es nötig, die alten Geschichten um das kretische Labyrinth immer wieder neu zu erzählen und zu verfolgen, wie die Idee des Labyrinths in immer neue Geschichten gerät - vom Mittelalter bis in unsere Zeit. Davon handelt mein Buch, das trotz spielerisch-nachdenklichem Umgang mit dem Gegenstand dessen geschichtliche und gegenwärtige Wirklichkeit zur Geltung bringen will, ohne jedoch anzustreben, alle gegebenen Aspekte vollständig darzulegen.

Und nun kommt es darauf an, die akademisch anmutenden Erörterungen zu verlassen und einige handfeste Erklärungen zu liefern.

Der Begriff »Labyrinth« ist nicht eindeutig, auch wenn es bisher so scheinen mochte. Wer sich dem Labyrinth in der Zeitung zuwendet, hat einen Irrgarten vor sich, der viele Wege zur Wahl anbietet, auch solche, die in die Irre führen und sich als Sackgassen erweisen. Die Vorstellung eines solchen Irrgang-Systems liegt schon vielen antiken Berichten über Labyrinthe zugrunde. Damit hängt seine Verwendung als Metapher zusammen: Hinweis auf eine schwierige, unübersichtliche, verwirrende Situation16. Auch dieser übertragene, sozusagen sprichwörtliche Sinn ist schon im antiken Sprachgebrauch anzutreffen. Gustav René Hockes Buchtitel »Die Welt als Labyrinth« bezieht sich vor allem auf das literarische Motiv des Irrgartens, das erst im frühen 15. Jahrhundert eine bildnerische Formulierung gefunden hat.17 

 

Älteste bekannte Darstellung des Irrgartens

Giovanni Fontana, venezianischer Arzt (ca. 1395 - ca. 1455): 

Notizbuch mit Entwürfen für Kriegsmaschinen (Bellicorum instrumentorum liber, cum figuris et fictitiis literis conscriptus)

Im eigentlichen Sinne aber ist das Labyrinth kein Irrgang-System, sondern bis an die Schwelle der Neuzeit und darüber hinaus eine geometrische Figur, die nur einen einzigen Weg aufweist, also keine Verirrungsmöglichkeit enthält. Dieses klassische Labyrinth ist am besten zu verstehen als architektonischer Grundriss, als ein System von Linien, gedacht als Begrenzungsmauern, zwischen denen als freigelassenes Band der Weg verläuft. Dieser führt von der einzigen Öffnung in der Außenmauer zwangsläufig, ohne Wahlmöglichkeit und kreuzungsfrei ins Zentrum und wieder hinaus, und zwar so, dass er pendelnd immer die Richtung wechselt und als größtmöglicher Umweg den ganzen Innenraum ausfüllt. In der ältesten Form, von Hermann Kern als kretischer Typ bezeichnet, führt der eindeutige Weg in sieben Umgängen ins Zentrum als der einzigen Sackgasse, in der mittelalterlichen Form dagegen in elf Umgängen.18  

                   Labyrinth mit sieben Umgängen, kretischer Typ          Ariadnefaden als Weg durch das Labyrinth

                                                                                                                                                                                                                                        

Das klassische Labyrinth wird nicht selten mit anderen graphischen Figuren verwechselt, mit Spirale, Mäander, konzentrischen Kreisen, Knoten und Bandgeflechten. Obwohl eine strenge Abgrenzung gegenüber diesen Gebilden methodisch sinnvoll ist, muss andererseits zugestanden werden, dass es die Phantasie der Menschen seit alters damit nicht so genau genommen hat. Wenn es darum ging, das mythische Labyrinth des Minos auf Kreta darzustellen, bevorzugte man in ältester Zeit sogar den Mäander als Kürzel für das Gemeinte.19

Damit sind wir bei den Mythen angelangt, die sich um den minoischen Labyrinthos ranken. Es ist ein Konglomerat von Erzählungen und Erzählmotiven unterschiedlicher Art und unterschiedlichen Alters, die uns in immer neuen Variationen überliefert worden sind. Uralte Vorstellungen aus dem minoischen Kreta sind da - charakteristisch umgedeutet - mit griechischen Sagen verknüpft und letztendlich von römischen Dichtern poetisiert worden. Diese Geschichten haben die Phantasie der Europäer seit der Antike immer wieder beschäftigt: Für die einen vergnügliche Unterhaltung oder mühsam  erworbenes Bildungswissen, waren sie für die anderen geheimnisvolle Mitteilungen über die Ursprünge unserer Kultur und Medien des alten Wahren, des ursprünglichen Wissens der Menschheit.20 Für das Labyrinth als Symbol spielen diese Mythen eine wesentliche Rolle: Sie bringen die stumme geometrische Figur für uns Europäer zum Sprechen, verknüpfen sie mit Erinnerungen und Deutungen, die aus dem Zusammenhang des Lebens erwachsen sind.

