Wiedergeburt

Lucca,
Dom San Martino
Labyrinth
unter der westlichen Vorhalle des Doms an der Nordseite des Campanile.
Senkrecht hängendes Flachrelief, bei dem die Wege stehengeblieben, die Trennwände ausgemeißelt sind;
50 cm Durchmesser; um 1200 entstanden
Amen,
amen, ich sage dir:
Wenn
jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird,
kann
er nicht in das Reich Gottes kommen.
Evangelium
nach Johannes 3,5
Hic quem creticus edit Dedalus est laberinthus
de quo nullus vadere quivit qui fuit intus
ni
theseus gratis adriane stamine iutus.
Dies ist das Labyrinth, das Daidalos aus Kreta gebaut hat
und aus dem niemand herauskommen kann, der einmal drinnen ist;
nur
dem Theseus ist dies dank des Fadens der Ariadne gelungen.
Ein
Steinmetz hat es um das Jahr 1200 ausgemeißelt.1
War es bloß unterhaltsames Spiel, den Linien mit dem Finger nachzugehen, oder
wollte der Kirchgänger es symbolisch dem Theseus nachtun, bevor er den Raum des
Domes betrat?
Es
ist erstaunlich, daß Theseus noch für die Menschen des Mittelalters als der
Held lebendig ist, der mutig das Labyrinth betritt, den Minotauros bezwingt und
wieder ans Licht der Welt zurückkehrt - dank des Fadens der Ariadne.
Für
die alten Athener war die Fahrt des Theseus nach Kreta nicht irgendeines seiner
Abenteuer, sondern die entscheidende Bewährungsprobe vor Antritt seiner Königsherrschaft,
und sie erzählten ihren Kindern die Geschichte von dieser Reise - denke ich -
als Gleichnis für das Abenteuer des Lebens: wie die sieben Jungen und sieben Mädchen,
die in Knossos Tod und Verderben erwartete, durch Glück und Geschick des königlichen
Gefährten alle Gefahren überwanden und wie neugeboren ihren Familien und der
Stadt wiedergeschenkt wurden. Und dabei mag sich mit der Zeit eine andere als
die übliche Version der Erzählung von dieser Reise durchgesetzt haben, in der
nämlich Theseus wie alle anderen Geiseln ausgewählt wird2:
König Minos, der mit seinem Schiff nach Athen gekommen ist, verschont auch
nicht den Sohn des Königs. Zusammen mit den anderen muß er das fremde Schiff
besteigen, um im Labyrinth geopfert zu werden. Aber schon während der Überfahrt
beweist Theseus sein außergewöhnliches Format. Minos, der sich in eines der Mädchen
verliebt hat, nimmt sich nämlich heraus, die Wangen der jungen Athenerin zu berühren,
als könne er über sie wie über eine Sklavin verfügen. Sie schreit empört
auf und ruft nach Theseus. Der tritt dem lüsternen König entgegen und maßregelt
ihn:
Sohn des Zeus, nicht so sind deine Absichten und deine Gedanken, wie es sich ziemte!
Hüte dich vor der Gewalttat!
Selbstbewußt
betont Theseus seine Ebenbürtigkeit mit Minos, indem er Poseidon, den
Meeresgott, seinen Vater nennt. Minos bezweifelt die göttliche Abkunft des
jungen Mannes, den er nur als den Sohn des Aigeus kennt, und fordert einen
Beweis. Er selbst betet zu seinem Vater Zeus, ihm mit einem Blitz die Bestätigung
der Sohnschaft zu geben. Dies geschieht auch tatsächlich. Für Theseus hat er
sich eine andere Form der Beglaubigung ausgedacht: Er wirft einen Ring ins
Wasser und fordert seinen Kontrahenten auf, ihn vom Meeresgrund wieder
heraufzuholen; wenn Poseidon wirklich sein Vater sei, werde er ihm ja helfen.
Theseus springt unerschrocken in die Tiefe. Minos ist von dem Mut des Jungen
durchaus beeindruckt, läßt aber die Fahrt des Schiffes beschleunigen, als wäre
die Sache schon entschieden.
