Helmut Jaskolski, Das Labyrinth, Kapitel V

 

Wiedergeburt

 

   

Lucca, Dom San Martino

Labyrinth unter der westlichen Vorhalle des Doms an der Nordseite des Campanile.

Senkrecht hängendes Flachrelief, bei dem die Wege stehengeblieben, die Trennwände ausgemeißelt sind;

50 cm Durchmesser; um 1200 entstanden

 


 

Amen, amen, ich sage dir:

Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird,

kann er nicht in das Reich Gottes kommen.

 

Evangelium nach Johannes 3,5

 

  Wenn früher die frommen Leute im italienischen Lucca die westliche Vorhalle ihres Domes San Martino betraten, sahen sie an der Wand des Campanile in Augenhöhe die Darstellung eines kleinen Labyrinths, in dessen Mitte ursprünglich eine Minotauromachie dargestellt war, der Kampf des Theseus mit dem Minotauros. Der eine und andre von ihnen trat heran und fuhr mit dem Finger die Linien nach, so daß sie heute schon ziemlich abgerieben sind. Wer die lateinische Sprache verstand - das waren lange Zeit nur die gelehrten Kleriker -, fand gleich rechts von der Darstellung die Erklärung:

Hic quem creticus edit Dedalus est laberinthus

de quo nullus vadere quivit qui fuit intus

 ni theseus gratis adriane stamine iutus.

Dies ist das Labyrinth, das Daidalos aus Kreta gebaut hat

und aus dem niemand herauskommen kann, der einmal drinnen ist;

nur dem Theseus ist dies dank des Fadens der Ariadne gelungen.

 

Ein Steinmetz hat es um das Jahr 1200 ausgemeißelt.1 War es bloß unterhaltsames Spiel, den Linien mit dem Finger nachzugehen, oder wollte der Kirchgänger es symbolisch dem Theseus nachtun, bevor er den Raum des Domes betrat?

 

Es ist erstaunlich, daß Theseus noch für die Menschen des Mittelalters als der Held lebendig ist, der mutig das Labyrinth betritt, den Minotauros bezwingt und wieder ans Licht der Welt zurückkehrt - dank des Fadens der Ariadne.

 

Für die alten Athener war die Fahrt des Theseus nach Kreta nicht irgendeines seiner Abenteuer, sondern die entscheidende Bewährungsprobe vor Antritt seiner Königsherrschaft, und sie erzählten ihren Kindern die Geschichte von dieser Reise - denke ich - als Gleichnis für das Abenteuer des Lebens: wie die sieben Jungen und sieben Mädchen, die in Knossos Tod und Verderben erwartete, durch Glück und Geschick des königlichen Gefährten alle Gefahren überwanden und wie neugeboren ihren Familien und der Stadt wiedergeschenkt wurden. Und dabei mag sich mit der Zeit eine andere als die übliche Version der Erzählung von dieser Reise durchgesetzt haben, in der nämlich Theseus wie alle anderen Geiseln ausgewählt wird2: König Minos, der mit seinem Schiff nach Athen gekommen ist, verschont auch nicht den Sohn des Königs. Zusammen mit den anderen muß er das fremde Schiff besteigen, um im Labyrinth geopfert zu werden. Aber schon während der Überfahrt beweist Theseus sein außergewöhnliches Format. Minos, der sich in eines der Mädchen verliebt hat, nimmt sich nämlich heraus, die Wangen der jungen Athenerin zu berühren, als könne er über sie wie über eine Sklavin verfügen. Sie schreit empört auf und ruft nach Theseus. Der tritt dem lüsternen König entgegen und maßregelt ihn:

Sohn des Zeus, nicht so sind deine Absichten und deine Gedanken, wie es sich ziemte!

Hüte dich vor der Gewalttat!

