Helmut Jaskolski, Das Labyrinth, Kapitel III

 

Missverständnisse

 

  

  Liber Floridus des Lambert von Saint-Omer

Genter Handschrift (ca. 1060 -1123), Kopie aus dem 15. Jahrhundert

   

 

Als Gegenbild sah man am andren Tor

Das Eiland Kreta aus den Fluten ragen:

Pasiphae, die sich in grauser Brunst

Heimlich dem Stier gesellte, schuf er hier

Und Minotaur, halb Mensch - halb Tiergebilde,

Der sünd'gen Wollust zwitterhaftes Mal.

 

Vergil, Aeneis

 

Mittelalterliche Gelehrsamkeit schöpfte ihr Wissen aus den antiken Quellen. Liebevoll sammelten kluge Mönche und geistliche Herren die alten Schätze und vermittelten sie mit pädagogischem Eifer an ihr bildungswilliges Publikum, an Kleriker und Nonnen, späterhin an die Studenten der Universitäten. Eine der erfolgreichsten Blütenlesen dieser Zeit war der 1121 vollendete »Liber Floridus« des Kanonikus Lambert, eines Chorherren im Kapitel der Kathedrale von Saint-Omer. In zahlreichen Manuskripten war dieses Buch bis zum Ausgang des Mittelalters verbreitet - in heutigen Begriffen wahrhaft ein Bestseller. Was erfuhren die Gebildeten jener Zeit vom kretischen Labyrinth, dem Haus des Daidalos?

Die Kopie aus dem 15. Jahrhundert1 zeigt in einem Labyrinth mit elf Umgängen die Gestalt des Minotauros: ein Stier mit dem Oberkörper und Kopf eines Mannes, freilich ergänzt durch Hörner, die nicht nur einem Stier, sondern auch einem Ziegenbock gehören könnten - ein bewaffnetes Zwitterwesen, jedoch ganz hübsch anzusehen. Drumherum die kommentierenden Bemerkungen des mittelalterlichen Aufklärers:

DOMUS DEDALI IN QUA MINOTAURUM MINOS REX POSUIT.

Das Haus des Daidalos, in das König Minos den Minotauros einsperrte.

DEDALUS ARTIFEX. Daidalos, der Kunstfertige.

YCARUS FILIUS EIUS. Ikaros, sein Sohn.

Im Original des 12. Jahrhunderts ist außerdem zu lesen:  

PASIPHE REGINA. Königin Pasiphae.

MINOTAURUS IN LABERINTHO. Minotauros im Labyrinth.

Im Personenverzeichnis ausgelassen haben die frommen Gelehrten, die den Liber floridus geschaffen und kopiert haben, das berühmte Liebespaar dieser alten Geschichte: Theseus, den königlichen Prinzen aus Athen, und Ariadne, die Tochter des Minos und der Pasiphaë. Theseus wird nur beiläufig in der Kurzfassung der Geschichte erwähnt, die den unteren Teil des Blattes einnimmt. Ariadne, die strahlendste Figur der ganzen Geschichte, erscheint überhaupt nicht auf der Bildfläche. Die kretische Prinzessin und ihr Faden paßten ganz offensichtlich nicht ins Konzept. Interessiert war Lambert von Saint-Omer an Denkwürdigkeiten und Weltwundern vor allem architektonischer Art, und zu diesen MIRABILIA gehörte für ihn auch das kretische Labyrinth, das er sich als eine Kombination von Höhle und Haus vorstellte. Selbstverständlich mußte bei der Präsentation dieses Wunderwerks sein Erfinder und Baumeister gewürdigt werden. Was veranlaßte ihn, das grausliche Höhlenhaus zu bauen, und welche Konsequenzen ergaben sich daraus für ihn und seinen Sohn?