Was
sich unter den Wellen abspielt, bleibt ihm und den zurückgelassenen Gefährten
verborgen: Delphine tragen Theseus in das Haus seines Vaters, in den Palast der
NEREIDEN auf dem Grunde der See, dort krönt ihn AMPHITRITE, die Königin, mit
dem rosendurchflochtenen Kranz, den sie zu ihrer Hochzeit von der Göttin der
Liebe erhielt. In königlichem Schmuck taucht Theseus neben dem Schiff auf und
reicht dem erschrockenen Minos den Ring zurück. Wer würde nach dieser glückhaften
Tauchfahrt in die Tiefe erwarten, der Gang in die Unterwelt des Labyrinths könnte
dem Prinzen mißlingen? Was dort geschieht, ist den Zurückgebliebenen ebenso
verborgen wie das Geschehen auf dem Meeresgrund: Theseus begibt sich zum zweiten
Mal in einen Bereich, der ihn von allen Menschen absondert, ins Jenseits aller
bisherigen Erfahrung und - für die Glücklosen und Unberatenen - in tödliche
Gefahr.
Was
findet er im Zentrum des Labyrinths? Nach der Sage ist es das schreckliche
Monstrum, das er töten muß, um nicht selbst getötet zu werden, das geopfert
wird, damit die athenischen Mädchen und Jungen nicht sein Opfer werden - eine
einfache Rechnung! Theseus schlachtet das Ungeheuer - für ihn selbst eine Bewährungsprobe
seiner Männlichkeit, die ihn vor allen anderen auszeichnet, zudem eine
Befreiungstat, die die Athener aufatmen läßt und den uneingeschränkten
Beifall der gesamten aufgeklärten Welt findet. Aber diese altvertraute Lösung
ist eine martialische Männerphantasie, die gerade noch dadurch erträglich
wird, daß Theseus nur dank des Fadens der Ariadne mit dem Leben davonkommt -
zur Genugtuung aller antiken und modernen Feministinnen sei es gesagt.
Versuchen
wir es anders: Was unser Held im Dunkel des Zentrums findet, ist nicht ein
x-beliebiges Mischwesen aus Stier und Mensch, sondern das MIXTUM COMPOSITUM
schlechthin. Die alten Römer hätten es das MONSTRUM SACRUM genannt. Mögliche
Übersetzungen: das heilige Ungetüm, das verflixte Wunderwesen, das im Guten
wie im Bösen Ungeheuerliche. Minotauros - ein göttliches Wesen, ganz nach der
Vorstellung der antiken Welt, nach der die
Götterhimmel von Wesen bevölkert sind, auf deren Konto zahlreiche
Vergewaltigungen, Morde, Vatermorde und Inzeste gehen, von Wahnsinnstaten und
Bestialitäten ganz zu schweigen. Es sind Wesen, aus Bestandteilen und Brocken zusammengesetzt, die verschiedenen Realitätsebenen
angehören - Mensch, Tier, Materie, Kosmos.3
Sollte
Minotauros ein männlicher Verwandter der SPHINX sein, die dem ÖDIPUS den
Zugang zur Stadt Theben verwehrt? Die
Sphinx ist ein Ungeheuer -
mit ihrem Frauenkopf, ihrem Löwenkörper, ihrem Drachenschwanz und ihren
Adlerschwingen ist sie ein wahres Konglomerat von Unterschieden.4
Die Lösung des Rätsels, das sie dem Ödipus aufgibt, ist: der
Mensch. Kein Wunder, denn Minotauros und Sphinx sind Repräsentationen des
Menschen, des Mischwesens schlechthin. Der Mensch schuf das Göttliche nach
seinem Bild: von den höchsten Göttern bis zu ihren ungeheuerlichen Derivaten.