 

Ritzzeichnungen auf einem Tontäfelchen aus Pylos. Um 1200 v. Chr.

 

Wenn die Verbindung der Figur mit bedeutsamen Lebenstatsachen fehlt, haben wir ein bloßes Dekor vor uns, vielleicht eine Spielerei. Einen Beleg dafür könnte die älteste sicher datierbare Labyrinthdarstellung bieten: Es ist eine Ritzzeichnung auf der Rückseite eines Tontäfelchens, das im Palast des Nestor in Pylos gefunden worden ist. Entstanden ist sie spätestens um 1200 v. Chr. Die Vorderseite des Tontäfelchens enthält einen Text in der Schrift Linear B , der verschieden gedeutet worden ist. Hermann Kern geht davon aus, dass es die Namensliste von zehn Männern ist, die eine Ziege gebracht oder erhalten haben, also die Aufzeichnung eines Verwaltungsvorgangs, der mit der Labyrinthzeichnung auf der Rückseite nichts zu tun hat. Er urteilt, die Labyrinth-Vorstellung sei wahrscheinlich damals schon so sehr Allgemeingut gewesen, dass sie als Graffito zum Zeitvertreib des Buchhalters dienen konnte: eine bloße Spielerei. Friedrich Dürr hat diesen dorischen Text neuerdings als eine Anrufung einer Göttin in Form einer Litanei übersetzt, die dazu dienen sollte, Kapitän und Mannschaft eines Handelsschiffes aus Seenot zu retten: Die Kernaussage heißt:

"Hebe von Jonien, schrecklich ist der Sturm. Errette!

Beschütze, o Starke, die Schiffsladung vor der Meerestiefe! Errette!

Stehe auf, (damit) ich ergreife den Faden! Errette!

Am Faden entlang bis zu den Türflügeln

werde ich die Augen schließen. Errette!"21

Folgt man Friedrich Dürrs Übersetzung, scheint die frühe Labyrinthzeichnung aus Pylos durch den rückseitigen Text im Sinne der späteren Theseussage kommentiert. Sollte wirklich der »Faden der Ariadne« gemeint sein?

Anders verhält es sich mit der Felsritzung eines Labyrinths in der Tomba del Labirinto, einem unterirdischen Grab in Luzzanas auf Sardinien. Die Entstehung dieses Felskammergrabes ist mit großer Wahrscheinlichkeit ins dritte vorchristliche Jahrtausend zu datieren, und falls die Ritzzeichnung gleichzeitig entstanden ist, muss sie als die älteste Labyrinthdarstellung überhaupt gelten. Ihre Deutung kann sich nur aus dem situativen Kontext ergeben, aus ihrer Platzierung und Gestaltung.  Mit großer Wahrscheinlichkeit steht sie im Zusammenhang mit dem Totenkult: Das Labyrinth ist Zeichen des Todesweges und zugleich der Hoffnung auf Wiedergeburt aus dem Schoß der Mutter Erde. Andere solcher Felsritzungen - gefunden in Spanien und Cornwall - stehen vermutlich in Verbindung mit dem bronzezeitlichen Zinn-Bergbau. Die frühen Bergleute haben in ihnen ihr Selbstverständnis magisch bekundet: Sie begeben sich in die dunklen Schächte der Unterwelt, in die Eingeweide der Erde, in der Hoffnung auf Rückkehr ans Licht des Tages.22  

 

Felsritzung in der »Tomba del Labirinto«, Luzzanas, Sardinien, Durchmesser: ca. 30 cm.

