Helmut
Jaskolski, Das Labyrinth, Kapitel III

Genter
Handschrift (ca. 1060 -1123), Kopie aus dem 15. Jahrhundert
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Als Gegenbild sah man am
andren Tor
Das Eiland Kreta aus den
Fluten ragen:
Pasiphae,
die sich in grauser Brunst
Heimlich
dem Stier gesellte, schuf er hier
Und
Minotaur, halb Mensch - halb Tiergebilde,
Der
sünd'gen Wollust zwitterhaftes Mal.
Vergil, Aeneis
Die Kopie aus dem 15. Jahrhundert1 zeigt in einem Labyrinth mit elf Umgängen die Gestalt des Minotauros: ein Stier mit dem Oberkörper und Kopf eines Mannes, freilich ergänzt durch Hörner, die nicht nur einem Stier, sondern auch einem Ziegenbock gehören könnten - ein bewaffnetes Zwitterwesen, jedoch ganz hübsch anzusehen. Drumherum die kommentierenden Bemerkungen des mittelalterlichen Aufklärers:
DOMUS
DEDALI IN QUA MINOTAURUM MINOS REX POSUIT.
Das
Haus des Daidalos, in das König Minos den Minotauros einsperrte.
DEDALUS ARTIFEX. Daidalos, der Kunstfertige.
YCARUS FILIUS EIUS. Ikaros, sein Sohn.
PASIPHE REGINA. Königin Pasiphae.
MINOTAURUS IN LABERINTHO. Minotauros im Labyrinth.
Im
Personenverzeichnis ausgelassen haben die frommen Gelehrten, die den Liber
floridus geschaffen und kopiert haben, das berühmte Liebespaar dieser alten
Geschichte: Theseus, den königlichen Prinzen aus Athen, und Ariadne, die
Tochter des Minos und der Pasiphaë. Theseus wird nur beiläufig in der
Kurzfassung der Geschichte erwähnt, die den unteren Teil des Blattes einnimmt.
Ariadne, die strahlendste Figur der ganzen Geschichte, erscheint überhaupt
nicht auf der Bildfläche. Die kretische Prinzessin und ihr Faden paßten ganz
offensichtlich nicht ins Konzept. Interessiert war Lambert von Saint-Omer
an Denkwürdigkeiten und Weltwundern vor allem architektonischer Art, und zu
diesen MIRABILIA gehörte für ihn auch das kretische Labyrinth, das er sich als
eine Kombination von Höhle und Haus vorstellte. Selbstverständlich mußte bei
der Präsentation dieses Wunderwerks sein Erfinder und Baumeister gewürdigt
werden. Was veranlaßte ihn, das grausliche Höhlenhaus zu bauen, und welche
Konsequenzen ergaben sich daraus für ihn und seinen Sohn?
Versuchen
wir, den lateinischen Text der Labyrinth-Geschichte zu übersetzen:
Pasiphae, die Königin der Kreter, trieb es mit einem Stier, und zwar so, daß sie in eine hölzerne Kuh schlüpfte, die Daidalos genialerweise geschaffen hatte. Und sie wurde davon schwanger und gebar den Minotauros, halb Mann, halb Stier. Als dieser geboren war, baute Daidalos auf Befehl des Königs Minos eine höhlenartige Anlage, genannt das Labyrinth, und darüber ein Haus. Und dahinein wurde der Minotauros gesetzt. Als Minos, der kretische König, die Athener siegreich geschlagen hatte, legte er ihnen auf, daß ihm folgender Tribut gegeben werde: Jeweils nach drei Jahren sollten zweimal sieben junge Männer dem Minotauros zur Fütterung geschickt werden. König Minos (war) voll Zorn auf Daidalos, weil dieser dank seiner Erfindungsgabe bewerkstelligt hatte, daß sich der Stier mit der Königin Pasiphaë paaren konnte, aber auch deshalb, weil durch dessen Verrat Theseus den Minotauros getötet hatte . . .2
Pasiphaes
perverse Verbindung mit dem Stier wird gleich zweimal erwähnt, ein Mirakel ganz
besonderer Art. Kopfschüttelnd nehmen wir es zur Kenntnis.