Theseus
begegnet im mystischen Dunkel des Labyrinths dem heiligen Monstrum, dem Asterios
genannten, und er erstaunt, er erstarrt vor dem MYSTERIUM TREMENDUM ET FASCINANS,
dem schreckenerregenden und zugleich faszinierenden Geheimnis, dessen
Offenbarung er in einer Mischung aus
Furcht und Hingabe, aus Respekt, Begierde und Schreckens5
erlebt. Überwältigt, wie gebannt steht er da und schaut. Aber er
geht nicht in die Knie, sondern besinnt sich. Es würde ihm jetzt nichts nützen,
wie ein Barbar zu irgendeinem Mordinstrument zu greifen, um dem stierköpfigen
Ungeheuer den Garaus zu machen.

Ödipus und die Sphinx. Attische Schule, 470/460 v. Chr.
Ich
stelle mir vor: Je deutlicher er sich der Eigenart seines Gegenübers bewußt
wird - ein Aha-Erlebnis, das ihn verwandelt -, steigt in seinem Inneren ein
erkennendes Lachen auf, ein Lachen, das Nähe und Distanz, Einverständnis und
Protest bekundet. Schau an: der Mensch, das monströse Wesen, das ich selbst
bin! Wie Ödipus das Rätsel der Sphinx löst, so ergründet Theseus das
Geheimnis des Minotauros. Triumph der Selbsterkenntnis!6
Für
Theseus ist es jedenfalls ein Sieg auf der ganzen Linie: Er kann seinem
schrecklich-faszinierenden Ebenbild jetzt ungefährdet den Rücken kehren und am
Faden der Ariadne den Weg ins Freie antreten, zurück in die alltägliche Welt,
aber neugeboren und gewandelt zur Reife des Erwachsenen, mehr noch: zum
Nachfolger seines Vaters, zum König; denn am Ende der Kretafahrt wird Theseus
in Athen inthronisiert, in innerer Konsequenz dessen, was der Prinz auf seiner
Reise erlebt hat, nicht als Ergebnis eines unglücklichen Zufalls, wie uns die
Sage weismachen will.
In
den Kulturwissenschaften wird das, was hier von Theseus erzählt worden ist, als
INITIATION, Einweihung, bezeichnet: Es ist der Übergang des jungen Menschen in
das Erwachsenenstadium und die Aufnahme als vollberechtigtes Mitglied der
Gemeinschaft. In den geschlossenen, archaischen Gesellschaften der Naturvölker,
in Stammesgesellschaften geschah und geschieht dies dadurch, daß die
Jugendlichen aus ihren Familien herausgenommen und in der »Buschzeit« unter Führung
eines Lehrers zahlreichen Bewährungsproben ausgesetzt werden.7
Aber man muß nicht auf Expedition in die letzten Urwälder gehen, um das Phänomen
zu studieren: Ein Opernbesuch genügt! Was Pamina recht ist, sollte Tamino
billig sein:
Ein
Weib, das Nacht und Tod nicht scheut,
Ist
würdig und wird eingeweiht.8
Die
beiden werden jedoch in größere Mysterien eingeführt als das normale
Erwachsenendasein, Hinweis auf die unterschiedlichen Spielarten der Initiation.
Wo und wie auch immer eine solche stattfindet . . . Der Novize steigt aus seiner Prüfung als ein vollkommen anderes Wesen
heraus: Er ist ein anderer geworden.9
Was mit dem Initianden geschieht, wird mit den Begriffen Tod und
Wiedergeburt gedeutet: Erst durch das Sterben des alten Menschen wird die Geburt
des neuen Menschen ermöglicht. In den Mythen der Völker wird der
Initiationstod symbolisiert durch die Finsternis, die kosmische Nacht, den mütterlichen
Schoß der Erde, die Hütte, den Bauch eines Ungeheuers: Bilder des Chaos, des
Ursprünglichen, der verschlingenden und gebärenden Tiefe.10
Für
Theseus sind Meeresabgrund und labyrinthische Unterwelt zu bestehen, bevor er
Mann und König wird. In der Tiefe des Meeres erhält er seine Beglaubigung als
Sohn des Gottes. Ist es falsch zu sagen, daß er erst mit dem mutigen Sprung ins
Wasser seinen göttlichen Rang begründet? Und findet er im Zentrum des
Labyrinths nicht sich selbst als das ihm verborgen gebliebene Wesen oder doch
eine Dimension seines Wesens, die ihm unbekannt war, deren Kenntnis aber zur
menschlichen Reife unabdingbar ist?