Uns geht es vor allem um die Verknüpfung der klassischen Labyrinth-Figur mit der Geschichte vom kretischen Labyrinth. Als ältester sicherer Beleg dafür galt bisher eine Ritzzeichnung aus Pompeji, das im Jahre 79 n. Chr. vom Aschenregen des Vesuvs begraben wurde. Auf einem Pfeiler im Peristyl des Hauses von Marcus Lucretius fanden die Archäologen ein Labyrinth kretischen Typs und dabei die Kritzelei Labyrinthus hic habitat Minotaurus - Labyrinth. Hier wohnt der Minotaurus. Ist es eine schlichte Dokumentation des Bildungswissens oder der Racheakt eines Lausbuben, der vor dem Eigentümer des Hauses als einem unangenehmen »Viech« warnen wollte?23 Allein wichtig ist die Tatsache, dass hier mit der abstrakten Labyrinthfigur mythische Personen und Geschehnisse assoziiert werden.  

 

 

Ritzzeichnung aus Pompeji  

Außer Minotauros gehören Theseus und Daidalos zur unverzichtbaren Personal des Labyrinths. Seine Bedeutung als Symbol hängt seit der Verknüpfung von Bild und Mythos wesentlich vom jeweiligen Verständnis dieser »Personen« ab. Als Protagonisten jeweils zeitgemäßer Labyrinthgeschichten sind sie Personen im ursprünglich antiken Sinn, nämlich Masken des Menschen: Bilder seines Selbstverständnisses.  

Minotauros, Theseus, Daidalos - das sind Bilder des Mannes, sagt nicht nur die moderne Feministin. Tatsächlich ist die Erinnerung an Ariadne, die ursprüngliche Herrin des Labyrinths, in der Geschichte der europäischen Kultur fast ganz verlorengegangen. Übriggeblieben ist in den Männergeschichten vom Labyrinth der hilfreiche Faden für Theseus, der sprichwörtliche Faden der Ariadne. Mitleid mit der kretischen Königstochter bekundeten fast ausschließlich die Komponisten: Claudio Monteverdi in seinem Opernfragment »Die Klage der Ariadne«, Richard Strauss zu Beginn unseres Jahrhunderts in seiner Oper »Ariadne auf Naxos«. Am Ende des 20. Jahrhunderts ist gewiss der Augenblick gekommen, Ariadne nicht nur zu beklagen, sondern sie in ihre alten Rechte einzusetzen.  

Das Labyrinth - ein Mandala der westlichen Kultur? Dagegen scheint die Ambivalenz des Zeichens zu sprechen: Es ist Symbol des Weges, den wir gehen; der aber kann ein Weg sowohl des Heils als auch des Unheils sein. Gewiss also kein Zeichen, das man ohne Beunruhigung meditierend in sich aufnehmen kann. Es ist ein offenes Mandala im doppelten Sinne: Eine Öffnung führt hinein und hinaus, in den modernen Zeiten oft sogar mehrere - ein Hinweis darauf, dass es ein Innen und Außen gibt, Spannung und Dynamik. Offen ist das Labyrinth auch darin, dass es eine Fülle aktueller und potentieller Bedeutungen repräsentiert - eine hoffnungslose Angelegenheit für Dogmatiker und perfektionistische Enzyklopädisten. Dies bedenkend beginne ich vom Labyrinth zu erzählen, und es wird bewusst sehr viel erzählt und auch mit Zitaten nicht gespart, um die alten und neuen Bilder und Geschichten zum Sprechen zu bringen.  

 

Anmerkungen

 

1 Vgl. Stanislaw Lem: Die Ratte im Labyrinth.

2 Gustav René Hockes Werk ist als Doppelband 50/51 der rde 1957 erstmals erschienen. Eine Neuauflage ist 1987 im Rowohlt-Verlag herausgekommen.

3  Gustav René Hocke: Manierismus in der Literatur. Sprach-Alchemie und esoterische Kombinationskunst. rde 82783. Hamburg 1959, S. 99

4  Hermann Pongs: Franz Kafka. Dichter des Labyrinths. Stuttgart 1963

5  Marianne Thalmann: Romantik und Manierismus. Stuttgart 1963

6  Eberhard Roters in der Einleitung des Katalogs "Labyrinthe. Phantastische Kunst vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart". Berlin 1966/67 (ohne Paginierung)

7  William Henry Matthews,  London 1922, Reprint New York 1970

8  Michael Ayrton: Ich erbaute das Labyrinth. Die Autobiographie des Daidalos. Frankfurt 1970 (The Maze Maker, London 1967).