Versuchen wir, den lateinischen Text der Labyrinth-Geschichte zu übersetzen:  

Pasiphae, die Königin der Kreter, trieb es mit einem Stier, und zwar so, daß sie in eine hölzerne Kuh schlüpfte, die Daidalos genialerweise geschaffen hatte. Und sie wurde davon schwanger und gebar den Minotauros, halb Mann, halb Stier. Als dieser geboren war, baute Daidalos auf Befehl des Königs Minos eine höhlenartige Anlage, genannt das Labyrinth, und darüber ein Haus. Und dahinein wurde der Minotauros gesetzt. Als Minos, der kretische König, die Athener siegreich geschlagen hatte, legte er ihnen auf, daß ihm folgender Tribut gegeben werde: Jeweils nach drei Jahren sollten zweimal sieben junge Männer dem Minotauros zur Fütterung geschickt werden. König Minos (war) voll Zorn auf Daidalos, weil dieser dank seiner Erfindungsgabe bewerkstelligt hatte, daß sich der Stier mit der Königin Pasiphaë paaren konnte, aber auch deshalb, weil durch dessen Verrat Theseus den Minotauros getötet hatte . . .2

Pasiphaes perverse Verbindung mit dem Stier wird gleich zweimal erwähnt, ein Mirakel ganz besonderer Art. Kopfschüttelnd nehmen wir es zur Kenntnis.

In den Geschichten, die sich die Griechen davon erzählten, erfahren wir etwas mehr über diese merkwürdige Liebe der Königin. Pasiphae ist nicht irgendwer, sondern die Tochter des Sonnengottes HELIOS und der Mondgöttin PERSEIS, sie ist die allen Leuchtende. Ausgerechnet dieses hochkarätige göttliche Wesen verliebte sich in einen Stier, freilich keinen gewöhnlichen, sondern den wunderschönen, weißglänzenden Stier, den die Götter nach Kreta geschickt hatten.  

Es wird erzählt, König Minos habe sich an den Gott POSEIDON um Bestätigung seiner Herrschaft gewandt. Er bat ihn um ein Zeichen, um ein Opfertier, das er dem Gott darbringen werde. In diesem Augenblick schwamm der strahlend weiße Stier ans Ufer, und Minos war von dessen Erscheinung so fasziniert, daß er ihn für sich behielt und ein anderes Tier an seiner Stelle tötete. Poseidons Rache blieb nicht aus: Er ließ die Königin in leidenschaftlicher Liebe zu dem göttlichen Stier entbrennen, eine besonders schwere Strafe für einen selbstbewußten Mann wie Minos. Die nicht nur unzüchtige, weil ehebrecherische, sondern widernatürlich-krankhafte Leidenschaft hätte Pasiphae bis an ihr Lebensende ruhelos umgetrieben, wenn nicht der Vertraute der Königsfamilie, der kluge Daidalos, auf eine befriedigende Lösung des Problems gekommen wäre: Er baute ein hölzernes Gestell, überzog es kunstvoll mit einem Kuhfell und ließ die Königin hineinklettern. Der Erfolg blieb nicht aus: Der göttliche Stier ließ sich täuschen und besprang begeistert die Attrappe mit dem zarten Innenleben. Man kann sich das Gelächter der Griechen vorstellen, wenn einer diese Geschichte aus dem alten Kreta zum besten gab, aber auch die fromme Entrüstung der keuschen Kleriker und Nonnen, die den Liber floridus lasen. In beiden Fällen spüren wir die Attitüde der moralischen Überlegenheit gegenüber den alten Barbaren, die nur mühsam das Gefühl der kulturellen Abhängigkeit von ihnen überlagerte. Denn das alte Kreta war den schließlich siegreichen Griechen in vielem überlegen, und das gleiche gilt für die antike Welt hinsichtlich der christlich missionierten Europäer. Daidalos, der Künstler und Baumeister, den die Athener später für sich reklamierten, war der Inbegriff von Kretas kultureller Überlegenheit über die Sieger.

Versetzen wir uns vom homerischen Griechenland um ein paar Jahrhunderte und mehr ins minoische Inselreich zurück, indem wir den Spuren uralter Erinnerungen folgen, die die Mythen aufbewahrt haben.3

Die Griechen kannten nicht nur die göttliche Abkunft der Königin Pasiphae, sondern wußten auch, wer die Eltern des Königs Minos waren: Sein Vater war der Himmelsgott ZEUS, der die schöne EUROPA gefreit hatte.4 Diese, die mit weiten Augen oder mit breitem Gesicht, war die Tochter des Königs PHOINIX, nach dem das Land Phönizien seinen Namen erhielt. Das Wort PHOINIX bedeutet die rötliche Farbe der Sonne. Ihre Mutter war TELEPHASSA, die weithin Leuchtende, oder ARGIOPE, die mit weißem Gesicht. Mutter und Tochter glichen also dem Gesicht des Mondes. Eines Tages erblickte Zeus am Gestade des Meeres die Blumen pflückende Europa und verliebte sich in sie. Er kam zu ihr in Gestalt eines Stieres, nicht eines gewöhnlichen, sondern eines dreifarbigen, wie ein altes Vasenbild zeigt, und die Dichter sagten: Sein Atem duftete nach Krokus. Europa war von seiner Erscheinung so hingerissen, daß sie sich willig auf seinen Rücken setzte und übers Meer nach Kreta tragen ließ.

