Helmut Jaskolski, Das Labyrinth, Kapitel IV

 

Befreiung

 

 

 Tantrisches Diagramm. Indien, ca. 18. Jahrhundert.

Die Windungen erinnern an Eingeweideschlingen. Am Ein gang gabelt sich der Weg, eine Abweichung von der üblichen Vorstellungsweise.

 

 

Mein Leben ist das Zögern vor der Geburt.

Franz Kafka, Tagebuch (24. Januar 1922)

 

Was es mit dem Minotauros auf sich habe, war eigentlich von Anfang an umstritten. Überzeugte Athener, die Vaterlandsliebe als höchste Tugend betrachteten, hielten strikt an der Auffassung fest, die der Tragödiendichter EURIPIDES auf die knappe Formel gebracht hatte: ein mischgestaltet Wesen, üble Spottgeburt.1

Eine üble Spottgeburt darf man töten, ein Ungeheuer, das athenische Jugendliche frißt, muß man umbringen! Für diese Patrioten stellte jede andere Meinung eine Aufweichung des nationalen Mythos dar, eine indirekte Verunglimpfung ihres Helden Theseus, des Retters und Gründers des athenischen Stadtstaates. Leider ist diese diffamierende Auffassung letztendlich - auf Teufel komm raus - europäisches Gemeingut geworden! Die Kreter wehrten sich erfolglos gegen die athenische Propaganda, sie behaupteten, so PHILOCHOROS, vermutlich ein linker Intellektueller, das Labyrinth sei weiter nichts als ein Gefängnis gewesen, an dem sonst nichts Böses war, als daß die darin Gefangenen nicht entfliehen konnten, und Minos habe dem Androgeos zu Ehren ein Kampfspiel veranstaltet und als Preise für die Sieger die Kinder ausgesetzt, die nun eben so lange im Labyrinth in Gewahrsam gehalten wurden.2

Das Labyrinth nichts anderes als das Staatsgefängnis! Soweit die Kreter die Existenz des Minotauros nicht einfach leugneten, bestritten sie jedenfalls, daß er Menschen getötet oder gar gefressen habe.

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir eingestehen, daß sich nichts Sicheres über das Wesen des Minos-Stiers ausmachen läßt. Ich sehe aber nicht ein, daß wir dem gängigen Vorurteil, mag es literarisch und künstlerisch noch so produktiv gewesen sein, von vornherein auf den Leim gehen. Mein Vorschlag: Wir lesen die Geschichte vom Labyrinth zuerst gegen den Strich, lassen Theseus noch nicht auf die Bühne, sondern schlagen uns versuchsweise auf die altkretische Seite und machen Minotauros zum Helden.

Da ist das Labyrinth, dieser rätselhafteste aller Räume, Gefängnis und bergende, schützende Höhle zugleich, ein Innenraum, der sich zur Außenwelt öffnet und sich ihr auch verschließt, und darin Minotauros, der ASTERIOS genannte, Zwitterwesen aus Tier und Mensch.

Der erste Satz unserer Erzählung könnte lauten: In der Mitte des Labyrinths schläft Minotauros. Ich stelle mir vor: Da schläft das Wesen, gleichermaßen Tier und Mensch, das einmal ganz Mensch werden soll. Dunkel ist die Höhle, eng der verschlungene Gang, durch den sich das junge Wesen winden muß, um das Licht der Welt erblicken zu können. Am Ende wird es ins Offene gelangt sein: geboren zur Freiheit.

Das Labyrinth: ein in die Länge gezogener Uterus, siebenfach gewunden wie Darmschlingen - so oder ähnlich stellen und stellten sich Menschen vor der Aufklärung den Geburtsweg vor. Frühe kindliche Phantasien kommen da überein mit den Ahnungen uralter Mythen, mit anatomischen Lehren des Mittelalters und geburtsmagischen Darstellungen in Indien3. Bei den Hopi-Indianern ist das Labyrinth noch heute ein Symbol der Mutter Erde sowie der Geburt und Wiedergeburt aus ihr.4  

 

Hopi: Tápuát (Mutter und Kind)                      Hopi: Symbol der Mutter Erde

Die Geburt ist für die schwangere Frau ein schwieriger, schmerzhafter Vorgang, der vorbereitender und begleitender Hilfe bedarf: Das Kind muß aus dem Labyrinth des Uterus herausfinden, ihm muß der Geburtsweg durch sieben Räume in den Eingeweiden der Mutter gewiesen werden; nur wenn das gut gelingt, ist eine rasche und annähernd schmerzlose Entbindung zu erwarten. Wie sie zu erreichen ist, geht aus einem zeitgenössischen indischen Ritualbuch hervor. Darin steht sinngemäß:

