Helmut Jaskolski, Das Labyrinth, Kapitel VI
Konzentration

Relief
eines Labyrinths
auf
einer Sandsteinplatte, dem einzigen Überrest der Klosterkirche
S.
Pietro de Conflentu in Pontremoli (bei La Spezia, Italien)
![]()
Mensch,
werde wesentlich; denn wann die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.
Angelus
Silesius: Zufall und Wesen
Im
äußersten Norden der Toscana liegt die kleine Stadt Pontremoli, heute ein
unbedeutender Ort auf dem Weg von La Spezia nach Parma, im Mittelalter eine
wichtige Station auf der Via Sancti Petri, der Pilgerstraße nach Rom. Von der
romanischen Klosterkirche San Pietro de Conflentu ist heute nur noch eine
Sandsteinplatte mit dem Relief eines Labyrinths erhalten, der einzige Überrest
der Fassade. Wir müssen annehmen, daß sich das Labyrinth an der gleichen
Stelle wie am Dom zu Lucca befand: unter der westlichen Vorhalle senkrecht an
der Nordwand des Campanile, denn nur so konnte seine Öffnung wie bei allen
Kirchenlabyrinthen nach Westen zeigen.
Anders
als in Lucca ist hier nicht von Theseus und Minotauros die Rede, sondern von
Jesus Christus als der Mitte der Welt, angezeigt durch das Christusmonogramm IHS
im Zentrum des Labyrinths.1
Der teuflische Minotauros scheint vertrieben, oder sollten wir besser sagen: Der
kretische Minotauros ist wieder in seine alten Rechte eingesetzt, der
Gottessohn, hervorgegangen aus der heiligen Hochzeit des Himmelsvaters mit der
Mutter Erde, nur transponiert ins Christliche - empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria? Auch der
neue Minotauros mußte sterben, um auferstehend neues Leben hervorzubringen.
Am
unteren Rand des Labyrinths von Pontremoli lesen wir die lateinische Umschrift
SIC CURRITE UT COMPREHENDATIS - eine Erinnerung an die Worte des ersten
Korintherbriefes:
Wißt
ihr nicht, daß die Läufer im Stadion zwar alle laufen,
aber
nur einer den Siegespreis gewinnt?
Lauft
so, daß ihr ihn gewinnt!
Auch
Theseus ist also unausgesprochen zugegen: Es ist jetzt wieder der Mensch, der
sein Leben aufs Spiel setzt, um es in der Tiefe des Labyrinths neu zu gewinnen.
Der Weg nach innen wird zum Wettlauf um den Siegespreis. Wie Hürden zu überwinden
sind die Irrtümer und Verführungen des Erdenlebens, die labyrinthischen
Windungen, zu gewinnen ist der Preis des ewigen Lebens durch Christus, die
geheime Mitte dieser Welt.
SIC
CURRITE UT COMPREHENDATIS. Eine
Aufforderung an die Mönche des Klosters, gewiß aber auch an die gewöhnlichen
Kirchenbesucher und an die Pilger auf dem Weg zum fernen Ziel ihrer Wallfahrt: Nun
lauft also, daß ihr den Siegespreis gewinnt! Daß der Christ ein Pilger auf
dieser Erde sei, ein peregrinus, was
soviel wie Ausländer oder Fremder bedeutet, das hatte Augustinus der
Christenheit eingeschärft: Ihr sollt
wissen, daß ihr Pilger seid auf dem Weg zum Herrn! Soweit man das nicht als
theologisch gutgemeinte Auskunft des Kirchenlehrers auf sich beruhen ließ, weil
man in der ach so schönen Welt einen festen Wohnsitz gefunden hatte2,
suchte man nach Mitteln und Wegen, dem hohen Anspruch gerecht zu werden, sei es
professionell durch das asketische Leben eines Mönchs oder einer Nonne in der
Abgeschiedenheit eines Klosters, sei es kompromißlerisch durch außerordentliche
Anstrengungen in einem sonst weltzugewandten Leben, und dazu gehörte als das
angesehenste Mittel die Wallfahrt zu einem nahen oder fernen Gnadenort, zu Fuß
oder zu Pferd, je nach dem Ausmaß der Bußgesinnung, des Wagemuts und der
materiellen
Ressourcen.
