Helmut Jaskolski, Das Labyrinth, Kapitel I

 

Minotauros

 

Theseus schleift den toten Minotauros aus dem Labyrinth.

Mittelstück einer rotfigurischen Trinkschale (um 440 – 430 v. Chr.)

 

 

 

 

 

 

 

Der Minotauros ist es,

der die Existenz des Labyrinths vollgültig rechtfertigt.

Jorge Luis Borges

 

 

Es galt, einem höchst merkwürdigen Wesen Unterkunft zu verschaffen. Oder sollte ich sagen: ein Gefängnis einzurichten, einen Tempel zu bauen? Jawohl, eine Stätte der distanzierten Verehrung und des beschwichtigenden Opfers mußte es werden, aber zugleich eine Art Käfig und Verlies, so daß die Bewohner der Insel für immer vor ihm sicher waren; für immer mußte es den Blicken der Menschen entzogen werden.

MINOS, dem König von Kreta, war aus dem Schoß seiner Gattin PASIPHAE das ungeheuerliche Wunderwesen geboren worden: der stierköpfige MINOTAUROS, halb Mensch, halb Tier, »Stier des Minos« genannt, obwohl einzig und allein Sohn der Königin, nicht des Königs, Kind der unzüchtigen Liebe Pasiphaës zu einem wunderbaren weißen Stier - oder sollte es ein gottgewollter, sozusagen heiliger Seitensprung gewesen sein, vor dem unsere Moralbegriffe versagen? Sein fabelhaftes Ergebnis, die göttliche Mißgeburt, war für den gehörnten König des mächtigen Kreterreiches gewiß eine unerhörte Schande, ein Unglück sondergleichen, aber für sich betrachtet doch ein Gegenstand des Staunens, der Verwunderung, darauf weist sein anderer Name hin: ASTERIOS, das Sternenwesen, von griechischen Vasenmalern mit sternübersätem Körper dargestellt.

Trotz aller möglichen Vorzüge, die das außergewöhnliche Wesen besitzen mochte, gab es für Minos keinen Zweifel: Der ungeliebte Bastard hatte zu verschwinden, und zwar schnell und gründlich. Aber da war guter Rat teuer: Wohin nur und hinlänglich standesgemäß?

Glücklicherweise lebte seit einiger Zeit in Knossos, der königlichen Residenzstadt, ein Flüchtling aus Athen, der in seiner Heimatstadt eines Mordes angeklagt gewesen war und noch rechtzeitig ein Schiff nach Kreta bestiegen hatte. Ihm hatte König Minos wegen seiner genialen technischen Fertigkeiten, womit er schon in Athen Aufsehen erregt hatte, Asyl gewährt. DAIDALOS war sein Name. Nun konnte er Minos seinen Dank abstatten.

Alles mögliche hatte Daidalos erfunden, Werkzeuge vor allem, jetzt war er als Baumeister gefordert. Und er erledigte den Auftrag des Minos mit der ihm eigenen Perfektion: Er konstruierte und baute den LABYRINTHOS, ein architektonisches Wunderwerk, das den komplizierten Anforderungen vollkommen gerecht wurde: den Zwinger für Minotauros - Gefängnis, Versteck und Tempel zugleich -, ein weitläufiges System von verschlungenen Gängen, die zum Mittelpunkt, der Wohnung des Ungeheuers, führten, aber so, daß der Weg ins Innere zwangsläufig, der Weg hinaus so gut wie unmöglich zu finden war. Für den Außenstehenden war das Ganze bloß ein überaus unübersichtliches, verwirrendes Bauwerk, das einen bei dem bloßen Gedanken daran schwindlig machen konnte, für den Eingeweihten dagegen erfüllte es mit größter Vollkommenheit seinen Zweck: Minotauros auf alle Zeit verschwinden zu lassen, denn einmal hineingebracht, würde er den Weg zurück nie mehr finden, andererseits dem zwielichtigen Wesen aus Mensch und Tier mit göttlichem Anspruch die geschuldeten Opfer zukommen zu lassen, Menschenopfer, die ins Zentrum des Labyrinthos gelangen würden, aber niemals mehr hinaus.