Man reibe Safran mit Gangeswasser an und zeichne damit auf einen Bronze-Teller das Labyrinth, wasche dies mit Gangeswasser ab, gebe es der Gebärenden zu trinken, dann wird es bald zur Geburt kommen, und die Geburtsschmerzen werden beruhigt.5

Die Mutter nimmt mit dem Safranwasser aus dem heiligen Ganges das magisch wirksame Labyrinth ein. Modern gesprochen: Dem Kind wird über diesen Kanal die notwendige Information über den Geburtsweg zugeleitet, zugleich erhält die Schwangere mit dem Gangeswasser ein geburtsförderndes Medikament, sozusagen ein Abführmittel, denn die Körperöffnungen sind in dieser archaischen Vorstellung merkwürdigerweise vertauscht oder in eins gesetzt.

Aber wir Modern-Aufgeklärten wissen es ja besser: Der Geburtsweg ist in Wirklichkeit kurz und gerade, die labyrinthisch verschlungenen Windungen sind das Produkt kindlicher Phantasie, Weihwasser - ob aus dem Ganges oder aus christlicher Quelle - ist bestenfalls ein psychologisch wirksames Heilmittel für unaufgeklärt-fromme Seelen. Trotzdem: Auch heute ist der Weg durchs Labyrinth ein gültiges Sinnbild der Geburt, nicht des körperlichen Prozesses, sondern der psychischen Geburt und des geistigen Zur-Welt-Kommens, ein Sinnbild der Emanzipation und der Selbstwerdung. Mütter, Väter und andere Erzieher sollten daher das Labyrinth als Erinnerungszeichen und Denkbild vor Augen haben, damit sie fähig werden, den jungen Menschen im rechten Augenblick von sich zu entbinden und unbeschadet zur Welt zu bringen. Für das Zwitterwesen, das Mensch werden will, ist es Hinweis auf die Schwierigkeit dieses Unternehmens und zugleich Zusage des Gelingens, eine Ermunterung, den Weg ins Freie zuversichtlich zu gehen.

Der Anfang: Minotauros erwacht unsanft. Er wird aus dem Mutterleib ausgetrieben, vertrieben aus dem Paradies - schmerzhaft erlebt er das Ungeheuerliche der Geburt: Gebärmutterspasmen bedrängen ihn, schnüren ihm Sauerstoff und Nahrung ab, treiben ihn in die Beengung des Geburtskanals und beängstigend langsam hinaus aus dem eben noch freundlichen Dunkel und der sanften Wärme des Mutterschoßes in das grelle Licht und die kalte Luft dieser Welt.6 Unsere erste Begegnung mit der Welt ist schockierend: Abschied vom Heimatlich-Vertrauten der mütterlichen Innenwelt, Sturz ins Unheimliche der unbekannten Außenwelt. Der Schrei, mit dem wir diese Welt begrüßen, kommt einem elementaren Protest gleich, einer noch unartikulierten Beschimpfung, für die sich sehr bald schon ein deftiges Wort einstellen wird; zugleich aber ist dieser Schrei ein dissonanter Jubel über die Befreiung aus der verdammten Enge ins Offene und - für die Optimisten – auf die erwartete Herrlichkeit des eigenen Lebens. Die Durchtrennung der Nabelschnur besie­gelt aufs erste das Abenteuer des Zur-Welt-Kommens.

 Zwiespältig ist das Erleben dieser Abenteuerfahrt ins äußere Leben, eher beklemmend als heiter.7 Wenn der Rück­weg in den verlorenen Garten Eden abgeschnitten ist, hilft nur noch die Flucht nach vorn: ins Ungewisse, ins Unvermeidlich-Labyrinthische. Das Mißliche dabei ist, daß das Neugeborene gar nicht dazu gemacht ist, den Herausforderungen des äußeren Lebens gewachsen zu sein. Eher eine erbärmliche Früh- und Fehlgeburt als ein Märchenheld, der auszieht, das Fürchten zu lernen, liegt es völlig hilflos da, verlegen im wahrsten Sinne des Wortes, noch benommen von der Anstrengung des Wachwerdens. Wäre da nicht die Mutter, die es umfängt und stillt – es wäre verloren. Die Symbiose von Mutter und Kind, bewährt in der Zeit des vorgeburtlichen Lebens, setzt sich fort und findet ihre Vollendung in den ersten Tagen, Monaten und Jahren der Kinderzeit. Für den Säugling ist die Welt nahezu vollständig identisch mit der warmen, weichen, lächelnden Mutter. Die Wirklichkeit ist noch nicht aufgespalten in Ich und Nicht-Ich, sie ist noch eine Einheit, die Mama heißt, an der das Kleine teilhat. Aber die Welt außerhalb der Mama, die Nicht-Mutter,8  macht sich zunehmend mehr bemerkbar, nicht plötzlich, sondern gelegentlich, sozusagen in Schüben, in erträglichen Dosierungen. Nicht auszudenken, dem Kind würde im ersten Augenblick seines Erdenlebens das schrecklich-schöne Ganze unserer Welt unvermittelt vorgestellt!