Das
Traumziel für eine Pilgerfahrt war das Heilige Grab in Jerusalem; das aber war
nach der blutigen Eroberung der Stadt im ersten Kreuzzug nur etwa hundert Jahre
lang im Besitz der Christen3,
und selbst in dieser Zeit gelangten fast ausschließlich abenteuernde Ritter und
wohlhabende Kaufleute mühsam in den Genuß der versprochenen Gnaden.
Schon
vor den Kreuzzügen zur Rückeroberung des Heiligen Landes aus der Hand der
muslimischen Ungläubigen hatte sich das päpstliche Rom der Christenheit als
Wallfahrtsziel empfohlen. Zwar konnte es nicht mit heiligen Stätten aufwarten,
die durch Leben und Sterben des gottmenschlichen Herrn für alle Zeiten
ausgezeichnet waren, aber mehr als genug mit denen der Apostel und Märtyrer.
Die Verehrung ihrer wirklichen und vermeintlichen Überreste, der Reliquien,
brachte der Stadt Rom nicht nur gewaltigen Zulauf, sondern auch wirtschaftliche
Hochkonjunktur durch gewinnträchtigen Reliquienhandel, wozu man die unzähligen
Gräber entlang der Ausfallstraßen unbesehen plünderte. Kostbareres
Heiligengebein gab es in den ebenfalls unzähligen Kirchen der heiligen Stadt
zu verehren; unabdingbar für das Gelingen der Wallfahrt war jedoch der andächtige
Besuch der sieben Hauptkirchen, zuvörderst der Basilika San Pietro in Vaticano.
Die
Überfülle des Heiligen war nicht jedermanns Sache, wie sich denken läßt, zu
leicht wurde man im römischen Gnadenrummel vom eigentlichen Ziel, der
lebenserneuernden Buße, abgelenkt, und so nimmt es nicht wunder, daß Petrus
und Paulus bald eine rustikale Konkurrenz weitab vom urbanen Rom bekamen, und
zwar in Gestalt des Apostel Jakobus, der mit seinem jüngeren Bruder Johannes
und dem nachmals römischen Petrus den favorisierten Kern der Jüngerschaft
gebildet hatte. Die Gebeine des heiligen Jakob - Sant' lago - waren
wunderbarerweise zu Beginn des 9. Jahrhunderts in der Nordwestecke der
muslimisch gewordenen iberischen Halbinsel gefunden worden, in Compostela, einem
damals unbedeutenden Ort im christlich gebliebenen Asturien, von dem aus in der
Folgezeit die christliche Reconquista betrieben wurde. Santiago
de Compostela entwickelte sich rasch zum volkstümlichsten Wallfahrtsort des
Mittelalters, was man schon daran erkennen kann, daß der innig verehrte heilige
Jakob selbst als typischer Santiago-Pilger mit der Muschel und dem langen
Pilgerstab dargestellt wurde. Compostela, am westlichen Rand Europas gelegen,
war für das christliche Volk die vollwertige Alternative zu Jerusalem, der
unerreichbaren Stadt am östlichen Rand der christlichen Welt. Eines hatten die
beiden Orte gemeinsam: Beide waren religiöse Bollwerke der Christenheit gegen
die muselmanische Bedrohung.
Wallfahrtsorte,
ob fern oder nah, ob groß oder klein, waren Konzentrationspunkte des
christlichen
Lebens, nicht nur Orte der Versammlung, sondern der inneren Sammlung und der
Selbstbesinnung. Ein altes Lied der Santiago‑Pilger macht das deutlich:
Eh'
ich die Reise beginne,
Tut
es not, daß ich mich
Auf
mich selber besinne,
An
die Mauer stoße, bis diese fällt
Und
mich nicht mehr gefangen hält.
In
Zeiten der Sünde
Bin
ich gefangen.