 

Selbstbewußt betont Theseus seine Ebenbürtigkeit mit Minos, indem er Poseidon, den Meeresgott, seinen Vater nennt. Minos bezweifelt die göttliche Abkunft des jungen Mannes, den er nur als den Sohn des Aigeus kennt, und fordert einen Beweis. Er selbst betet zu seinem Vater Zeus, ihm mit einem Blitz die Bestätigung der Sohnschaft zu geben. Dies geschieht auch tatsächlich. Für Theseus hat er sich eine andere Form der Beglaubigung ausgedacht: Er wirft einen Ring ins Wasser und fordert seinen Kontrahenten auf, ihn vom Meeresgrund wieder heraufzuholen; wenn Poseidon wirklich sein Vater sei, werde er ihm ja helfen. Theseus springt unerschrocken in die Tiefe. Minos ist von dem Mut des Jungen durchaus beeindruckt, läßt aber die Fahrt des Schiffes beschleunigen, als wäre die Sache schon entschieden.

 

Was sich unter den Wellen abspielt, bleibt ihm und den zurückgelassenen Gefährten verborgen: Delphine tragen Theseus in das Haus seines Vaters, in den Palast der NEREIDEN auf dem Grunde der See, dort krönt ihn AMPHITRITE, die Königin, mit dem rosendurchflochtenen Kranz, den sie zu ihrer Hochzeit von der Göttin der Liebe erhielt. In königlichem Schmuck taucht Theseus neben dem Schiff auf und reicht dem erschrockenen Minos den Ring zurück. Wer würde nach dieser glückhaften Tauchfahrt in die Tiefe erwarten, der Gang in die Unterwelt des Labyrinths könnte dem Prinzen mißlingen? Was dort geschieht, ist den Zurückgebliebenen ebenso verborgen wie das Geschehen auf dem Meeresgrund: Theseus begibt sich zum zweiten Mal in einen Bereich, der ihn von allen Menschen absondert, ins Jenseits aller bisherigen Erfahrung und - für die Glücklosen und Unberatenen - in tödliche Gefahr.

 

Was findet er im Zentrum des Labyrinths? Nach der Sage ist es das schreckliche Monstrum, das er töten muß, um nicht selbst getötet zu werden, das geopfert wird, damit die athenischen Mädchen und Jungen nicht sein Opfer werden - eine einfache Rechnung! Theseus schlachtet das Ungeheuer - für ihn selbst eine Bewährungsprobe seiner Männlichkeit, die ihn vor allen anderen auszeichnet, zudem eine Befreiungstat, die die Athener aufatmen läßt und den uneingeschränkten Beifall der gesamten aufgeklärten Welt findet. Aber diese altvertraute Lösung ist eine martialische Männerphantasie, die gerade noch dadurch erträglich wird, daß Theseus nur dank des Fadens der Ariadne mit dem Leben davonkommt - zur Genugtuung aller antiken und modernen Feministinnen sei es gesagt.

 

Versuchen wir es anders: Was unser Held im Dunkel des Zentrums findet, ist nicht ein x-beliebiges Mischwesen aus Stier und Mensch, sondern das MIXTUM COMPOSITUM schlechthin. Die alten Römer hätten es das MONSTRUM SACRUM genannt. Mögliche Übersetzungen: das heilige Ungetüm, das verflixte Wunderwesen, das im Guten wie im Bösen Ungeheuerliche. Minotauros - ein göttliches Wesen, ganz nach der Vorstellung der antiken Welt, nach der die Götterhimmel von Wesen bevölkert sind, auf deren Konto zahlreiche Vergewaltigungen, Morde, Vatermorde und Inzeste gehen, von Wahnsinnstaten und Bestialitäten ganz zu schweigen. Es sind Wesen, aus Bestandteilen und Brocken zusammengesetzt, die verschiedenen Realitätsebenen angehören - Mensch, Tier, Materie, Kosmos.3

 

Sollte Minotauros ein männlicher Verwandter der SPHINX sein, die dem ÖDIPUS den Zugang zur Stadt Theben verwehrt? Die Sphinx ist ein Ungeheuer - mit ihrem Frauenkopf, ihrem Löwenkörper, ihrem Drachenschwanz und ihren Adlerschwingen ist sie ein wahres Konglomerat von Unterschieden.4 Die Lösung des Rätsels, das sie dem Ödipus aufgibt, ist: der Mensch. Kein Wunder, denn Minotauros und Sphinx sind Repräsentationen des Menschen, des Mischwesens schlechthin. Der Mensch schuf das Göttliche nach seinem Bild: von den höchsten Göttern bis zu ihren ungeheuerlichen Derivaten.