Das Menschenkind hat den Mutterschoß, das Zentrum des Labyrinths, verlassen und seine Weltreise, die Reise in die Welt, begonnen. Noch ist es dem Ursprung ganz nahe, und in nächster Zeit kehrt es - sich entfernend, sich nähernd - immer wieder in pendelnder Bewegung in die Nähe des Zentrums zurück. Ist es, um neue Kraft zu schöpfen für den weiten, schwierigen Weg nach draußen? Indem es ihn neugierig-gespannt geht, vollzieht sich die Erkenntnis und Aneignung der Welt, zugleich die Entwicklung des Ichs. Früher sagte man Entwickelung und dachte dabei noch an den Vorgang des Auswickelns: beim Wickelkind aus der Wickel, der Windel herauswachsend, ursprünglich beim Spinnen aus den Wollknäuel heraus den Faden bildend wie die Nabelschnur aus der Placenta. Der Weg der Entwicklung ist nichts anderes als der Ariadnefaden, der zum Labyrinth so notwendig gehört wie der Minotauros. Dieses Zwitterwesen, Sinnbild unserer frühen Existenz, macht den Ariadnefaden unbewußt zum Leitfaden seiner Entwicklungsgeschichte: In dialektischer Pendelbewegung strebt es dem Ausgang zu, in verwirrendem Hin und Her der Gefühle, vor und zurück, sich seines heimatliche Ursprungs vergewissernd und dann wieder weit ins Fremde ausgreifend, ängstlich zurückschauend und unreif regredierend, letztendlich aber mutig fortschreitend im Bewußtsein der Freiheit. So scheint es mit innerer Notwendigkeit den Ausgang zu gewinnen und ganz Mensch zu werden.

Menschwerdung. Sie hat seit alters her mit Emanzipation zu tun, mit der Befreiung aus der Unmündigkeit der Kindheit und der Erlangung der rechtlichen Selbständigkeit, die den Vollbürger auszeichnet, in unserem Sinn: mit der Gewinnung der geistigen Autonomie. Etappenweise wird sie erreicht. Gewonnen wird jeweils ein Mehr an Ichheit, an Selbständigkeit. Die Befreiung aus der Abhängigkeit der früheren Bindung geht aber einher mit einer neuerlichen Einbindung. Wir entwickeln uns aus einem Schoß heraus in einen anderen Schoß hinein; Auszug und Einzug in einem: aus dem Mutterschoß in den Schoß der Familie, aus diesem in den Schoß der Gesellschaft. Die Psychologen beschreiben diese Etappen mit großem wissenschaftlichen Aufwand. Nach ihrer Auskunft mündet die Pubertät, der Auszug aus dem familiären Schoß, in die Adoleszenz, die Reife des jungen Erwachsenendaseins, falls nicht irgendwelche Störungen das schwierige Unternehmen zum Scheitern bringen. Wünschenswert ist jedenfalls die Integration in die bestehende Ordnung, die Herstellung ein stabilen Ich-Identität durch Identifizierung mit den Wertvorstellungen und anderen Selbstverständlichkeiten der bestehenden Gesellschaft. Ist damit schon der Ausgang erreicht, die Autonomie gewonnen?

Es könnte ja sein, daß die erlebte Selbstbestimmung innerhalb der Gesellschaft zu einem großen Teil nichts anderes ist als eine maskierte Fremdbestimmung: Das anonyme Man artikuliert sich täuschend als persönliches Ich. Und das Ich reproduziert selbstverständliche Vorurteile als eigenes Selbstverständnis. Das Problem ist alt. Erstmals zur Sprache gebracht hat es einer, der in einer städtischen Gesellschaft mit demokratischen Traditionen gelebt und gewirkt hat: SOKRATES im Athen des fünften vorchristlichen Jahrhunderts. Im Jahre 399 wurde er angeblich wegen Untergrabung der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung, insbesondere wegen Verführung der Jugend, vom Volksgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Er, der Sohn einer Hebamme, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschen durch eindringliches Fragen zu einer geistigen Geburt zu befähigen. Seine Methode heißt MAIEUTIK, Hebammenkunst.9