Sobald
ich mich auf dem Bußweg befinde,
Werde
ich Hilfe erlangen.4
Das
Ziel des Bußweges war für die meisten Pilger unvorstellbar weit entfernt, der
Jakobsweg per pedes Apostolorum schwierig zu gehen. Aus dem Alltag
herausgerissen in eine ungewisse Freiheit, war der fromme Pilger monatelang
ungewöhnlichen Zumutungen und Strapazen ausgesetzt: der erzwungenen
Gemeinschaft mit anderen, meist fremden und anders gearteten Menschen, deren
Sprache er nicht verstand; Schmerzen und Beschwerden, die sich schon früh
einstellen konnten, wenn die Füße in schlechten Schuhen wundgelaufen waren;
Krankheiten aus Schwäche und durch Ansteckung, gegen die es noch keine ärztliche
Hilfe gab; unruhige Nächte in überfüllten, primitiven Herbergen und Wirtshäusern,
in denen er oft genug betrogen und bestohlen wurde; unbekannte und schlechte
Speisen, an denen er sich den Magen verdarb. Es wird berichtet von Räubern und
Wegelagerern, die die Pilger überfielen, niederschlugen und beraubten, von
Wirtshäusern, in denen die Mägde um Geld und „aus Hurerei“5
zu deren Betten schlichen,
von Trunkenheit und Ausschweifungen unfrommer Wallfahrer, von Dirnen, die
die Frommen in die Fänge des Teufels zu locken suchten - eine lange Liste
von Gefahren, Verlockungen und Ablenkungen. Wenn der Pilger über die
verschiedenen Stationen des Jakobweges, geistlich gestärkt durch Gebet und Meßbesuch
in Kapellen und Kirchen, ins Heiligtum des Santiago gelangt war, dann hatte er
wahrhaftig den Siegespreis gewonnen, nicht exklusiv, sondern gemeinsam mit
hundert und tausend anderen: symbolisches Konzentrat eines ganzen
Christenlebens!
Wenn
er sich sattgesehen hatte an der Pracht der Altäre und der Schönheit der
Heiligenfiguren, wenn er seine Opfergaben dargebracht, die Beichte abgelegt und
zum Tisch des Herrn gegangen war, dann wartete er geduldig in der Menschenreihe
vor der Statue des Santiago, um sie zum Abschied zu berühren und innig zu küssen.6
Abseits
der Wege, die nach Santiago führten, am nächsten noch der via
turonensis, dem „Großen Weg des heiligen Jakob", der von Paris als
Sammlungsort über Tours führte, lag die Kathedrale Notre Dame von Chartres.
Schon in vorchristlicher Zeit scheint es an diesem Ort eine Wallfahrtsstätte
gegeben zu haben. Seit Urzeiten wurde dort, so erzählt die Legende, die virgo
paritura verehrt, die Jungfrau, die den Sohn Gottes gebären wird. Seit dem
Jahr 876 ist die Kirche von Chartres im Besitz einer kostbaren Reliquie, der sancta
camisia, des heiligen Hemdes, das Karl der Kahle aus dem Schatz seines Großvaters
geschenkt hatte: nach der Überlieferung das Gewand Mariens, das sie bei ihrer
Niederkunft getragen hat. Die Verehrung der Jungfrau Maria, der Gottesmutter und
Himmelskönigin, nahm nach der Jahrtausendwende einen enormen Aufschwung und
erreichte in der Zeit der großen französischen Kathedralen ihren vorläufigen
Höhepunkt. Das Marienheiligtum von Chartres zog bald Tausende von Pilgern an.