 

Theseus begegnet im mystischen Dunkel des Labyrinths dem heiligen Monstrum, dem Asterios genannten, und er erstaunt, er erstarrt vor dem MYSTERIUM TREMENDUM ET FASCINANS, dem schreckenerregenden und zugleich faszinierenden Geheimnis, dessen Offenbarung er in einer Mischung aus Furcht und Hingabe, aus Respekt, Begierde und Schreckens5  erlebt. Überwältigt, wie gebannt steht er da und schaut. Aber er geht nicht in die Knie, sondern besinnt sich. Es würde ihm jetzt nichts nützen, wie ein Barbar zu irgendeinem Mordinstrument zu greifen, um dem stierköpfigen Ungeheuer den Garaus zu machen.

 

 Ödipus und die Sphinx. Attische Schule, 470/460 v. Chr.

 

Ich stelle mir vor: Je deutlicher er sich der Eigenart seines Gegenübers bewußt wird - ein Aha-Erlebnis, das ihn verwandelt -, steigt in seinem Inneren ein erkennendes Lachen auf, ein Lachen, das Nähe und Distanz, Einverständnis und Protest bekundet. Schau an: der Mensch, das monströse Wesen, das ich selbst bin! Wie Ödipus das Rätsel der Sphinx löst, so ergründet Theseus das Geheimnis des Minotauros. Triumph der Selbsterkenntnis!6

 

Für Theseus ist es jedenfalls ein Sieg auf der ganzen Linie: Er kann seinem schrecklich-faszinierenden Ebenbild jetzt ungefährdet den Rücken kehren und am Faden der Ariadne den Weg ins Freie antreten, zurück in die alltägliche Welt, aber neugeboren und gewandelt zur Reife des Erwachsenen, mehr noch: zum Nachfolger seines Vaters, zum König; denn am Ende der Kretafahrt wird Theseus in Athen inthronisiert, in innerer Konsequenz dessen, was der Prinz auf seiner Reise erlebt hat, nicht als Ergebnis eines unglücklichen Zufalls, wie uns die Sage weismachen will.

 

In den Kulturwissenschaften wird das, was hier von Theseus erzählt worden ist, als INITIATION, Einweihung, bezeichnet: Es ist der Übergang des jungen Menschen in das Erwachsenenstadium und die Aufnahme als vollberechtigtes Mitglied der Gemeinschaft. In den geschlossenen, archaischen Gesellschaften der Naturvölker, in Stammesgesellschaften geschah und geschieht dies dadurch, daß die Jugendlichen aus ihren Familien herausgenommen und in der »Buschzeit« unter Führung eines Lehrers zahlreichen Bewährungsproben ausgesetzt werden.7 Aber man muß nicht auf Expedition in die letzten Urwälder gehen, um das Phänomen zu studieren: Ein Opernbesuch genügt! Was Pamina recht ist, sollte Tamino billig sein:

Ein Weib, das Nacht und Tod nicht scheut,

Ist würdig und wird eingeweiht.8

 

Die beiden werden jedoch in größere Mysterien eingeführt als das normale Erwachsenendasein, Hinweis auf die unterschiedlichen Spielarten der Initiation. Wo und wie auch immer eine solche stattfindet . . . Der Novize steigt aus seiner Prüfung als ein vollkommen anderes Wesen heraus: Er ist ein anderer geworden.9 Was mit dem Initianden geschieht, wird mit den Begriffen Tod und Wiedergeburt gedeutet: Erst durch das Sterben des alten Menschen wird die Geburt des neuen Menschen ermöglicht. In den Mythen der Völker wird der Initiationstod symbolisiert durch die Finsternis, die kosmische Nacht, den mütterlichen Schoß der Erde, die Hütte, den Bauch eines Ungeheuers: Bilder des Chaos, des Ursprünglichen, der verschlingenden und gebärenden Tiefe.10

 

Für Theseus sind Meeresabgrund und labyrinthische Unterwelt zu bestehen, bevor er Mann und König wird. In der Tiefe des Meeres erhält er seine Beglaubigung als Sohn des Gottes. Ist es falsch zu sagen, daß er erst mit dem mutigen Sprung ins Wasser seinen göttlichen Rang begründet? Und findet er im Zentrum des Labyrinths nicht sich selbst als das ihm verborgen gebliebene Wesen oder doch eine Dimension seines Wesens, die ihm unbekannt war, deren Kenntnis aber zur menschlichen Reife unabdingbar ist?