In
den Geschichten, die sich die Griechen davon erzählten, erfahren wir etwas mehr
über diese merkwürdige Liebe der Königin. Pasiphae ist nicht irgendwer,
sondern die Tochter des Sonnengottes HELIOS und der Mondgöttin PERSEIS, sie ist
die allen Leuchtende. Ausgerechnet
dieses hochkarätige göttliche Wesen verliebte sich in einen Stier, freilich
keinen gewöhnlichen, sondern den wunderschönen, weißglänzenden Stier, den
die Götter nach Kreta geschickt hatten.
Versetzen
wir uns vom homerischen Griechenland um ein paar Jahrhunderte und mehr ins
minoische Inselreich zurück, indem wir den Spuren uralter Erinnerungen folgen,
die die Mythen aufbewahrt haben.3
Die
Griechen kannten nicht nur die göttliche Abkunft der Königin Pasiphae, sondern
wußten auch, wer die Eltern des Königs Minos waren: Sein Vater war der
Himmelsgott ZEUS, der die schöne EUROPA gefreit hatte.4
Diese, die mit weiten Augen oder mit
breitem Gesicht, war die Tochter des Königs PHOINIX, nach dem das Land Phönizien
seinen Namen erhielt. Das Wort PHOINIX bedeutet die rötliche Farbe der Sonne.
Ihre Mutter war TELEPHASSA, die weithin
Leuchtende, oder ARGIOPE, die mit weißem
Gesicht. Mutter und Tochter glichen also dem Gesicht des Mondes. Eines Tages
erblickte Zeus am Gestade des Meeres die Blumen pflückende Europa und verliebte
sich in sie. Er kam zu ihr in Gestalt eines Stieres, nicht eines gewöhnlichen,
sondern eines dreifarbigen, wie ein altes Vasenbild zeigt, und die Dichter
sagten: Sein Atem duftete nach Krokus. Europa war von seiner Erscheinung so
hingerissen, daß sie sich willig auf seinen Rücken setzte und übers Meer nach
Kreta tragen ließ.

Zeus entführt Europa. Hydria aus Caere, 6.
Jahrhundert v. Chr.
Dort
vereinigte sich der Himmelsgott mit ihr in der diktäischen Höhle, oder aber - wie andere erzählen
- nahe der Stadt GORTYN in der Krone einer
immergrünen Platane, in diesem Fall eher in Gestalt eines Adlers denn eines
Stieres. Manche sagen auch, der eigentliche Gatte der Europa sei der König
ASTERIOS gewesen, der Sternen-König.
Aber ist nicht gerade Zeus, der Himmelsvater, der wahre Asterios?
Sonne,
Mond und Sterne scheinen sich in der kretischen Königsfamilie ein Stelldichein
gegeben zu haben. Sollte Minos, Sohn des stiergestaltigen Zeus, nicht selbst ein
Stier gewesen sein, gemäß seiner Herkunft ein wunderschöner, weißglänzender Stier? Und warum sollte Pasiphaë,
die allen Leuchtende, sich nicht als
die göttliche Kuh ihrem Gemahl in leidenschaftlicher Liebe hingegeben haben?
Dann wäre der Minotauros nichts anderes als das Kind ihrer Liebe, der königliche
Prinz und Minos-Stier, ein neuer Asterios, und die ganze Geschichte von
der unzüchtigen Liebe der Pasiphae wäre nichts anderes als ein grobes Mißverständnis.
Pasiphaë
und ihr Sohn.
Innenseite
einer etruskischen Schale,340 - 320 v. Chr.
Um
aber die Geschichte ganz verstehen zu können, müssen wir noch tiefer in die
Vergangenheit eindringen. Wir verlassen deshalb die himmlischen Gefilde und
steigen wieder auf die Erde hinab, und zwar in die Heimat der Prinzessin Europa,
der Tochter des Königs Phoinix: Es ist das asiatische Festland, wo die Große
Mutter verehrt wurde, die NATURA NATURANS, Verkörperung der
sich ewig gleichbleibenden Urkraft der Natur, der Quelle oder des Grundes des
Lebens, wohin das Gewachsene und Entstandene immer wieder zurückhehren mußte,
um sich zu erneuern.5
Europa war dort nicht eine Himmelsgöttin, sondern eine der vielen
Erscheinungen der MAGNA MATER, der Mutter Erde.
Goldring
aus Mykene, etwa 1500 v. Chr.