Als im Jahre 1194 die romanische Kathedrale durch einen Brand weitgehend
vernichtet wurde, entstand in den folgenden Jahrzehnten im Anschluß an die
noch erhaltene Westfassade mit dem Königsportal das Wunderwerk des gotischen
Domes.7

Grundriß
des Westbaues der Kathedrale von Chartres
Der
Pilger, der die Kathedrale durch das Königsportal betrat und sich ein Stück
weit auf den Hauptaltar zu bewegte, traf auf den Eingang des großen
Bodenlabyrinths.8 Von Westen her, aus der Richtung
des Sonnenuntergangs, dem Ort des Todes, durchschritt er die labyrinthischen
Windungen,
und in pendelnder Bewegung, sich dem Zentrum nähernd und sich wieder von ihm
entfernend, gelangte er am Ende sicher in die als sechsblättrige Blüte
gestaltete Mitte.

Labyrinth
der Kathedrale von Chartres (13.Jahrhundert) Die Wege dieses Umgangslabyrinths - elf
konzentrische Kreise - sind jeweils 34 cm breit, so grau wie
der umliegende Steinboden und voneinander durch schwarz-blaue
Marmorstreifen getrennt. Durchmesser: 12,60 (west-östlich) und 12,30 in
(nord-südlich). Gesamtlänge des Weges: 294 m
Kam
den Leuten der Weg dorthin so lange vor, daß sie die ganze Anlage schließlich la lieue, die Meile, nannten? Einen mühsamen Weg zu einem begehrten
Ziel, ähnlich einer Wallfahrt ins Heilige Land, stellten sie sich vor, und in
ihrer Phantasie sahen sie vor sich die heilige Stadt Jerusalem mit dem Grab
des Herrn. In der Kathedrale Notre Dame von Reims wurde das Umgangslabyrinth
deshalb Chemin de Jerusalem, Weg nach
Jerusalem, genannt.9

Labyrinth
der Kathedrale von Reims.
Federzeichnung
von Jacques Cellier (ca. 1550 - ca. 1629)
Der
Labyrinthgang erscheint so als symbolische Wallfahrt nach Jerusalem, dem damals
unerreichbaren Ziel christlicher Pilgerfahrt, zugleich aber als ein Innewerden
der Bedeutung, die die reale Wallfahrt in diesen wunderbar gebauten, vom
farbigen Schein der Fenster geheimnisvoll erleuchteten Dom hier und jetzt besaß:
anzukommen im heilsgeschichtlichen Mittelpunkt der Welt, im irdischen und
himmlischen Jerusalem, als dessen Abbild die Kathedrale gestaltet war. Klangen
dem Pilger die Worte der Geheimen Offenbarung im Ohr?
Ich
sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel
herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt
hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung
Gottes unter den Menschen. Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein
Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein.10
Ich
denke: Das blütenförmige Zentrum des Umgangslabyrinths von Chartres erschien
dem meditierenden Pilger zunächst als Abbild des westlichen Rosenfensters,
das er, zum Rückweg sich wendend, in dunklen Farben leuchtend vor sich
erblickte: In seiner Mitte thront Christus, der Weltenrichter, seine fünf
blutenden Wunden vorweisend.

Chartres:
Modifizierte Kopie der Westrose aus dem Bauhüttenbuch des Villard de Honnecourt,
um 1235,
zusammen
mit der Kopie des Labyrinths auf einem Blatt.
Das
Zentrum des Labyrinths kann als stilisierte Wiedergabe der Rose verstanden
werden.
Und
wenn er das Labyrinth verlassen hatte und im Hauptschiff weitergegangen war,
begegnete ihm sein göttlicher Herr auch im farbigen Glanz der beiden anderen
Rosenfenster: im Norden als Kind mit seiner Mutter Maria, im Süden als der im
Buch der Offenbarung beschriebene Eine, der
auf dem Thron saß und sprach:
Seht,
ich mache alles neu ... Ich bin das Alpha und Omega, der Anfang und das Ende.