Am
Faden der Ariadne gelangt er wieder ins Freie, gelingt ihm die Auferstehung.
Aber nur der Prinz findet die Gunst der hilfreichen Prinzessin und besteht das
Abenteuer der Wiedergeburt. Was ist mit den anderen, den Gefährten der
Initiationsreise? Haben auch sie an der Wiedergeburt teil?
Ganz
gewiß haben die ungewöhnlichen Erfahrungen dieser Reise in den erwarteten Tod
sie erwachsen werden lassen. Aber nur Theseus ist den Weg zu Ende gegangen, nur
er hat das letzte Ziel der Fahrt erreicht. Man muß gleich hinzufügen: nicht
allein für sich, sondern exemplarisch und stellvertretend für die anderen, der
Königssohn für die Gemeinschaft. Die Teilhabe an der stellvertretenden
Initiation wird aber nicht einfach deklariert, sondern symbolisch vermittelt,
indem nämlich auf einer Station der Rückfahrt im erinnernden Kranichtanz
der Labyrinthgang des Theseus rituell nachvollzogen, das Vorbild symbolisch wiederholt
wird.
Auch
ohne den Minotauros ist das Labyrinth ein Modell der Initiation, und es liegt
nahe, den von Daidalos geschaffenen Tanzplatz der göttlichen Ariadne als einen
Ort der Einweihung für die Jugendlichen anzusehen. Was erfahren die jungen
Leute, wenn sie im Ritual der Initiation die Labyrinthfigur durchtanzen?
Eine
eindrucksvolle Antwort hat Hermann Kern gegeben, indem er dieses Erlebnis aus
der Eigenart dieser Figur deutend entwickelt.11
Der Initiand steht vor dem einzigen engen Eingang des Labyrinths und hat
die Aufgabe, von außen in den abschreckend kompliziert anmutenden Innenraum einzudringen,
in einen Raum, der ihn von den Zurückgebliebenen wie ein Gefängnis isoliert,
durch eine Bewegung, die ihn von den Draußenbleibenden fortschreitend entfernt,
so, als ob er sterben würde. Die Bewegung durch die labyrinthischen Windungen fordert ihm zudem ein hohes Maß an Körperbeherrschung
und Anpassungsfähigkeit ab. Ein Wagnis sondergleichen! Sobald er in den
Innenraum gelangt ist, erfährt er tanzend den Weg zur Mitte, zum Ziel der
Bewegung, als größtmöglichen Umweg: Ein Maximum an Einsatz, an Zeitverlust
und an körperlicher Belastung wird ihm abverlangt. Aber auch psychisch wird der
Novize gefordert: Das Ziel ist oft zum Greifen nahe, er wird aber immer wieder
weggeführt. Geduld und Ausdauer sind vonnöten, damit das Zentrum letztendlich
erreicht wird; das aber geschieht mit Sicherheit, denn kein Irr- und Abweg läßt
das Wagnis scheitern. Dort aber, am Ziel, ist er mit sich allein, erkennt er
sich selbst oder begegnet einem Höheren. Zugleich schließt die zentrale
Erfahrung einen radikalen Richtungswechsel ein, denn nur so ist die Rückkehr möglich:
Umkehr als Richtungsänderung um 180º - das bedeutet größtmögliche
Distanzierung von der eigenen Vergangenheit, ist zugleich Tod des alten Menschen
und Wiedergeburt zu einem neuen. Den Weg zurück in die Welt - fast ebenso
schwer wie der Hinweg - geht ein Gewandelter, einer, der eine neue Form der
Existenz, eine neue Seinsweise gefunden hat.
Hat
daran auch der mittelalterliche Fromme in Lucca gedacht oder es doch ahnend erspürt,
als er mit dem Finger die Linien des Kirchenlabyrinths nachging?