Wir
Europäer müssen unsere ganze Phantasie aufbieten, um die patriarchalisch geprägte
Vorstellungskraft zu überschreiten, die uns eigen ist. Im Mittelmeerraum
bestand damals eine weiblich-mütterliche Kultur. Nicht der männliche
Gott beherrschte die Welt, sondern die Große Göttin, die Mutter allen Lebens.
Sie bleibt sich ewig gleich, während ihr PAREDROS, sozusagen ihr ständiger
Begleiter, der stiergestaltige Geliebte, dem Wechsel der Jahreszeiten
unterworfen, stirbt und aufersteht.
Damit aus der Großen Mutter alljährlich neues Leben entsteht, muß der die Fruchtbarkeit verkörpernde Stiermann im Höhlenschoß der Göttin einen HIEROS GAMOS, eine heilige Hochzeit, vollziehen und sich dadurch selbst verjüngen.6 Die Rückkehr in den Mutterschoß im heiligen Beischlaf ist todbringend und lebenserneuernd zugleich. Die Zeugung neuen Lebens hat das Sterben der alten Gestalt zur Voraussetzung; aus dem Geliebten wird der Sohn, aus dem Sohn der neue Geliebte. Eine fremdartige Vorstellung! Fremder noch ist die Rede von der Tötung des Geliebten: Die bräutliche Mutter zerreißt ihren stiergestaltigen PAREDROS, damit aus seinem Samen und Blut die neue Vegetation entstehe. So geschieht es nach manchen Erzählungen dem Gott Dionysos, der in Stiergestalt von den BACCHEN alljährlich zerrissen wird, um im Frühjahr wieder aufzuerstehen?7
Auch
das minoische Kreta hatte in frühester Zeit an diesen kultischen Traditionen
teil. Pasiphaë, die Kuhgöttin, müßte demnach vom Himmel auf die Erde
versetzt werden, eine Muttergöttin wie Europa, und Minos wäre ihr
stiergestaltiger PAREDROS, der alljährlich oder alle neun Jahre, im Großen
Jahr, einen kultischen Tod stirbt, um Natur und Königreich zu regenerieren. Tod
und Wiedergeburt finden im Schoß der Göttin statt, der Mutter‑Geliebten,
tief drinnen im Höhlen-Labyrinth, dargestellt vielleicht durch Priesterin und
Priester, die - durch Masken als Kuh und Stier kenntlich gemacht - den rituellen HIEROS GAMOS vollziehen. Und denkbar ist die Tötung
eines Stiers als Stellvertreter des Sohn-Geliebten der Göttin.
In
der Phantasie der indoeuropäischen Eroberer Kretas, die diese kultischen Vorgänge
einfach nicht verstanden, wurde aus der rituell zelebrierten heiligen
Hochzeit eine tragikomische Sex-and-Crime-Geschichte8
, die sie mit der Heldensage von Theseus verknüpften. Angelpunkt des
Mißverständnisses war der Minos-Stier; dessen Name lautete noch in der
klassischen Zelt MINOS TAUROS. Aus dem einen Stier wurden gleich drei verschiedene Wesen: der König Minos,
der seine Stierqualität verlor, der weiße Stier des Poseidon und der
Stiermensch, der in den Labyrinthos des Daidalos gesperrt wurde. Aus dem
Paredros der göttlichen Pasiphaë, dem Sohn der heiligen Kuh, entstand in der
Phantasie der Griechen das schreckliche Ungeheuer, das die athenischen Geiseln
verschlang und nur durch einen prinzlichen Helden aus Athen besiegt werden
konnte.
Vorurteile
regieren die Welt, selbst wenn die anerkannte Wirklichkeit dagegen spricht. So
erging es auch den Griechen. In ihren Mythen war Minos der weise Gesetzgeber,
der alle neun Jahre, im Großen Jahr, die Höhle des kretischen Zeus aufsuchte,
um mit seinem Vater vertrauliche Gespräche zu führen, die ihn befähigten,
weitere neun Jahre weise zu regieren. Da gab es die Erzählung von der Geburt
des Zeus in der diktäischen Grotte, genau dort, wo der stiergestaltige
Himmelsvater der muttergöttlichen Europa beigewohnt hatte.9
Und warum sollten gerade in jedem Großen Jahr, also alle neun Jahre, athenische
Geiseln als Tribut nach Kreta gebracht werden? Der Liber floridus erinnert noch
daran, wenn er SEMPER POST TRES ANNOS Sagt und in jedem Großen Jahr meint. Der Scharfsinn der griechischen
Intellektuellen versagte trotz dieser doch so klaren Indizien völlig, sonst wären
sie der heimlichen Bedeutung der alten Geschichten auf die Spur gekommen. Wir,
die Kinder des aufgeklärten 20. Jahrhunderts, durchschauen dagegen die obskuren
Mythen dank der produktiven Phantasie unserer Gelehrten.