Der Philosoph  PLATON, Schüler des Sokrates, erzählt im siebten Buch seiner »Politeia« die Geschichte von der Befreiung und Bildung des Menschen zu seiner wahren Bestimmung, bekannt als das Höhlengleichnis10.  Er hat es seinem philosophischen Lehrer in den Mund gelegt; dieser erzählt es dem GLAUKON:

Stelle dir Menschen vor in einem unterirdischen, höhlenartigen Raum; dieser hat einen Ausgang, der zum Tageslicht hinaufführt, so hoch und breit wie die ganze Höhle. In dieser Höhle leben sie von Kindheit, gefesselt an Schenkeln und Nacken, so daß sie an Ort und Stelle bleiben und immer nur geradeaus schauen; ihrer Fesseln wegen können sie den Kopf nicht herumdrehen.

Im Gegensatz zu unserer Geschichte, die von der Dynamik des Zur-Welt-Kommens erzählt, entwirft Platon ein Bild erstarrten Lebens: Bewegungsunfähige Menschen sehen auf der ihnen zugewandten Höhlenwand Schattenbilder, die hinter ihnen mit Hilfe eines Feuers erzeugt werden. Es sind Dauergäste eines antiken Kinos, die nie die Chance hatten, die geschauten Schattenfiguren mit der Realität dessen zu vergleichen, was sie darstellen; die Gefesselten sind vielmehr überzeugt, in den bewegten Bildern die einzig bestehende Wirklichkeit zu erleben. GLAUKON ist von dem, was SOKRATES erzählt, überrascht.

»Ein seltsames Bild führst du da vor, und seltsam Gefesselte«, sagte er.

»Sie sind uns ähnlich«, erwiderte ich. »Denn erstens: glaubst du, diese Menschen hätten von sich selbst und voneinander je etwas anderes zu sehen bekommen als die Schatten, die das Feuer auf die ihnen gegenüberliegende Seite der Höhle wirft?«

»Wie sollten sie«, sagte er, »wenn sie zeitlebens gezwungen sind, den Kopf unbeweglich zu halten?«

Sie sind uns ähnlich ... Festgehalten durch äußere und mehr noch durch innere Zwänge, wehren wir uns oft genug gegen die Zumutung, von unseren Fesseln befreit zu werden, aufzustehen und die Blickrichtung zu wechseln. Aber nicht nur das geschieht in Platons Gleichnis mit den Höhlenbewohnern, sie werden von ihrem Befreier aufgefordert, sich in Bewegung zu setzen, ihr Schattenkino zu verlassen und ans Tageslicht zu treten.

Und wie ergeht es Minotauros in der Höhle des Labyrinths? Schwer ist es für ihn, fast unmöglich, ohne verläßliche Hilfe, allein auf sich gestellt, befangen in gängigen Meinungen, den eigenen Wunschbildern oft genug unkritisch vertrauend, eine wirklichkeitsgerechte Vorstellung von sich selbst und von der Welt außer ihm zu gewinnen und realitätsgerecht handeln zu lernen. Minotauros benötigt einen Geburtshelfer. Daß das Laby­rinth nicht ohne Hilfe eines anderen, eines Liebenden, eines Klugen oder gar Weisen zu bestehen ist, zeigt selbst die athenisch eingefärbte Geschichte von Theseus und Ariadne sehr deutlich: Die ungehorsame Tochter des Minos ermöglicht dem athenischen Prinzen den Ausweg in die Freiheit, indem sie ihn mit Garnknäuel und Schwert ausstattet. Sollten wir einfach die Geschichte ändern und dem hilfsbedürftigen Minotauros einen freundschaftlichen Theseus entgegenschicken, angeworben von der liebenden Halbschwester Ariadne? Aber das ist zu schön, um wahr zu sein. Bleiben wir bei Sokrates, dem Sohn der Hebamme. Er müßte kommen, müßte Geburtshilfe leisten, indem er die Fesseln löst und ihn dazu bringt, den steilen Weg zum Tageslicht hinaufzugehen, wie mühevoll das auch sei. Eine gewaltige Anstrengung ist das, denn der Weg aus dem bequemen Sitz vor den Schatten­bildern hinauf ins Licht ist nicht nur beschwerlich, sondern erscheint zunächst völlig widersinnig:

Und wenn er ans Licht käme, hätte er doch die Augen voll Glanz und vermöchte auch rein gar nichts von dem zu sehen, was man ihm nun als das Wahre bezeichnete.