9  Hermann Kern: Labyrinthe. Erscheinungsformen und Deutungen. 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds. 3. Auflage. München 1987.

10  Achille Bonito Oliva/ Paolo Portoghesi/ Umberto Eco/ Paolo Santarcangeli: Luoghi del silenzio imparziale. Labirinto contemporaneo, Katalog, Mailand 1981.

Umberto Eco: Der Name der Rose. Roman (Italienische Erstausgabe: 1980).

Friedrich Dürrenmatt: Labyrinth. Stoffe I – Ill (Neuausgabe), Zürich 1990

Hans Peter Duerr: Sedna oder Die Liebe zum Leben. Frankfurt 1990 (Erstausgabe: 1984)

Hans Blumenberg: Höhlenausgänge. Frankfurt 1989

Manfred Schmeling: Der labyrinthische Diskurs. Frankfurt 1987

11   Paolo Santacangeli: Il libro dei labyrinti. Storia di un mito e di un simbolo. Prefazione di Umberto Eco. MIlano 1984

12  Penelope Reed Doob: The Idea of the Labyrinth from Classical Antiquity through the Middle Ages. Cornell University Press. Ithaca and London 1990

13 Penelope R. Doob, a.a.O., S. 2

14 Ich nenne hier als pars pro toto die Veröffentlichungen von Gernot Candolini, insbesondere sein Buch "Das geheimnisvolle Labyrinth. Mythos und Geschichte eines Menschheitssymbols", Augsburg 1999.  Einen großartigen Bildband mit interessanten Aufsätzen hat der Fotograf Jürgen Hohmuth 2003 herausgebracht: Labyrinthe & Irrgärten, München 2003. Last but not least ist hier auf Jeff Sawards "Großes Buch der Labyrinthe und Irrgärten" zu verweisen, das deren "Geschichte, Verbreitung und Bedeutung" zum Gegenstand hat (Aarau 2003).

15 Vgl. Brockhaus Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden. Neunzehnte, völlig neu bearbeitete Auflage. 14. Band, S. 128 f.

16 Tantrische Kunst des Buddhismus. Katalog der Ausstellung unter der Schirmherrschaft des Senators für Kulturelle Angelegenheiten Dr. Dieter Sauberzweig. Kunstamt Berlin-Tempelhof. Verlag Ullstein. Berlin 1981

16 Kern: Labyrinthe, a.a.O., S. 13.

Ich folge hier und im weiteren den Differenzierungen des Begriffs, die H. Kern vorgenommen hat. Vgl. auch dessen knappe Darstellung seiner Auffassungen in Bild der Wissenschaft 11/1982, S. 148 - 159.

17 Vgl. Kern, Labyrinthe, S. 202 f.

18  Ebd., S. 13 - 17

19  Zur Konstruktion von Labyrinth-Figuren siehe Adrian Fisher & Georg Gerster: Labyrinth. Solving the Riddle of the Maze. New York 1990, S. 57 ff. (The Nature of Puzzlement).

20 Eine kritische Darstellung des Sachverhalts gibt G. S. Kirk: Griechische Mythen. Ihre Bedeutung und Funktion. re 444. Reinbek 1987. Vgl. dazu auch die Einleitung zu K. Kérenyis Erzählwerk »Die Mythologie der Griechen«. Band 1. dtv 1345. München 1966, S. 7 - 17. Zum Problem der Umdeutung siehe F. Schachermeyr, Die griechische Rückerinnerung. Wien 1983. Speziell zu Kreta, S. 281 - 290.

21 Friedrich Dürr: Die Schrift als semitische Morgengabe an Athen und Rom. Gublitisch / Kyprisch / Kretisch und Etruskisch im Licht neuer Entzifferungen. Rückersdorf 1999/2000, S. 165 - 167. Siehe auch Ilse M. Seifried (Hrsg.): DAS LABYRINTH oder Die KUNST ZU WANDELN. Haymon-Verlag. Innsbruck 2002, S. 14 f. Vgl. die Dokumentation im Internet: "Die Kunst zu wandeln, das labyrinth, Mythos und Wirklichkeit. Textauszüge aus dem Ausstellungs-Katalog“ , http://www.das-labyrinth.at/labyrinth/labyrinth-text-dt.htm. Die Ausstellung fand vom 13.11.1999 bis zum 31.1.2000 in der Shedhalle St. Pölten statt. Konzipiert und durchgeführt wurde sie von Ilse M. Seifried. Zur bisherigen Deutung vgl. Kern, Legende zu Abb. 103 - 104, S. 97.