Und Minotauros verschwand darin - aus den Augen des unglücklichen Königs und der sensationslüsternen Öffentlichkeit, vielleicht auch aus dem Sinn der Mutter, die ihren weißen Stier vergessen konnte, um sich wieder ganz ihrem königlichen Gemahl zu widmen. Der Erfolg blieb nicht aus: Pasiphae gebar ihrem Eheherrn noch andere Kinder, echte Minoskinder, darunter ANDROGEOS und ARIADNE.

Beide wuchsen auf und machten von sich reden: Androgeos durch Heldentaten, die ihn zwangsläufig aufs Festland führten, nach Attika, wo König AIGEUS herrschte, Ariadne durch den Glanz ihrer Erscheinung, einen Sternenglanz, der an ihren Halbbruder, den Asterios genannten, erinnerte; gerühmt wurde sie als »die überaus Reine« und »die überaus Klare«.

Was dem Androgeos in Attika zustieß, läßt sich nicht mit Sicherheit ermitteln: Die gängigste Nachricht besagt, König Aigeus habe ihn gegen den Stier von Marathon geschickt und wie viele andere vor ihm sei er von dem wilden Tier getötet worden. Aber was heißt schon »von Aigeus geschickt«? Das sieht nach einer nachträglichen Schuldzuweisung aus. Den kretischen Prinzen wird wohl das Abenteuer gelockt haben, die eigene Geschicklichkeit an dem berühmten Stier zu erproben.

Die schreckliche Botschaft vom Tod des geliebten Sohnes brachte den Vater fast um. Er schwor, sich an König Aigeus und den Athenern fürchterlich zu rächen. Damals beherrschte Minos mit seiner Flotte das Mittelmeer. Er landete an der Küste Attikas, und bald hatte er Athen bezwungen. Die Athener mußten fortan einen furchtbaren Tribut entrichten: In jedem neunten Jahr waren sieben Knaben und sieben Mädchen nach Kreta zu senden, um dem Minotauros im Labyrinthos geopfert zu werden.

Als THESEUS, der Sohn des Königs Aigeus, den Stier von Marathon besiegte, waren schon achtzehn Jahre vorbei, und zum dritten Mal war die Opferschar auszulosen. Theseus, der junge Draufgänger, witterte ein neues Abenteuer und meldete sich freiwillig als einer der sieben Jünglinge. Manche behaupteten, auch er sei ausgelost worden. Jedenfalls war er beim dritten Mal dabei, und das war entscheidend. Mit schwarzem Segel lief das Schiff aus, das den Königssohn und seine Gefährten nach Knossos brachte. Da Aigeus noch nicht alle Hoffnung aufgegeben hatte, führte die Besatzung nach seiner Anweisung ein weißes Segel mit, das im Falle einer glücklichen Heimkehr gehißt werden sollte.

Gleich nach der Ankunft in Knossos muß es dem aufgeweckten Theseus gelungen sein, ein Stelldichein mit der königlichen Prinzessin zu arrangieren. Ariadne verliebte sich auf den ersten Blick in ihn und beschwor ihn, sie zur Gattin zu nehmen, wenn er aus dem LABYRINTHOS glücklich zurückkomme. Damit dies aber gelänge, gab sie ihm ein Garnknäuel, mit dessen Hilfe er in den Labyrinthos hinein- und wieder herausfinden könne. Theseus versprach hoch und heilig, sie zu heiraten und mit ihr nach Athen zurückzukehren.

 

Theseus und Ariadne, auf einer kretischen Kanne aus Arkades (frühes 7. Jh.)