 

Zeus entführt Europa. Hydria aus Caere, 6. Jahrhundert v. Chr.

Dort vereinigte sich der Himmelsgott mit ihr in der diktäischen Höhle, oder aber - wie andere erzählen - nahe der Stadt GORTYN in der Krone einer immergrünen Platane, in diesem Fall eher in Gestalt eines Adlers denn eines Stieres. Manche sagen auch, der eigentliche Gatte der Europa sei der König ASTERIOS gewesen, der Sternen-König. Aber ist nicht gerade Zeus, der Himmelsvater, der wahre Asterios?

Sonne, Mond und Sterne scheinen sich in der kretischen Königsfamilie ein Stelldichein gegeben zu haben. Sollte Minos, Sohn des stiergestaltigen Zeus, nicht selbst ein Stier gewesen sein, gemäß seiner Herkunft ein wunderschöner, weißglänzender Stier? Und warum sollte Pasiphaë, die allen Leuchtende, sich nicht als die göttliche Kuh ihrem Gemahl in leidenschaftlicher Liebe hingegeben haben? Dann wäre der Minotauros nichts anderes als das Kind ihrer Liebe, der königliche Prinz und Minos-Stier, ein neuer Asterios, und die ganze Geschichte von der unzüchtigen Liebe der Pasiphae wäre nichts anderes als ein grobes Mißverständnis.  

Pasiphaë und ihr Sohn.

Innenseite einer etruskischen Schale,340 - 320 v. Chr.

Um aber die Geschichte ganz verstehen zu können, müssen wir noch tiefer in die Vergangenheit eindringen. Wir verlassen deshalb die himmlischen Gefilde und steigen wieder auf die Erde hinab, und zwar in die Heimat der Prinzessin Europa, der Tochter des Königs Phoinix: Es ist das asiatische Festland, wo die Große Mutter verehrt wurde, die NATURA NATURANS, Verkörperung der sich ewig gleichbleibenden Urkraft der Natur, der Quelle oder des Grundes des Lebens, wohin das Gewachsene und Entstandene immer wieder zurückhehren mußte, um sich zu erneuern.5  Europa war dort nicht eine Himmelsgöttin, sondern eine der vielen Erscheinungen der MAGNA MATER, der Mutter Erde.

 

Goldring aus Mykene, etwa 1500 v. Chr.

Wir Europäer müssen unsere ganze Phantasie aufbieten, um die patriarchalisch geprägte Vorstellungskraft zu überschreiten, die uns eigen ist. Im Mittelmeerraum bestand damals eine weiblich-mütterliche Kultur. Nicht der männliche Gott beherrschte die Welt, sondern die Große Göttin, die Mutter allen Lebens. Sie bleibt sich ewig gleich, während ihr PAREDROS, sozusagen ihr ständiger Begleiter, der stiergestaltige Geliebte, dem Wechsel der Jahreszeiten unterworfen, stirbt und aufersteht.  

Damit aus der Großen Mutter alljährlich neues Leben entsteht, muß der die Fruchtbarkeit verkörpernde Stiermann im Höhlenschoß der Göttin einen HIEROS GAMOS, eine heilige Hochzeit, vollziehen und sich dadurch selbst verjüngen.6  Die Rückkehr in den Mutterschoß im heiligen Beischlaf ist todbringend und lebenserneuernd zugleich. Die Zeugung neuen Lebens hat das Sterben der alten Gestalt zur Voraussetzung; aus dem Geliebten wird der Sohn, aus dem Sohn der neue Geliebte. Eine fremdartige Vorstellung! Fremder noch ist die Rede von der Tötung des Geliebten: Die bräutliche Mutter zerreißt ihren stiergestaltigen PAREDROS, damit aus seinem Samen und Blut die neue Vegetation entstehe. So geschieht es nach manchen Erzählungen dem Gott Dionysos, der in Stiergestalt von den BACCHEN alljährlich zerrissen wird, um im Frühjahr wieder aufzuerstehen?7