 

Am Faden der Ariadne gelangt er wieder ins Freie, gelingt ihm die Auferstehung. Aber nur der Prinz findet die Gunst der hilfreichen Prinzessin und besteht das Abenteuer der Wiedergeburt. Was ist mit den anderen, den Gefährten der Initiationsreise? Haben auch sie an der Wiedergeburt teil?

 

Ganz gewiß haben die ungewöhnlichen Erfahrungen dieser Reise in den erwarteten Tod sie erwachsen werden lassen. Aber nur Theseus ist den Weg zu Ende gegangen, nur er hat das letzte Ziel der Fahrt erreicht. Man muß gleich hinzufügen: nicht allein für sich, sondern exemplarisch und stellvertretend für die anderen, der Königssohn für die Gemeinschaft. Die Teilhabe an der stellvertretenden Initiation wird aber nicht einfach deklariert, sondern symbolisch vermittelt, indem nämlich auf einer Station der Rückfahrt im erinnernden Kranichtanz der Labyrinthgang des Theseus rituell nachvollzogen, das Vorbild symbolisch wiederholt wird.

 

Auch ohne den Minotauros ist das Labyrinth ein Modell der Initiation, und es liegt nahe, den von Daidalos geschaffenen Tanzplatz der göttlichen Ariadne als einen Ort der Einweihung für die Jugendlichen anzusehen. Was erfahren die jungen Leute, wenn sie im Ritual der Initiation die Labyrinthfigur durchtanzen?

 

Eine eindrucksvolle Antwort hat Hermann Kern gegeben, indem er dieses Erlebnis aus der Eigenart dieser Figur deutend entwickelt.11  Der Initiand steht vor dem einzigen engen Eingang des Labyrinths und hat die Aufgabe, von außen in den abschreckend kompliziert anmutenden Innenraum ein­zudringen, in einen Raum, der ihn von den Zurückgebliebenen wie ein Gefängnis isoliert, durch eine Bewegung, die ihn von den Draußenbleibenden fortschreitend entfernt, so, als ob er sterben würde. Die Bewegung durch die labyrinthischen Windungen fordert ihm zudem ein hohes Maß an Körperbeherrschung und Anpassungsfähigkeit ab. Ein Wagnis sondergleichen! Sobald er in den Innenraum gelangt ist, erfährt er tanzend den Weg zur Mitte, zum Ziel der Bewegung, als größtmöglichen Umweg: Ein Maximum an Einsatz, an Zeitverlust und an körperlicher Belastung wird ihm abverlangt. Aber auch psychisch wird der Novize gefordert: Das Ziel ist oft zum Greifen nahe, er wird aber immer wieder weggeführt. Geduld und Ausdauer sind vonnöten, damit das Zentrum letztendlich erreicht wird; das aber geschieht mit Sicherheit, denn kein Irr- und Abweg läßt das Wagnis scheitern. Dort aber, am Ziel, ist er mit sich allein, erkennt er sich selbst oder begegnet einem Höheren. Zugleich schließt die zentrale Erfahrung einen radikalen Richtungswechsel ein, denn nur so ist die Rückkehr möglich: Umkehr als Richtungsänderung um 180º - das bedeutet größtmögliche Distanzierung von der eigenen Vergangenheit, ist zugleich Tod des alten Menschen und Wiedergeburt zu einem neuen. Den Weg zurück in die Welt - fast ebenso schwer wie der Hinweg - geht ein Gewandelter, einer, der eine neue Form der Existenz, eine neue Seinsweise gefunden hat.