Und doch: Wer sich an den Glanz gewöhnt und die Wirklichkeit im Licht erkannt hat, wird nicht mehr ins vormals angenehme Dunkel zurückwollen und mit Scheinbildern vorlieb nehmen: Lieber wird er alles andere ertragen als jenes Leben, sagt GLAUKON und gibt damit SOKRATES recht. Trotz Neugier und Freiheitsdrang fürchten wir uns, geboren zu werden, entlassen ins helle, grelle Licht unserer heillosen und doch so faszinierenden Welt. Es bleibt uns nichts anderes übrig: Jeder muß es wagen.


 

Anmerkungen

Motto: Franz Kafka, Tagebuch am 24. Januar 1922. Zitiert nach Franz Kafka, Gesammelte Werke, Tagebücher 1910 – 1923, hrsg. von Max Brod, S. 411.

1  Plutarch: Große Griechen und Römer. Aus dem Griechischen übertragen, eingeleitet und erläutert von Konrat Ziegler, Band 1, München 1979, S. 52.

2  Ebd.

3   Siehe Titelseite. Bildlegende: Hermann Kern, Labyrinthe. 3. Auflage, München 1987, Abb. 620, S. 429.

4   Näheres dazu in Kern, a.a.O., Abb. 644 ff., S. 439 ff.

 5   Zur Geburtsmagie siehe Kern, a.a.O., S. 430 f.  Daß die Vorstellung der Geburt mit den Darmschlingen zu tun hat, belegt Hermann Kern (Anm. 38, S. 28) mit einem Hinweis auf Sigmund Freuds »Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse.« In der 29. Vorlesung sagt Freud: »Nur noch ein Wort, aber ich kann es mir nicht versagen zu erwähnen, wie häufig gerade mythologische Themen durch die Traumdeutung Aufklärung finden. So läßt sich z. B. die Labyrinthsage als Darstellung einer analen Geburt erkennen; die verschlungenen Gänge sind der Darm, der Ariadnefaden die Nabel­schnur.« (Sigmund Freud, Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Frankfurt 1991, S. 28).

 6  Vgl. Stanislavs Grofs dramatischen Bericht über die Wiedererinnerung der Geburt, betitelt Urszenen des Austritts. In: Peter Sloterdijk/Thomas H. Macho (Hg.): Weltrevolution der Seele, Band II, München 1991, S. 802 ff.

 7   Peter Sloterdijk: Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kinetik, Frankfurt 1989, S. 174 f. Sloterdijk entwickelt unter dem Titel »Das fehlgeborene Tier und die Selbstgeburt des Subjekts« eine gnostisch inspirierte Philosophie der Geburt. Er formuliert: »Die physische Geburt ist das Gegenteil eines Zurweltkommens, es ist das Herausfallen aus allem >Bekannten<, ein Sturz ins Unheimliche, ein Sichausgesetztfinden in einer nicht geheuren Lage.« Der »geburtliche Exodus« in die Welt bedeutet »eine Abenteuerfahrt in unheimliche Wälder . . . « (S. 174 f.). Eine romanhafte Vorstellung vom problematischen Geburtserlebnis vermittelt Günter Grass in seiner Blechtrommel: Dargestellt wird die Geburt des Oskar Matzerath (Abschnitt Falter und Glühbirne).

 8   Sloterdijk, a. a. O., S. 176. Vgl. auch Hans Blumenberg: Höhlenausgänge. Frankfurt 1989. Erster Teil: Die Höhlen des Lebens. Nicht jedem erträglich ist E. M. Ciorans Buch »Vom Nachteil, geboren zu werden« (Frankfurt 1979). Darin spricht er von der »Katastrophe der Geburt«.

 9   Zum Phänomen Sokrates hat Gernot Böhme ein vorzügliches Buch geschrieben: Der Typ Sokrates. Frankfurt 1992

 10   Platons Höhlengleichnis ist es wert, im ganzen gelesen zu werden, und dazu gehört auch die Deutung des Gleichnisses, die -  anders als meine Version - unmittelbar ins Zentrum der platonischen Philosophie führt: Politeia (Der Staat), gleich zu Beginn des Buches VII, ob in der Übersetzung von Karl Vretska (Reclam 1958) oder von Rudolf Rufener (Artemis 1974), das läuft aufs gleiche hinaus. Vgl. Blumenberg, a.a.O., S. 83 ff. (Die Höhle inmitten des Staates).

  

Bildnachweis

Tantrisches Diagramm: Jetziger Eigentümer unbekannt, früher Sammlung Ravi Kumar, Paris 

Hopi-Labyrinthe: Zeichnungen des Hopi-Indianers Oswald White Bear Fredericks

 

 Lesen Sie weiter: das 5. Kapitel