Was nun Daidalos betrifft: Die Griechen, irregeführt
durch die Athener, glaubten, er sei in Wirklichkeit einer der ihren gewesen, den
das Schicksal nach Kreta verschlagen habe. Dort konstruierte er nicht nur die
Kuh-Attrappe für Pasiphaë und den Labyrinthos für den Minotauros,
sondern ermöglichte auch dem athenischen Helden Theseus den Sieg über das
kretische Ungeheuer, indem er der Königstochter Ariadne das berühmte Garnknäuel
offerierte. Im
Grunde war Daidalos an allem schuld, aber wohlgemerkt, er war in der
Vorstellung der Spätgeborenen ein Athener, und darauf waren noch die späteren
Europäer sehr stolz.
Irrtümer machen Geschichte. Was wäre europäische
Kunst und Literatur schon ohne diese produktiven Mißverständnisse?
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Motto:
Vergil, Aeneis VI, 23 - 26 (Übersetzung von Eduard Norden).
1
Die
Abbildung zum Titel des Kapitels 3 stammt aus der spätesten
Version des Liber floridus, die Hermann Kern (Labyrinthe)
dokumentiert
hat: Abb. 189, S. 162; vgl.
Abb. 187 und 188, S. 160 und
161.
2
Der
komplette lateinische Text - in der vertrauten Schreibweise geboten - lautet folgendermaßen:.
Vgl.
dazu Wolfgang Haubrichs: Error inextricabilis, In: Christel Meier und
Uwe Ruberg (Hrsg.), Text und Bild, Aspekte des Zusammenwirkens zweier
Künste in Mittelalter und früher Neuzeit, Wiesbaden 1980, S. 93 ff.
3
Homer, der griechische Dichter, gilt als der
Verfasser der Epen Ilias und Odyssee. Beide sind wohl im 8. Jh. v. Chr. entstanden und im 6. Jh.
aufgezeichnet worden. Ihr Gegenstand ist die Frühzeit Griechenlands, die
Zeit der Wanderungen und der mit ihnen verbundenen Kämpfe, die durch Homer
dichterisch lebendig wird. Seit etwa 2000 v. Chr. wanderten indogermanische
Stämme in den Mittelmeerraum ein. Die zu ihnen gehörenden Frühgriechen,
die offenbar den Namen Achaier trugen, griffen auch nach Kreta über und
machten der minoischen Kultur um 1450 v. Chr. ein Ende (nach neuesten
Forschungsergebnissen fraglich). Die Blütezeit der kretischen Kultur begann
um 2000 v. Chr.
4
Die folgende Erzählung beruht wiederum hauptsächlich
auf der Darstellung, die Karl Kerenyi gegeben hat: Die Mythologie der
Griechen, Band I, Kap. 7 (Kretische Geschichten).
5
Hans Peter Duerr: Sedna oder Die Liebe zum Leben,
Frankfurt 1990, S. 192.
6
Vgl.
Duerr, § 9 (Der Stier seiner Mutter) und § 10 (Das Zerreißen des
Geliebten).
7
Duerr,
S. 138. Vgl. dazu auch Mircea Eliade: Geschichte der religiösen Ideen. Band
1, Freiburg 1978, S. 329 f. und S. 338 f.; Erich Neumann: Ursprungsgeschichte
des Bewußtseins, Frankfurt 1984, S. 71 ff.
8
Duerr, S. 191. Duerr stellt die beiden
Interpretationen, die minoische und die griechische, auf
S. 183 prägnant gegenüber.
9
Vgl. Mircea Eliade: Geschichte der religiösen
Ideen. Band 1, Freiburg 1978, S. 127.
Bildnachweis
Liber floridus: Lambert von Saint-Omer, Chantilly, Musée Condé
Genealogisches: Konzipiert vom Autor.
Zeus entführt Europa: Hydria aus Caere,. Louvre-Museum
Pasiphae und ihr Sohn: Etruskische Schale, Paris, Bibliothèque Nationale
Goldring aus Mykene: Nationalmuseum Athen