 

Hat daran auch der mittelalterliche Fromme in Lucca gedacht oder es doch ahnend erspürt, als er mit dem Finger die Linien des Kirchenlabyrinths nachging?

 

Ob sich ihm die Sinnhaftigkeit des urtümlichen Lebenssymbols auf diese Weise erschlossen hat, wissen wir nicht. Aber einige Überlieferungen und Indizien aus dieser Zeit lassen erkennen, daß das Labyrinth für ihn eine neue, aber durchaus vergleichbare Bedeutung gehabt haben muß.12 Theseus, der heidnische Held, ist inzwischen mit einem neuen Namen in die christliche Vorstellungswelt eingegangen: Es ist jetzt Jesus Christus, der Gottmensch, der in die Unterwelt abgestiegen ist - DESCENSUS AD INFEROS - und das höllische Ungeheuer besiegt hat. Aus Minotauros ist - grotesk verändert - der Teufel geworden: ein schreckenerregender und doch auch anziehender Dämon, menschengestaltig, doch mit Bocks- oder Pferdefuß, Vogelkrallen, Flügeln, Schwanz und Hörnern, der jedoch gelegentlich auch ganz manierlich, einem Engel gleich, als schöngekleideter Jüngling oder als Frau von verführerischem Reiz erscheint.13  

 

 

 

Der Gott Pan, der wie Minotaurus zum christlichen Teufel gemacht wurde,

dargestellt als geflügelter Geißbock mit okkulten Symbolen; seine Flöte symbolisiert die Harmonie der sieben Sphären

 

Der entscheidende Sieg über den Satan - eine metaphysische Grundsatzentscheidung, also auch hier keine brutale Vernichtung - ermöglichte es dem neuen Theseus, die in der Hölle gefangenen Gerechten zu befreien und - gen Himmel fahrend - ihnen das Paradies zu öffnen.  

 

 

 

anastasis: Auferstehung oder Höllenfahrt Christi

Fresko in der Apsishalbkugel des Parekklesions der Chora-Kirche in Istanbul.

 

Das Labyrinth erscheint in mittelalterlicher Deutung14 als Bild der sündigen Welt, von deren Zentrum aus der Teufel noch immer sein Unwesen treibt, wenn auch ohne Aussicht auf dauerhaften Erfolg. Theologisch gesprochen: Indem Christus in den Tod gegangen, am dritten Tage auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist, hat er diese Welt von Grund auf, aus ihrem Angelpunkt heraus, von der Verfallenheit an das Böse befreit und die Hoffnung auf endgültige Erlösung begründet. Nur er vermochte dies - dank des Fadens der Ariadne, wie am Dom zu Lucca geschrieben steht. Eine etwas vertrackte Allegorie, denn wenn man nicht durch die Identifizierung Ariadnes mit der irdischen Mutter Maria ins theologische Abseits geraten wollte, mußte Ariadne nicht nur vergöttlicht, sondern auch vermännlicht werden, damit das Bild auf den himmlischen Vater paßte. Und so lautet die mögliche Übersetzung: ausgestattet mit dem Ariadnefaden der göttlichen Macht.

 

Der Betrachter in Lucca bekam klugerweise die nötige Deutungshilfe geboten: Er mußte nur seinen Blick wenden und sah am gegenüberliegenden Pfeiler eine Darstellung des Sündenfalles und des von der Schlange umwundenen Paradiesbaumes, überwachsen von der heilbringenden, durch Christus gekrönten Wurzel Jesse15 , eine andere Version dessen, was auch das verchristlichte Labyrinth sagt.

 

Gemeinsam mit dem kretischen Typ haben diese Kirchenlabyrinthe den einzigen Hin- und Rückweg ohne Irrwege und Sackgassen: Man verfolgt den Gang zum einzigen Ziel auf dem größtmöglichen Umweg, jedoch eindeutig­-konsequent. Aber statt der bisherigen sieben konzentrisch ineinander gestellten Kreiswindungen erhält die Figur jetzt deren elf. Die Elfzahl steht nach christlicher Zahlensymbolik für Sünde, Übertretung und Maßlosigkeit (da die Zahl der Gebote überschritten wird) und für Unvollkommenheit (weil die vollkommene Zwölfzahl nicht erreicht wird). Sie weist das Labyrinth als Sündenwelt aus. Aber über die elf konzentrischen Kreise ist das Zeichen des Kreuzes gelegt, und dieses organisiert die Figur so, daß der Weg an den Kreuzachsen umkehren muß und so zu einem Kreuzweg wird: Die sündige Welt ist unter das Heilszeichen des Christus gestellt, der Satan besiegt. Der Triumph des neuen Theseus über die minotaurischen Irrwege der Welt drückt sich geradezu aus in der eindeutigen Wegführung des klassischen Labyrinths.16