Auch das minoische Kreta hatte in frühester Zeit an diesen kultischen Traditionen teil. Pasiphaë, die Kuhgöttin, müßte demnach vom Himmel auf die Erde versetzt werden, eine Muttergöttin wie Europa, und Minos wäre ihr stiergestaltiger PAREDROS, der alljährlich oder alle neun Jahre, im Großen Jahr, einen kultischen Tod stirbt, um Natur und Königreich zu regenerieren. Tod und Wiedergeburt finden im Schoß der Göttin statt, der Mutter‑Geliebten, tief drinnen im Höhlen-Labyrinth, dargestellt vielleicht durch Priesterin und Priester, die - durch Masken als Kuh und Stier kenntlich gemacht - den rituellen HIEROS GAMOS vollziehen. Und denkbar ist die Tötung eines Stiers als Stellvertreter des Sohn-­Geliebten der Göttin.

In der Phantasie der indoeuropäischen Eroberer Kretas, die diese kultischen Vorgänge einfach nicht verstanden, wurde aus der rituell zelebrierten heiligen Hochzeit eine tragikomische Sex-and-Crime-Geschichte8  , die sie mit der Heldensage von Theseus verknüpften. Angelpunkt des Mißverständnisses war der Minos-Stier; dessen Name lautete noch in der klassischen Zelt MINOS TAUROS. Aus dem einen Stier wurden gleich drei verschiedene Wesen: der König Minos, der seine Stierqualität verlor, der weiße Stier des Poseidon und der Stiermensch, der in den Labyrinthos des Daidalos gesperrt wurde. Aus dem Paredros der göttlichen Pasiphaë, dem Sohn der heiligen Kuh, entstand in der Phantasie der Griechen das schreckliche Ungeheuer, das die athenischen Geiseln verschlang und nur durch einen prinzlichen Helden aus Athen besiegt werden konnte.

Vorurteile regieren die Welt, selbst wenn die anerkannte Wirklichkeit dagegen spricht. So erging es auch den Griechen. In ihren Mythen war Minos der weise Gesetzgeber, der alle neun Jahre, im Großen Jahr, die Höhle des kretischen Zeus aufsuchte, um mit seinem Vater vertrauliche Gespräche zu führen, die ihn befähigten, weitere neun Jahre weise zu regieren. Da gab es die Erzählung von der Geburt des Zeus in der diktäischen Grotte, genau dort, wo der stiergestaltige Himmelsvater der muttergöttlichen Europa beigewohnt hatte.9 Und warum sollten gerade in jedem Großen Jahr, also alle neun Jahre, athenische Geiseln als Tribut nach Kreta gebracht werden? Der Liber floridus erinnert noch daran, wenn er SEMPER POST TRES ANNOS Sagt und in jedem Großen Jahr meint. Der Scharfsinn der griechischen Intellektuellen versagte trotz dieser doch so klaren Indizien völlig, sonst wären sie der heimlichen Bedeutung der alten Geschichten auf die Spur gekommen. Wir, die Kinder des aufgeklärten 20. Jahrhunderts, durchschauen dagegen die obskuren Mythen dank der produktiven Phantasie unserer Gelehrten.

Was nun Daidalos betrifft: Die Griechen, irregeführt durch die Athener, glaubten, er sei in Wirklichkeit einer der ihren gewesen, den das Schicksal nach Kreta verschlagen habe. Dort konstruierte er nicht nur die Kuh-Attrappe für Pasiphaë und den Labyrinthos für den Minotauros, sondern ermöglichte auch dem athenischen Helden Theseus den Sieg über das kretische Ungeheuer, indem er der Königstochter Ariadne das berühmte Garnknäuel offerierte. Im Grunde war Daidalos an allem schuld, aber wohlgemerkt, er war in der Vorstellung der Spätgeborenen ein Athener, und darauf waren noch die späteren Europäer sehr stolz.

Irrtümer machen Geschichte. Was wäre europäische Kunst und Literatur schon ohne diese produktiven Mißverständnisse?