Ob
sich ihm die Sinnhaftigkeit des urtümlichen Lebenssymbols auf diese Weise
erschlossen hat, wissen wir nicht. Aber einige Überlieferungen und Indizien aus
dieser Zeit lassen erkennen, daß das Labyrinth für ihn eine neue, aber
durchaus vergleichbare Bedeutung gehabt haben muß.12
Theseus, der heidnische Held, ist inzwischen mit einem neuen Namen in die
christliche Vorstellungswelt eingegangen: Es ist jetzt Jesus Christus, der
Gottmensch, der in die Unterwelt abgestiegen ist - DESCENSUS AD INFEROS - und
das höllische Ungeheuer besiegt hat. Aus Minotauros ist - grotesk verändert -
der Teufel geworden: ein schreckenerregender und doch auch anziehender Dämon,
menschengestaltig, doch mit Bocks- oder Pferdefuß, Vogelkrallen, Flügeln,
Schwanz und Hörnern, der jedoch gelegentlich auch ganz manierlich, einem Engel
gleich, als schöngekleideter Jüngling oder als Frau von verführerischem Reiz
erscheint.13
Der Gott Pan, der wie Minotaurus zum christlichen Teufel gemacht wurde,
dargestellt
als geflügelter Geißbock mit okkulten Symbolen; seine Flöte symbolisiert die
Harmonie der sieben Sphären
Der
entscheidende Sieg über den Satan - eine metaphysische Grundsatzentscheidung,
also auch hier keine brutale Vernichtung - ermöglichte es dem neuen Theseus,
die in der Hölle gefangenen Gerechten zu befreien und - gen Himmel fahrend -
ihnen das Paradies zu öffnen.
anastasis:
Auferstehung oder Höllenfahrt Christi
Fresko
in der Apsishalbkugel des Parekklesions der Chora-Kirche in Istanbul.
Das
Labyrinth erscheint in mittelalterlicher Deutung14
als Bild der sündigen Welt, von deren Zentrum aus der Teufel noch immer sein
Unwesen treibt, wenn auch ohne Aussicht auf dauerhaften Erfolg. Theologisch
gesprochen: Indem Christus in den Tod gegangen, am dritten Tage auferstanden und
in den Himmel aufgefahren ist, hat er diese Welt von Grund auf, aus ihrem
Angelpunkt heraus, von der Verfallenheit an das Böse befreit und die Hoffnung
auf endgültige Erlösung begründet. Nur er vermochte dies - dank des
Fadens der Ariadne, wie am Dom zu Lucca geschrieben steht. Eine etwas
vertrackte Allegorie, denn wenn man nicht durch die Identifizierung Ariadnes mit
der irdischen Mutter Maria ins theologische Abseits geraten wollte, mußte
Ariadne nicht nur vergöttlicht, sondern auch vermännlicht werden, damit das
Bild auf den himmlischen Vater paßte. Und so lautet die mögliche Übersetzung:
ausgestattet mit dem Ariadnefaden der göttlichen Macht.
Der
Betrachter in Lucca bekam klugerweise die nötige Deutungshilfe geboten: Er mußte
nur seinen Blick wenden und sah am gegenüberliegenden Pfeiler eine Darstellung
des Sündenfalles und des von der Schlange umwundenen Paradiesbaumes, überwachsen
von der heilbringenden, durch Christus gekrönten Wurzel Jesse15
, eine andere Version dessen, was auch das verchristlichte Labyrinth sagt.