 

Sollten wir annehmen, daß der Fromme den Finger nicht nur zum Zentrum hin bewegte, sondern andächtig auch die Gegenrichtung durchlief, um als getaufter Christ den Weg seines gottmenschlichen Meisters symbolisch nachzuvollziehen und seine Bereitschaft zur Nachfolge zu demonstrieren? Hatte er schon einmal die Worte des Paulus über die Initiation gehört?

"Wißt ihr denn nicht, daß wir alle, die wir auf Christus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben."17

 

 

 

 Taufe als christliches Tauchbad. Illustration aus der Roda-Bibel, 11. Jahrhundert

 

In der Kathedrale von Amiens und anderen Kirchen ist die christliche Symbolik des Labyrinths durch die Form des Achtecks gesteigert: Sie ist - wie die Achteckform vieler Baptisterien und Taufsteine zeigt - Hinweis auf die christliche Initiation der Taufe, sie bedeutet Auferstehung, Vollkommenheit, Neubeginn.18

 

  Grundriß des Labyrinths in der Kathedrale von Amiens, 1288 geschaffen, nach der Zerstörung in den Jahren 1827-1897 rekonstruiert

 

Falls unser mittelalterlicher Gewährsmann in Lucca sich also mit dem Labyrinth nicht gerade die Zeit vertrieb, sondern die Symbolik verstand und sich zunutze machte, vollzog er vor Eintritt in den heiligen Raum und die heilige Handlung seine Taufe rituell nach; er wiederholte im Labyrinthgang bewußt und zugleich sinnlich-motorisch seine Initiation ins Christentum, die er eigentlich nur vom Hörensagen kannte: eine ebenfalls rituelle Handlung, bei der unter gemurmelten lateinischen Worten ein Guß Wasser den Kopf des Kindes benetzt hatte. Aus Wasser und Geist geboren.

 

 


 

Anmerkungen

 

Motto: Evangelium nach Johannes 3,5  in der Übersetzung der Einheitsbibel.

 

1   Bildlegende: Hermann Kern, Labyrinthe, 3. Auflage, München 1983, S. 230 f.

 

2   Vgl. Karl Kerényi, Die Mythologie der Griechen. Band II: Die Heroen-Geschichten, München 1966, S. 183 f.

 

3   René Girard, Das Heilige und die Gewalt, Zürich 1987, S. 371.

 

4   Girard, a.a.O.,  S. 370.

 

5   Michel Leiris in seinem Vortrag »Das Heilige im Alltagsleben« (Die eigene und fremde Kultur. Ethnologische Schriften. Band 1, Frankfurt 1985, S.228). Die Rede von dem Heiligen geht zurück auf Rudolf Ottos 1917 erschienenes Buch »Das Heilige. Uber das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen« . Zur Diskussion dieses Begriffs im Kontext des 20. Jahrhunderts: Adolf Holl, Im Keller des Heiligtums, Geschlecht und Gewalt in der Religion, Stuttgart 1991, 8. Kapitel: Gefährliche Heiligkeit.