22  Vgl. Kern,S.87 ff.  

23  Vgl. Kern, Abb. 107, S. 98. Eine wesentlich ältere Verbindung der klassischen Labyrinth-Form mit Figuren, die der Theseus-Sage entstammen können, dokumentiert die etruskische Weinkanne von Tragliatella (um 620 v. Chr.). Die Bezeichnung des Labyrinths als »Truia« verweist auf den später »Trojaspiel« genannten Labyrinth-Tanz.

 

Bildnachweis

Labyrinthfigur: Bullenlabyrinth, aus: ZEITmagazin Nr. 8, 19. 2.1993

Michael Ayrton: Arkville Maze, New York State, aus: http://www.kzu.ch/fach/as/gallerie/myth/theseus/theseus_pages/theseus_18_02.htm

Giovanni Fontana: Rechteckiger Irrgarten. München, Bayerische Staatsbibliothek

Labyrinth mit sieben Umgängen, kretischer Typ: nach einer Münze aus Knossos

Ariadnefaden als Weg durch das Labyrinth. Zeichnung von Art Glöckner

Ritzzeichnungen auf einem Tontäfelchen aus Pylos. Zeichnung von M. Lang

Zeichnung einer Felsritzung in der »Tomba del Labirinto« nach einem Foto von Rainer Pauli

Ritzzeichnung aus Pompeji. Zeichnung nach Werner Krenkel

 

 

 

Anhang

 

Helmut Jaskolski: Typen von Labyrinthen

 

Typ I: Labyrinth im eigentlichen Sinn, das klassische Labyrinth

Geometrische Figur mit runder oder eckiger Begrenzung nach außen, deren Linien als Begrenzungsmauern für den zwischen ihnen verlaufenden Weg zu lesen sind. Hermann Kern hat folgende Merkmale des Weges in solchen Ein-Weg-Labyrinthen (univiale Labrinthe) genannt:

Er ist

-  kreuzungsfrei, d. h., er bietet keine Wahlmöglichkeit, 

-  wechselt immer pendelnd die Richtung,

-  füllt in einem Maximum an Umweg den ganzen Innenraum aus, 

-  führt den Besucher wiederholt am erstrebten Zentrum vorbei,

-  mündet zwangsläufig ins Zentrum,

-  führt aus dein Zentrum wieder als einziger Ausweg heraus.

Das klassische Labyrinth weist hinsichtlich der Zahl der Umgänge und der Linienführung mehrere Varianten auf. Die wichtigsten sind:

-  der kretische Typ mit sieben Umgängen

-  der Typ Chartres: elfgängiges Labyrinth mit Kreuzstrukturierung, 

   typisch für die Kirchenlabyrinthe des Mittelalters.  

   

Typ II: der Irrgarten, das neuzeitliche (moderne) Labyrinth

Im Gegensatz zum klassischen Labyrinth handelt es sich um ein Irrgang-System mit Wahlmöglichkeiten zwischen alternativen Pfaden, in dem es auch Sackgassen (dead ends) gibt.

Der Irrgarten ist die bildnerische Formulierung des seit der Antike bekannten literarischen Motivs vom »error inextricabilis«, dem unentwirrbaren Irrweg (nach Vergils Aeneis).

Die älteste bekannte Darstellung des Irrgarten-Labyrinths ist im Notizbuch des venezianischen Arztes Giovanni Fontana (ca. 1395 - ca. 1455) zu finden.  

Typ III: das Rhizom-Labyrinth (Labyrinth als Netzwerk oder Rhizom), sozusagen das postmoderne Labyrinth

Umberto Eco hat diesen dritten Typ in Anlehnung an die Metapher des Rhizoms, die Deleuze und Guattari 1976 vorgeschlagen haben, formuliert. Es ist ein Gedankenlabyrinth, ein metaphorisches Gebilde. Dazu Umberto Eco, Nachschrift zum »Namen der Rose«, dtv 10552, München 1986. Genauer in »Kritik des porphyrischen Baumes« in: Im Labyrinth der Vernunft. Texte über Kunst und Zeichen. Leipzig 1990, S. 89 ff.