Gemeinsam
mit dem kretischen Typ haben diese Kirchenlabyrinthe den einzigen Hin- und Rückweg
ohne Irrwege und Sackgassen: Man verfolgt den Gang zum einzigen Ziel auf dem größtmöglichen
Umweg, jedoch eindeutig-konsequent. Aber statt der bisherigen sieben
konzentrisch ineinander gestellten Kreiswindungen erhält die Figur jetzt deren
elf. Die Elfzahl steht nach christlicher Zahlensymbolik für Sünde, Übertretung
und Maßlosigkeit (da die Zahl der Gebote überschritten wird) und für
Unvollkommenheit (weil die vollkommene Zwölfzahl nicht erreicht wird). Sie
weist das Labyrinth als Sündenwelt aus. Aber über die elf konzentrischen
Kreise ist das Zeichen des Kreuzes gelegt, und dieses organisiert die Figur so,
daß der Weg an den Kreuzachsen umkehren muß und so zu einem Kreuzweg
wird: Die sündige Welt ist unter das Heilszeichen des Christus gestellt,
der Satan besiegt. Der Triumph des neuen Theseus über die minotaurischen
Irrwege der Welt drückt sich geradezu aus in der eindeutigen Wegführung des
klassischen Labyrinths.16
Sollten
wir annehmen, daß der Fromme den Finger nicht nur zum Zentrum hin bewegte,
sondern andächtig auch die Gegenrichtung durchlief, um als getaufter Christ den
Weg seines gottmenschlichen Meisters symbolisch nachzuvollziehen und seine
Bereitschaft zur Nachfolge zu demonstrieren? Hatte er schon einmal die Worte des
Paulus über die Initiation gehört?
"Wißt
ihr denn nicht, daß wir alle, die wir auf Christus getauft wurden, auf seinen
Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den
Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den
Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben."17

Taufe als christliches Tauchbad. Illustration aus der Roda-Bibel, 11. Jahrhundert
In
der Kathedrale von Amiens und anderen Kirchen ist die christliche Symbolik des
Labyrinths durch die Form des Achtecks gesteigert: Sie ist - wie die Achteckform
vieler Baptisterien und Taufsteine zeigt - Hinweis auf die christliche
Initiation der Taufe, sie bedeutet Auferstehung, Vollkommenheit, Neubeginn.18
Falls
unser mittelalterlicher Gewährsmann in Lucca sich also mit dem Labyrinth nicht
gerade die Zeit vertrieb, sondern die Symbolik verstand und sich zunutze machte,
vollzog er vor Eintritt in den heiligen Raum und die heilige Handlung seine
Taufe rituell nach; er wiederholte im
Labyrinthgang bewußt und zugleich sinnlich-motorisch seine Initiation ins
Christentum, die er eigentlich nur vom Hörensagen kannte: eine ebenfalls
rituelle Handlung, bei der unter gemurmelten lateinischen Worten ein Guß Wasser
den Kopf des Kindes benetzt hatte. Aus Wasser und Geist geboren.
Motto:
Evangelium nach Johannes 3,5 in der
Übersetzung der Einheitsbibel.
1
Bildlegende:
Hermann Kern, Labyrinthe, 3. Auflage, München 1983, S. 230 f.
2
Vgl.
Karl Kerényi, Die Mythologie der Griechen. Band II: Die Heroen-Geschichten,
München 1966, S. 183 f.
3
René
Girard, Das Heilige und die Gewalt, Zürich
1987, S.
371.
4
Girard,
a.a.O., S. 370.
5
Michel
Leiris in seinem Vortrag »Das Heilige im Alltagsleben« (Die eigene und
fremde Kultur. Ethnologische Schriften. Band 1, Frankfurt 1985, S.228). Die
Rede von dem Heiligen geht zurück
auf Rudolf Ottos 1917 erschienenes Buch »Das Heilige. Uber das Irrationale
in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen« . Zur
Diskussion dieses Begriffs im Kontext des 20. Jahrhunderts: Adolf Holl, Im
Keller des Heiligtums, Geschlecht und Gewalt in der Religion, Stuttgart
1991, 8. Kapitel: Gefährliche Heiligkeit.
6
Eine
übersichtliche Darstellung und aufschlußreiches Bildmaterial zum Thema Ödipus
und die Sphinx bietet Rolf Vogt: Psychoanalyse zwischen Mythos und Aufklärung
oder Das Rätsel der Sphinx, Frankfurt und New York, S. 49 ff.
Die Begegnung mit sich selbst im Bild des Minotauros ist das Zentrum
des Romans »Labyrinth des Minotaurus« von Anais Nin (München 1988). Engl.