Wer durstig ist, den werde ich umsonst aus der Quelle trinken lassen, aus der
das Wasser des Lebens strömt.11
Ist
die Wallfahrt das Realsymbol der irdischen Pilgerfahrt des Christen hin zu
seiner endgültigen Heimat in der Herrlichkeit des himmlischen Jerusalem, so ist
das Kirchenlabyrinth eine nochmalige Spiegelung dieses Sachverhalts im Medium
der Kunst und des Rituals. Es repräsentiert die lebensorientierenden Ideen
der lnitiation und der Wiedergeburt, der Buße und Umkehr, nicht zuletzt der
Konzentration auf das Wesentliche. Bei allem Ernst sollte man aber nicht
vergessen, daß das Labyrinth von frühester Zeit an mit der Bewegung in Tanz
und Spiel verbunden ist: Vom Kranichtanz des Theseus und seiner Gefährten auf
der Insel Delos führt die Tradition über das Trojaspiel der jungen Römer zum
Ostertanz in den Labyrinthen der mittelalterlichen Kathedralen.12
Auch in Chartres gab es einen Labyrinth-Tanz der Kleriker bei der
Ostervesper zur Feier der siegreichen Auferstehung Christi und der zweiten
Weltschöpfung durch ihn. Eine Tanzfigur auch für die Seele: Darstellung und
Anleitung zu einer komplizierten Bewegung von außen nach innen, von innen nach
außen, Symbol des Weges, der zur Mitte führt und aus der Mitte heraus zu neuem
verantwortlichen Leben.
Die
Hinreise ins Innere, zur Mitte hat im Mittelalter das größere Interesse
gefunden. Die Mystiker gehen den kontemplativen Weg zum Seelengrund, indem sie
die Augen schließen (griech. myein) und
sich ganz der inneren Erfahrung überlassen. Ziel der Einkehr
in sich selbst
ist die Einung der
Seele mit Gott. Meister Eckhart sprach von der Gottesgeburt in der Seele. Es ist
die alte Vorstellung von der Initiation als dem Übergang zu einer neuen
Seinsweise, als Erleben der Wiedergeburt. Das Labyrinth von Pontremoli
erinnert an die Spielart der Christusmystik: Im Umkreisen der Mitte erfährt der
Mensch den Christus in uns. Von dem
neugewonnenen Leben sagte Paulus: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt
in mir." (Gal 2,20)
Das
Interesse an der mystischen Reise lebt in der Tiefenpsychologie des 20. Jahrhunderts
in anderer Weise wieder auf. Mircea Eliade sieht im analytischen bzw.
therapeutischen Prozeß eine moderne Version der alten lnitiation:
Man
könnte die Psychoanalyse sogar als degradierte Form der Initiation betrachten,
das heißt einer Initiation, die einer entheiligten Welt zugänglich ist. Das
Szenarium ist noch erkennbar: der „Abstieg" in die mit
„Ungeheuern" bevölkerten Tiefen der Psyche entspricht einem descensus ad
inferos; die wirkliche Gefahr, die ein solcher „Abstieg" in sich birgt, könnte
den typischen Prüfungen der traditionsgebundenen Gesellschaften gleichgesetzt
werden usw. Das Ergebnis einer gelungenen Analyse ist die Integration der
Person, ein seelischer Vorgang, der nicht ohne Ähnlichkeit mit der geistigen
Verwandlung ist, die durch die echte Initiation bewerkstelligt wird.13
Den
geheimnisvollen Weg in die Tiefe bezeichnete schon Carl Gustav Jung, den man den
"Herrn der Unterwelt"14
genannt hat, mit dem Begriff Individuation.
Der therapeutische Prozeß gleicht der dramatischen Reise, die der mythische
Held zu bestehen hat:
Die
Bemühung des Arztes sowohl wie das Suchen des Patienten zielt auf jenen
verborgenen, noch nicht manifestierten „ganzen" Menschen, welcher
zugleich der größere und zukünftigere ist. Der richtige Weg zur Ganzheit aber
besteht - leider - aus schicksalsmäßigen Um- und Irrwegen.