Und noch in der gleichen Nacht machte er sich auf den Weg zu Minotauros. Das eine Ende des Garnfadens befestigte er am Türstock des Eingangs, wie Ariadne es ihm gesagt hatte, und indem er das Knäuel langsam abrollte, schritt er mutig durch das Dunkel der Gänge, bis er die Kammer mit dem schlafenden Ungeheuer gefunden hatte.

Wie Theseus den furchtbaren Gegner tötete, bleibt letztlich ein Geheimnis. Nach Ariadnes Willen sollte er ihn am Stirnhaar ergreifen und dem POSEIDON opfern. Erstach er ihn mit dem Schwert, das Ariadne vorsorglich mitgegeben hatte? Kam es zu einem wirklichen Zweikampf ebenbürtiger Gegner, oder überwältigte er den Stierköpfigen im Schlaf? Nehmen wir an, daß es ein fast ritterlicher Zweikampf war: Theseus mit Schwert oder Keule, Minotauros mit einem Stein, oder beide im Ringkampf die Hände gebrauchend, bis der Stiermensch im Würgegriff des athenischen Draufgängers zusammenbrach. In diesem Augenblick wurde Theseus zu einem wahren Helden, zum Befreier seiner Gefährten und seiner Vaterstadt.

 

Theseus kämpft mit dem Minotauros. Schildrelief von Olympia, um 600 v. Chr.

 

Was folgte, war fast ein Kinderspiel: Am Faden der Ariadne, das Knäuel wieder aufrollend, fand er aus dem Labyrinthos hinaus in die Freiheit, hinein in Ariadnes leidenschaftliche Umarmung. Seine Gefährten befreite er listig aus dem Gewahrsam des Minos. Bevor er mit ihnen und Ariadne das Schiff bestieg, schlug er die Böden der kretischen Schiffe ein; unerreichbar waren die Geretteten nun dem wütenden Minos.

Einige Tage später landete er auf der Insel Dia, die heute Naxos genannt wird. Was dort geschah, ist wiederum so geheimnisvoll, daß uns nur Vermutungen bleiben, uralt überlieferte Vermutungen, die sich widersprechen. Nach der Erzählung von der Himmelfahrt der Ariadne war es Theseus nicht vergönnt, die Geliebte heimzuführen, denn der Gott DIONYSOS erschien auf Naxos, entführte die schöne Braut und feierte mit ihr heilige Hochzeit. War Ariadne schon vorher die Verlobte des Gottes gewesen, und hatte er die Ungetreue, die in Liebe zu Theseus entbrannt war, nur zurückgeholt, wie manche vermuten?

Die bekanntere Version dessen, was sich auf Naxos abgespielt hat, spricht von der Untreue des Theseus: Er habe die schlafende Ariadne einfach vergessen, sie an der Küste zurückgelassen und sei weitergesegelt. Wie erklärt man aber die Untreue des großen Helden? Antike Männerphantasie sagt: Helden gehen nicht nur über Leichen, sondern pflücken auch alle Blumen der Liebe am Wegrand. Der Name der neuen soll AIGLE gewesen sein, das Licht, eine Tochter des PANOPEUS, ein lichtes Mädchen wie Ariadne. Sollte man Theseus einen solchen Zynismus zutrauen?

Nein, sagen die Apologeten, der Held wurde ja unter Druck gesetzt: entweder durch ein eindringliches Gespräch, das Dionysos, unterstützt von PALLAS ATHENE, mit ihm führte, oder durch einen einschüchternden Traum, den ihm der liebestolle Gott schickte. Und warum, fügen sie hinzu, sollte sich Theseus, der zu seinem Leidwesen die geliebte Ariadne aufgeben mußte, nicht mit Aigle getröstet haben?

Die entschiedenen Moralisten unter den Erzählern rufen dagegen auf die ungetreue Braut Ariadne die grausame Rache des Himmels herab: Entweder habe ARTEMIS sie mit ihren Pfeilen getötet, oder sie sei auf der Insel im Wochenbett gestorben - von allen verlassen. Vom Standpunkt der Moral gesehen hatte sie nichts Besseres verdient: Immerhin hatte die Prinzessin ihren Halbbruder Minotauros dem Fremden ans Messer geliefert, hatte einen wichtigen Staatsakt vereitelt, der die Oberhoheit des minoischen Reiches über Athen symbolisierte, hatte ihren Vater Minos hintergangen . . . Das war nicht nur Verrat, das war Hochverrat!