 

6   Eine übersichtliche Darstellung und aufschlußreiches Bildmaterial zum Thema Ödipus und die Sphinx bietet Rolf Vogt: Psychoanalyse zwischen Mythos und Aufklärung oder Das Rätsel der Sphinx, Frankfurt und New York, S. 49 ff.  Die Begegnung mit sich selbst im Bild des Minotauros ist das Zentrum des Romans »Labyrinth des Minotaurus« von Anais Nin (München 1988). Engl. »Seduction of the Minotaur«, 1961

 

7  Lexikon für Theologie und Kirche, Band 5, 2. Aufl. 1965, Sp. 674 ff.

 

8  Wolfgang Amadeus Mozart, Die Zauberflöte, 2. Aufzug, 28. Auftritt.

 

9  Mircea Eliade, Die Sehnsucht nach dem Ursprung, Von den Quellen der Humanität, S. 155.

 

10  Mircea Eliade, Das Mysterium der Wiedergeburt, Initiationsriten, ihre kulturelle und religiöse Bedeutung, Zürich und Stuttgart 1961, S. 16.  Vgl. auch C. G. Jung: Symbole der Wandlung (Gesammelte Werke V, Olten und Freiburg 1973), S. 261 ff. (Symbole des Mutter und der Wiedergeburt).

 

11 Kern, a.a.O., S. 26 ff.  Zum Zusammenhang von Ritual, Tanz und psychischem Erleben vgl. Erich Neumann, Zur psychologischen Bedeutung des Ritus, in: Kulturentwicklung und Religion (Umkreisung der Mitte, Band  I), Zürich 1953, S. 14 ff.

 

12  Vgl. Kern, a.a.O., Abb. 177 (Teufelsdarstellung im Zentrum).

 

13  Lexikon für Theologie und Kirche, Band 10, 2. Aufl. 1965, Sp. 4 f.

Zum amüsan­ten, jedoch durchaus ernsthaften Studium des Engel- und Teufelwesens empfiehlt sich das reich illustrierte Werk von Malcolm Godwin mit dem Titel »Engel. Eine bedrohte Art« (3. Auflage, Frankfurt 1992)

 

14 Die christliche Interpretation des Labyrinths ist durchaus nicht einheit­lich, zumindest eine »Doppelstrategie« ist festzustellen: in bonam partem aktualisiert das Muster die Personalunion von Christus und Theseus, den Prozeß der Wiederauferstehung, die Passio Christi, den Weg nach Jerusalem und - in ekklesiologischer Auslegung - den Weg zur Kirche und zum Himmel. In malam partem ist das Labyrinth »Symbol sündiger Weltverstric­kung«, wie zum Beispiel in Darstellungen der biblischen Stadt Jericho. (Manfred Schmeling: Der labyrinthische Diskurs. Vom Mythos zum Erzählmodell. Frankfurt am Main 1987, S. 143, mit Berufung auf Birkhan und Haubrichs).

 

15  Alfons Rosenberg, Die christliche Bildmeditation, München-Planegg 1955, S. 271

 

16  Vgl. Kapitel II, Anm. 12: »Die univiale Konstruktion der Labyrinthe verstößt so offensichtlich gegen den in den Texten immer wieder bewußt gemachten Sinn der Figur, den error, daß wir der Abweichung eine Intention unterstellen müssen: die antike und mittelalterliche Labyrinthabbildung repräsentiert im Schema den Weg, den Ariadnefaden, den vom Mythos gefeierten Sieg über den error, nicht die Konstruktion der domus Daedali und deren Irrwege.«. Wolfgang Haubrichs: Error inextricabilis. Form und Funktion der Labyrinthabbildung in mittelalterlichen Handschriften. In: Meier/ Ruberg (Hg.): Text und Bild. Wiesbaden 1980, S. 97

 

17  Römer, 6,3 f.

 

18 Vgl. dazu Kern, a.a.O., S. 207 ff.; Hugo Rahner: Griechische Mythen in christlicher Deutung, Neuauflage, Freiburg 1992, S. 74 ff.

 

 

Bildnachweis

 

Lucca, Dom San Martino: Foto von Christoph Schepers , Pulheim

 

Ödipus und die Sphinx: Vatikanisches Museum, Rom

 

Der Gott Pan: aus Kitchers „Oedipus Aegyptiacus“

 

Anastasis: Chora-Kirche in Istanbul : Museum Chora-Kirche (Foto: Gryffindor)

 

Taufe: Rodabibel, Bibliothèque nationale, Paris

 

Grundriß des Labyrinths in der Kathedrale von Amiens:  Musée de Picardie, Amiens