Es ist eine "longissima via", nicht eine gerade, sondern eine
gegensatzverbindende Schlangenlinie ..., ein Pfad, dessen labyrinthische
Verschlungenheit des Schreckens nicht entbehrt. Auf diesem Wege kommen jene
Erfahrungen zustande, die man als "schwer zugänglich" zu bezeichnen
beliebt. Ihre Unzugänglichkeit beruht darauf, daß sie kostspielig sind: sie
fordern das, was man am meisten fürchtet, nämlich die Ganzheit,
die man beständig im Munde führt, und mit der sich endlos theoretisieren läßt,
die man aber in der Wirklichkeit des Lebens im größten Bogen umgeht.15
Den
mutigen Labyrinthgänger, der die Wahrheit seines Lebens finden will, zwingen
die Umgänge, um die Mitte seiner selbst herumzugehen, mit ihr umgehen zu lernen
und sie von allen Seiten wahrzunehmen. Er kann sie nur erreichen, wenn er zuvor
den ganzen Innenraum abschreitet, alle Dimensionen seines Wesens einholt und in
das Ganze seiner Person einbringt. Im Labyrinth gehen ja alle Gänge
ineinander über, hängen miteinander zusammen und begründen in dieser Weise
bruch- und restlos das lebensgeschichtliche Abenteuer der Individuation. So
deutet Hermann Kern, indem er die psychischen Vorgänge auf die Labyrinthfigur
bezieht.
Das
Labyrinth ist also auch Sinnbild dieser Einswerdung, Individuation, der Kon-Zentration
aller wesentlichen Schichten, Aspekte und Sinnebenen einer menschlichen
Existenz. Symbolisiert wird u.a. der Prozeß der Reifung vom eindimensionalen,
in tausend Einzelfunktionen aufgelösten Menschen zur runden, in sich ruhenden
Persönlichkeit, die ihre Mitte gefunden hat.16
Theseus
fand - so deuteten wir - in der Mitte des Labyrinths die Erkenntnis
der abgründigen Ungeheuerlichkeit des menschlichen Wesens: dieses Wissen
machte ihn erwachsen und befähigte ihn, so sahen es die Athener, zur
menschenfreundlichen Regierung des Staates. Der mittelalterliche Christ sollte
der Spur des Christus folgen und seinen Meister im Wettlauf des Lebens einholen,
dort im Zentrum des Labyrinths.
Um
das Jahr 1200, zur Zeit, als die Reliefdarstellungen des Labyrinths an den
Kirchenfassaden in Lucca und Pontremoli entstanden, lebte nicht weit davon ein
Mann, den man den letzten Christen genannt
hat: Franz von Assisi.17
Ich bin überzeugt, daß wir in seiner Person und seiner Lebensgeschichte
die christliche Symbolik des Labyrinths leibhaftig anschauen, zugleich aber auch
die Problematik des mittelalterlichen Christentum erkennen können. Es ist nicht
bekannt, ob Franziskus jemals den Windungen eines Labyrinths nachgegangen
ist, ob mit dem Finger oder den Füßen, aber sicher ist, daß der als Sohn
eines reichen Kaufmanns Geborene den radikalen Richtungswechsel christlicher
Initiation leibhaftig vollzogen und der Spur Jesu konsequent nachgegangen ist:
ein Leben in unbeschwerter Armut, nicht hinter Klostermauern, sondern mittendrin
im Alltag der italienischen Städte, ein Leben in der Solidarität mit allen
Menschen, in Liebe zu den Verachteten und Ausgestoßenen der städtischen
Gesellschaft und in geschwisterlichem Umgang mit allen Geschöpfen.
Die
Faszination, die vom Vorbild des Poverello
und seiner Gefährten ausging, hätte eine umstürzende Reform der Kirche
und die Grundlegung einer neuen Kultur aus dem Geist des Evangeliums bewirken können,
wenn sich auch die Verantwortlichen in Kirche und Gesellschaft vom sprühenden
Geist des fröhlichen Habenichts hätten anstecken lassen: „Der freie, brüderliche
und frohe Mensch löst den Menschen ab, der an den Besitz gefesselt ist.“18
Das
war für die feudalisierte und an politischer Macht so erfolgreich interessierte
Kirche eine unerträgliche Provokation, nicht minder für die wohlhabende
Gesellschaft, die sich in den prosperierenden Städten Italiens gerade auf den
Weg des Kapitalismus machte. Franziskus und seine Minderbrüder waren für die
päpstliche Kurie andererseits willkommene Bundesgenossen gegen die bedrohlichen
Armutsbewegungen, gegen die damals so ungemein erfolgreichen „Ketzer",
wenn es gelang, die revolutionäre franziskanische Jesusnachfolge in einem
kirchentreuen, klerikalisierten Orden zu domestizieren. Der fromme und gehorsame
Franz mußte es sich gefallen lassen.