»Seduction of the Minotaur«, 1961
7
Lexikon
für Theologie und Kirche, Band 5, 2. Aufl. 1965, Sp. 674 ff.
8
Wolfgang
Amadeus Mozart, Die Zauberflöte, 2. Aufzug, 28. Auftritt.
9
Mircea
Eliade, Die Sehnsucht nach dem Ursprung, Von den Quellen der Humanität, S.
155.
10
Mircea
Eliade, Das Mysterium der Wiedergeburt, Initiationsriten, ihre kulturelle
und religiöse Bedeutung, Zürich und Stuttgart 1961, S. 16.
Vgl. auch C. G. Jung: Symbole der Wandlung (Gesammelte Werke V, Olten
und Freiburg 1973), S. 261 ff. (Symbole des Mutter und der Wiedergeburt).
11
Kern,
a.a.O., S. 26 ff. Zum
Zusammenhang von Ritual, Tanz und psychischem Erleben vgl. Erich Neumann,
Zur psychologischen Bedeutung des Ritus, in: Kulturentwicklung
und Religion (Umkreisung der Mitte, Band
I), Zürich 1953, S. 14 ff.
12
Vgl.
Kern, a.a.O., Abb. 177 (Teufelsdarstellung im Zentrum).
13
Lexikon
für Theologie und Kirche, Band 10, 2. Aufl. 1965, Sp. 4 f.
Zum
amüsanten, jedoch durchaus ernsthaften Studium des Engel- und
Teufelwesens empfiehlt sich das reich illustrierte Werk von Malcolm Godwin
mit dem Titel »Engel. Eine bedrohte Art« (3. Auflage, Frankfurt 1992)
14
Die
christliche Interpretation des Labyrinths ist durchaus nicht einheitlich,
zumindest eine »Doppelstrategie« ist festzustellen: in
bonam partem aktualisiert das Muster die Personalunion von Christus und
Theseus, den Prozeß der Wiederauferstehung, die Passio Christi, den Weg
nach Jerusalem und -
in ekklesiologischer Auslegung -
den Weg zur Kirche und zum Himmel. In malam partem ist das Labyrinth »Symbol
sündiger Weltverstrickung«,
wie zum Beispiel in Darstellungen der biblischen Stadt Jericho. (Manfred
Schmeling: Der labyrinthische Diskurs. Vom Mythos zum Erzählmodell.
Frankfurt am Main 1987, S. 143, mit Berufung auf Birkhan und Haubrichs).
15
Alfons
Rosenberg, Die christliche Bildmeditation, München-Planegg 1955, S. 271
16
Vgl.
Kapitel II, Anm. 12: »Die univiale Konstruktion der Labyrinthe verstößt
so offensichtlich gegen den in den Texten immer wieder bewußt gemachten
Sinn der Figur, den error, daß
wir der Abweichung eine Intention unterstellen müssen: die antike und
mittelalterliche Labyrinthabbildung repräsentiert im Schema den Weg, den
Ariadnefaden, den vom Mythos gefeierten Sieg über den error, nicht die Konstruktion der domus Daedali und deren Irrwege.«. Wolfgang Haubrichs: Error
inextricabilis. Form und Funktion der Labyrinthabbildung in
mittelalterlichen Handschriften. In: Meier/ Ruberg (Hg.): Text und Bild.
Wiesbaden 1980, S. 97
17
Römer,
6,3 f.
18
Vgl.
dazu Kern, a.a.O., S. 207 ff.; Hugo Rahner: Griechische Mythen in
christlicher Deutung, Neuauflage, Freiburg 1992, S. 74 ff.
Bildnachweis
Lucca,
Dom San Martino: Foto von Christoph Schepers
Ödipus
und die Sphinx: Vatikanisches Museum, Rom
Der
Gott Pan: aus Kitchers „Oedipus Aegyptiacus“
Anastasis:
Chora-Kirche in Istanbul
Taufe:
Rodabibel, Bibliothèque nationale, Paris
Grundriß
des Labyrinths in der Kathedrale von Amiens:
Musée de Picardie, Amiens