 

Anmerkungen

Motto: Vergil, Aeneis VI, 23 - 26 (Übersetzung von Eduard Norden).    

1     Die Abbildung zum Titel des Kapitels 3 stammt aus der spätesten  Version des Liber floridus, die Hermann Kern (Labyrinthe) dokumentiert hat:  Abb. 189, S. 162; vgl. Abb. 187 und 188, S. 160  und 161.

2     Der komplette lateinische Text - in der vertrauten Schreibweise geboten - lautet folgendermaßen:. Pasiphae regina Cretensium concubuit cum tauro induta vaccam ligneam, guam Daedalus ingenio   suo composuerat. Concepitque ex eo genuitque minotaurum semivirum et semibovem. Quo nato Daedalus  ex praecepto Minois regis fecit foveam, scilicet laberinthum domumque desuper. Positus­que est intus minotaurus. Devictis Atheniensibus a Minoe rege Cretensi statuitur illis sibi dari hoc tributum, ut semper post tres annos bis septem corpora iuvenum mitterentur in pastum minotauro. Minos rex iratus adversus Daedalum, tum quia ingenio suo taurum cum Pasiphae regina coire fecerat, tum quia suo indicio Theseus minotaurum occiderat, illum aufugere et in patriam redire volentem posuit una cum filio suo Icaro in exilium in insula marina. Unde volens exire pennas et alas sibi filioque composuit, quibus iram Minois regis effugeret, quia eum occidere voluit. Daedalus aptatis liguidum secat aera pennis. Icarus insequitur. Fragilis sed cera liquatur. Et cadit in pelagus, genuit sub pondere fluctus. Quod ab illo tempore mare Icarum nominatur.

Vgl. dazu Wolfgang Haubrichs: Error inextricabilis, In: Christel Meier und  Uwe Ruberg (Hrsg.), Text und Bild, Aspekte des Zusammenwirkens zweier Künste in Mittelalter und früher Neuzeit, Wiesbaden 1980, S. 93 ff.

3   Homer, der griechische Dichter, gilt als der Verfasser der Epen Ilias und Odyssee. Beide sind wohl im 8. Jh. v. Chr. entstanden und im 6. Jh. aufgezeichnet worden. Ihr Gegenstand ist die Frühzeit Griechenlands, die Zeit der Wanderungen und der mit ihnen verbundenen Kämpfe, die durch Homer dichterisch lebendig wird. Seit etwa 2000 v. Chr. wanderten indogermanische Stämme in den Mittelmeerraum ein. Die zu ihnen gehörenden Frühgriechen, die offenbar den Namen Achaier trugen, griffen auch nach Kreta über und machten der minoischen Kultur um 1450 v. Chr. ein Ende (nach neuesten Forschungsergebnissen fraglich). Die Blütezeit der kretischen Kultur begann um 2000 v. Chr.

4   Die folgende Erzählung beruht wiederum hauptsächlich auf der Darstel­lung, die Karl Kerenyi gegeben hat: Die Mythologie der Griechen, Band I, Kap. 7 (Kretische Geschichten).

5   Hans Peter Duerr: Sedna oder Die Liebe zum Leben, Frankfurt 1990, S. 192.

6    Vgl. Duerr, § 9 (Der Stier seiner Mutter) und § 10 (Das Zerreißen des Geliebten).

7     Duerr, S. 138. Vgl. dazu auch Mircea Eliade: Geschichte der religiösen Ideen. Band 1, Freiburg 1978, S. 329 f. und S. 338 f.; Erich Neumann: Ursprungsge­schichte des Bewußtseins, Frankfurt 1984, S. 71 ff.

8   Duerr, S. 191. Duerr stellt die beiden Interpretationen, die minoische und die griechi­sche, auf  S. 183 prägnant gegenüber.

9   Vgl. Mircea Eliade: Geschichte der religiösen Ideen. Band 1, Freiburg 1978, S. 127.

 

Bildnachweis

Liber floridus: Lambert von Saint-Omer, Chantilly, Musée Condé

Genealogisches: Konzipiert vom Autor.

 Zeus entführt Europa: Hydria aus Caere,. Louvre-Museum

Pasiphae und ihr Sohn: Etruskische Schale, Paris, Bibliothèque Nationale 

Goldring aus Mykene: Nationalmuseum Athen