Als
Wanderprediger war er im zweiten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts überall in
Mittelitalien unterwegs, und überall läuteten die Kirchenglocken zu seiner
Begrüßung, zogen Klerus und Gläubige ihm entgegen und schrien begeistert: Ecco
il Santo!
Da kommt der Heilige!19
Nach dem Pfingstfest des Jahres 1214 brach er nach Spanien auf und gelangte bis
Santiago de Compostela.
Ich
stelle mir vor: Franz besucht auf diesem Weg auch die Kirche San
Pietro de Conflentu in Pontremoli, und da sieht er, der Pilger
schlechthin, sein Leben im Bild des Labyrinths symbolisiert. Seine tagtägliche
Praxis, eine „Mystik mit offenen Augen“20,
besteht darin, seinen geliebten Herrn Jesus sinnlich gegenwärtig in den Armen
und Leidenden der Alltagswelt zu finden, nicht in einem sakralen Abseits, viel
weniger noch durch eine bemühte Versenkung in die eigene Innerlichkeit.
Franz
verbindet Distanz und Nähe zur Welt: In der Radikalität der Armut und
Ehelosigkeit bleibt er der Fremde, in der Leibhaftigkeit seiner Liebe ist er der
Erde und ihren Geschöpfen unmittelbar nahe. In den volkstümlichen Fioretti
erscheint er als servo di Cristo, als
der einzig legitime Knecht Christi, nahezu
ein anderer Christus, der Welt gegeben zum Heil des Volks, der das Paradies
in der Diesseitigkeit des Lebens lebendig macht: ... die Sicherheit und Freude der Seligen
werden hier auf Erden genossen.21
Schade:
Der Geruch der Heiligkeit kann für die vertretene Sache tödlich sein, sie zu
einer Angelegenheit für heilige Stellvertreter machen. Was Georges Duby von
den Völkern Aquitaniens im 12. Jahrhundert sagt, galt damals gewiß auch für
viele Verehrer des heiligen Franz:
Nicht
viel anders lautet die Diagnose, die Carl Gustav Jung für das 20. Jahrhundert
gestellt hat:
Die
Forderung der „imitatio" Christi, nämlich dem Vorbild nachzufolgen und
diesem ähnlich zu werden, sollte die
Entwicklung und Erhöhung des eigenen inneren Menschen bezwecken, wird aber vom
oberflächlichen und zur mechanischen Formelhaftigkeit neigenden Gläubigen zu
einem außenstehenden Kultobjekt gemacht, welches gerade durch die Verehrung
daran gehindert wird, in die Tiefe der Seele einzugreifen und letztere zu
jener dem Vorbild entsprechenden Ganzheit umzuschaffen. Damit steht der göttliche
Mittler als ein Bild draußen, der
Mensch aber bleibt Fragment und in seiner
tiefsten Natur unberührt. Ja, Christus kann bis zur Stigmatisation
nachgeahmt werden, ohne daß der Nachahmende auch nur annähernd dem Vorbild und
dessen Sinn nachgefolgt wäre.23
Im
September 1224 erfuhr Franz nach der Legende auf dem Berg La Verna die
Stigmatisation mit den Wundmalen seines geliebten Herrn - imitatio Christi
in letzter Konsequenz. Zwei
Jahre später, am 3. Oktober, ließt er sich nackt auf die Erde legen, streute
zu Ehren seines Gastes und Freundes, des Todes, Asche und Staub über seinen Körper
und lud alle Geschöpfe zum Lobpreis Gottes ein. Die Umstehenden hörten ihn
wie einen Gastgeber sagen: „Sei willkommen, Bruder Tod." Nach
Sonnenuntergang
trat dieser ein.24
Francesco
d'Assisi wurde zwei Jahre nach seinem Tod zur Ehre der Altäre erhoben, fortan