   

(der) Labyrinthos

Bezeichnung des Bauwerks, das Daidalos der Sage nach für König Minos von Kreta konstruiert hat, »Gefängnis« des Minotauros: Haus des Dädalus genannt (domus Daedali).  

 

Ein Beitrag von Professor Dr. Max J. Kobbert 

 

Max J. Kobbert, Professor für Kunstdidaktik und Psychologie an der Kunstakademie Münster, hat mir im Januar 1995 einen interessanten Brief geschickt, dessen hauptsächlichen Inhalt ich zehn Jahre später gern auch anderen Lesern zugänglich machen möchte. Die Veröffentlichung geschieht mit seiner Erlaubnis.

Professor Kobbert ist der Erfinder mehrerer labyrinthischer Brettspiele und elektronischer Spiele, die einen neuen Typus des Labyrinths verkörpern. Als erstes erschien 1986 »Das verrückte Labyrinth«. Es ist weltweit populär geworden. Bei einem Feld aus 7 x 7 quadratischen Labyrinthteilen wird ein zusätzliches Teil jeweils seitlich in das Labyrinth eingeschoben. Dadurch, dass sich dabei eine komplette Reihe von Teilen verschiebt, ändert sich das System des Wegenetzes bei jeder Aktion des Spielers. Mit den folgenden Anmerkungen, die Gedanken von Hermann Kern aufgreifen, hat er eine erweiterte kulturanthropologische Typologie des Labyrinths gegeben. Die genannten Typen sind „die Kinder des jeweiligen Zeitgeistes in Bezug auf das vorherrschende Menschenbild“.

 

1. Einwegige Labyrinthe (Pilgerlabyrinthe)

Die ursprünglichsten Labyrinthe, diejenigen des "kretischen" Typs, stellen nur einen einzigen Weg dar. Er ist zwar verwirrend unübersichtlich, doch jeder, der sich ihm anvertraut und dem vorgezeichneten Weg folgt, findet unweigerlich das wesentliche Zentrum (und findet ebenso sicher wieder hinaus). Diese Labyrinthe entsprechen einer Weltanschauung, bei der das Leben eines Jeden der einen, einzigen, von der allgemein geltenden und verbindlichen Religion vorgezeichneten Spur bis zum Lebensziel folgt. Diese Labyrinthform sieht keinerlei Sackgassen oder Irrwege vor, weil es keinen Entscheidungsfreiraum für das Individuum gibt. Zweifellos ist diese archaische Lebensauffassung mit ihrer starken Einbindung des Einzelnen in die (Stammes-) Gemeinschaft wesentlich älter als die mediterranen, indianischen oder indischen Kulturen, innerhalb derer das Urlabyrinth als Symbol aufgetaucht ist.

 

2. Irrwegige Labyrinthe (Entscheidungslabyrinthe)

Zwar gab es schon in altägyptischer Zeit vereinzelt Darstellungen mit Irrweg-Systemen, auf manchen Münzen aus Knossos lassen sich mehrere Ein- und Ausgänge feststellen (Mäanderlabyrinthe), und viele der Labyrinthmünzen mit dem typisch "kretischen" Labyrinth enthalten Sackgassen, die allerdings wohl hauptsächlich auf fehlerhafte Reproduktion des Einweglabyrinths zurückzuführen sind. Beherrschender Typus konnten sie erst in der Renaissance werden, als Giovanni Fontana um 1420 systematisch irrwegige Labyrinthe zeichnete und auf die unendliche Vielfalt derart möglicher Labyrinthe aufmerksam machte. Die - typisch für das Menschenbild der Renaissance - neu gewonnene Freiheit betraf erstens die Freiheit zur Abkehr vom Formenkanon der einwegigen Labyrinthstruktur, sie betraf zweitens die Entscheidungsfreiheit dessen, der sich in das Labyrinth begibt, der nicht mehr durch blinden Gehorsam, sondern in eigener Verantwortung richtig und falsch zu unterscheiden übernimmt. Es entspricht der Situation nach dem Genuss vom Baum der Erkenntnis: Gewinn von Entscheidungsfreiheit und Selbstverantwortung auf Kosten von Geborgenheit, Vertrauen und Gehorsam.