Theseus verließ Naxos jedenfalls ohne seine Geliebte, behielt aber eine Statue der Aphrodite, die Ariadne von Kreta mitgenommen hatte. Als er mit seinen Gefährten auf der Insel Delos landete, brachte er dort dem Apollon ein Opfer dar und stellte die Statue auf, die fortan von den Bewohnern als ARIADNE APHRODITE verehrt wurde. Zur Feier der gelungenen Befreiung aber führte der Held mit den Jungen und Mädchen einen Reigen auf, der die Windungen des Labyrinthos in einem gewissen Rhythmus nachahmte. Seitdem tanzten die Delier beim Fest der Aphrodite den GERANOS, den Kranichtanz. Die Geretteten aber machten sich auf den Heimweg.

Als sie sich der Küste Attikas näherten, vergaßen sie in ihrer Freude, das schwarze gegen das weiße Segel auszutauschen. Aigeus, der wartende König, erblickte das schwarze, welches das Schiff bei der Abfahrt getragen, und stürzte sich voller Verzweiflung vom Felsen. So wurde Theseus sein Nachfolger. Aber nicht nur das: Seitdem verehrten ihn die Athener als den Gründer ihres Stadtstaates, hervorgegangen aus den vereinigten Gemeinden Attikas, und später galt er ihnen als der weise Herrscher, der die Königsgewalt beschränkte und die Demokratie auf den Weg brachte.

Eine traurige Geschichte voll menschlicher Katastrophen, diese Geschichte von Minos und Pasiphae, von Minotauros und dem Labyrinthos, vom zwielichtigen Asylanten Daidalos, von Theseus und Ariadne, eine Geschichte von Ehebruch und maßloser Leidenschaft, von Lug und Trug, Verrat und Untreue, eine Geschichte aber auch vom lockenden Abenteuer, von Klugheit und Mut, von Rettung und Befreiung, nicht zuletzt von der Liebe, die das scheinbar Unmögliche möglich macht. Sie wurde seit vielen Jahrhunderten immer wieder neu erzählt und verband sich unauflöslich mit der Jahrtausende alten Vorstellung vom Labyrinth, diesem geheimnisvollen Bild des menschlichen Lebens in dieser Welt.

 

 

 

Anmerkungen

Motto: Jorge Luis Borges, zitiert nach Bert Nagel, Kafka und die Weltliteratur, München 1983, S. 363 („Wie Borges selbst erklärt, sei es der Minotaurus, der die Existenz des Labyrinths vollgültig rechtfertigt".)

Die Geschichte ist erzählt nach Karl Kerényis Griechischer Mythologie für Erwachsene, die mit dem Titel „Die Mythologie der Griechen" in zwei Bänden erschienen ist (München 1966). Im zweiten Band findet man unsere Helden wieder: in den Heroen-Geschichten. Ergänzend wurden Plutarchs Erzählung der Kretareise (Große Griechen und Römer, Band 1, München 1979) und die Darstellung herangezogen, die Robert von Ranke-Graves gegeben hat (Griechische Mythologie, Reinbek bei Hamburg 1960).

 

Bildnachweis

Theseus schleift den toten Minotauros aus dem Labyrinth. Mittelstück einer rotfigurigen Kylix mit den Taten des Theseus. London, British Museum, E 84

Theseus und Ariadne, Museum Iraklio, nach Karl Schefold, Frühgriechische Vasenbilder, München 1964. (c) 1964 by Hirmer Verlag, München. Mit freundlicher Genehmigung des Hirmer-Verlags. 

Theseus kämpft mit dem Minotaurus, nach K. Schefold, a.a.O.