 

3. Veränderliche Labyrinthe (Variationslabyrinthe)

Einen weiteren qualitativen Sprung im Freiheitsgrad repräsentieren die veränderlichen Labyrinthe. Zwar sind schon in antiker Zeit labyrinthische Wegsysteme verändert worden (in irreführender Absicht etwa durch das Zumauern von Gängen und durch Scheintüren in ägyptischen Pyramiden; auch in den alten Palästen von Kreta findet man vermauerte Wege). Doch bei den veränderlichen Labyrinthen, die in Spielen der letzten Jahre eine wesentliche Rolle spielen, kommt etwas Neues hinzu (zu den Spielen dieses Typs rechne ich nicht nur meine eigenen Labyrinthspiele, sondern auch das „Scout" von Piatnik und „Labyrinth" von MB). Es ist die permanente Veränderung, die nicht durch höhere Ordnung vorgegeben ist, sondern vom Spieler selbst vorgenommen wird. Der Wanderer durch das Labyrinth (symbolisiert von der Spielfigur) bewegt nicht nur sich selbst durch das Labyrinth, sondern - er bewegt die Wege. Verbindungen werden aufgelöst und zugleich neue geschaffen. Im Sinne der Chaostheorie, nach der ein kleiner Anlass große Wirkungen zeigen kann, genügt hier eine Handbewegung, um ein ganzes System zu verändern; die ganze kleine Welt des Spielbretts erhält bei jeder Aktion eine neue Struktur. Der Spieler ändert das Bedingungsgeflecht für das weitere Spiel sowohl für sich selbst wie für seine Mitspieler.

Dieser systemische Gedanke entspricht in wesentlichen Zügen dem Selbstverständnis des Menschen in unserer Zeit. Der Mensch versteht sich heute nicht mehr als derjenige, der innerhalb einer festgefügten Ordnung zwischen Alternativen wählen darf. Vielmehr wird er sich zunehmend dessen bewusst, dass sein Handeln die bestehenden Bedingungen seiner Lebenswelt entscheidend mit beeinflusst (ich nenne nur Stichwörter wie Ozonloch, Klimaveränderung, Vernichtung der Regenwälder, Müllproblematik, Aussterben zahlreicher Tierarten usw. in Zusammenhang mit eigenen Verhaltensweisen wie Verwendung von FCKW, Edelholz, Pelzen, Erzeugung von C02, Abfall usw.). Hinzu kommt, dass in unserer multikulturellen und überinformierten Zeit Normen und Ziele ihre Allgemeinverbindlichkeit verloren haben. Mit "Der Weg ist das Ziel" wird in neuzeitlich-westlicher Adaptation eines buddhistischen Gedankens die entstandene Orientierungslosigkeit in einen positiven Wert umgemünzt und der Lebenslauf in ein Gefüge von nahzielorientierten Strecken umstrukturiert. Dem entspricht bei meinen Labyrinthen der Fortfall eines zentralen Zielfeldes; stattdessen besteht der Spielverlauf in einem Kreuz und Quer von Teilziel zu Teilziel; und zum Schluss kehren die Spieler zum Ausgangspunkt - symbolisch für das eigene Selbst -  zurück. Kurz: Die veränderlichen Labyrinthe sind dynamische Abbilder unserer Zeit und unseres Selbstverständnisses.

 

 

Links

 

Max J. Kobbert: http://www.reich-der-spiele.com/specials/Labyrinth und http://www.reich-der-spiele.com/Autoren/MaxJKobbert

Gernot Candolini: http://www.labyrinthe.at/start.php

Ilse M. Seifried: http://www.das-labyrinth.at/labyrinth/labindex.htm

The Labyrinth Society: http://www.labyrinthsociety.org/

Labyrinth-Projekt: http://www.labyrinth-international.org/  

The Labyrinths & Mazes Resource Centre / Caerdroia: http://www.labyrinthos.net/

Labyrinthe in Deutschland: http://www.begehbare-labyrinthe.de/

Das Labyrinth: http://www.das-labyrinth.de/start.html

Adrian Fisher Maze Design: http://www.mazemaker.com/

Das Labyrinth von Chartres: http://www.aliquot.de/chartres/chartres.htm

Das Labyrinth-Mandala von Chartres: http://12koerbe.de/azur/cha-laby.html

Erwin Reißmann 

Die Einführung als DOC-Datei Labyrinth_Revidierte Einführung

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