ein bequemer Gegenstand der Verehrung, weniger der Nachfolge. Wer es damals
dennoch wagte, an der amtlichen Kirche vorbei franziskanische Spontaneität und
Spiritualität zu praktizieren und aus der Armut Christi Konsequenzen zu ziehen,
bekam es mit der Heiligen Inquisition zu tun, die 1231 zur päpstlichen
Institution erhoben worden war. In ihrem Auftrag wirkten eifrig die neuen
Bettelorden,
vornehmlich die Dominikaner, aber auch die als Konventualen etablierten
Franziskaner. Die Unbeugsamen unter den Anhängern des Poverello, die
Spiritualen, wurden mit heiliger Gewalt gebeugt und dem Feuer übergeben; als
Fratizellen, Brüderchen, verschwanden
sie am Ende des 15. Jahrhunderts scheinbar endgültig aus der Geschichte.25
Im
Rückblick erscheint die Entwicklung des Christentums zu seiner
mittelalterlichen Gestalt als Ergebnis eines grandiosen Mißverständnisses.
Heilige Männer und Frauen, eingeschlossen in die Gehäuse ihres für vollkommen
gehaltenen Lebens, meditierten damals tiefsinnig das Leben des menschgewordenen
Gottes, sie konstruierten großartige theologische Systeme, die der menschlichen
Vernunft die Geheimnisse Gottes und seiner Schöpfung nahebringen sollten, sie
feierten voller Andacht, eingehüllt in kostbare Gewänder, die göttliche
Liturgie, sie inspirierten die Künstler, sofern diese nicht selber zur
geistlichen Zunft gehörten, zu bewunderungswürdigen Bauwerken, in denen die
Mysterien des Glaubens symbolisch veranschaulicht sind. Geist in Fülle! Auch
Heiliger Geist?
In
immer neuen Anläufen wurde die Frage nach der wahren Nachfolge Jesu gestellt.
Die cluniazensischen Mönche kritisierten die Kleriker der wohlhabenden
Domkapitel, die Bettelmönche die reichen Klöster der benediktinischen
Tradition, aber eines blieb immer gleich, auch bei den vermeintlich so
konsequenten Dominikanern und Franziskanern des 13. Jahrhunderts, die in der
Öffentlichkeit
der Städte lebten: Letztlich blieben die professionellen Akteure der vita religiosa
unter sich, man schien aus dem Labyrinth der Welt ins Zentrum gelangt zu
sein, glaubte, das Heil gefunden zu haben, und verweilte dort wie auf der
Insel der Seligen.
Schon
das erste bekannte Kirchenlabyrinth demonstriert den theologisch durchaus
plausiblen Gedanken, der in der Praxis immer aufs neue in die klerikale
Sackgasse führte: Die Kirche als der mystische Leib Christi ist die Mitte der
Welt, der Endzweck allen Strebens! In dem römischen Labyrinth-Mosaik
der Reparatus-Basilika von Orléansville, die im Jahre 324 gegründet
wurde, schlängelt sich ein Ariadnefaden bis zur ersten Wendung, von dort geht
der Blick des Betrachters weiter bis zum Zentrum, einem
Buchstaben-Labyrinth, das als SANCTA ECLESIA - Heilige Kirche - zu lesen ist.

Römisches
Labyrinth-Mosaik aus der Reparatusbasilika von Orléansville (El Asnam,
ant.
Castellum Tingitanum), heute in der Kathedrale von Algier.
Es
gibt also nur den einen Weg: aus der Welt heidnischer Irrtümer hinein in die
Wahrheit der Kirche - genauso, wie es in dem letzten mittelalterlichen
Kirchenlabyrinth in San Vitale (Ravenna, 16. Jahrhundert) nur den einen Weg aus
der Sündenwelt hinaus gibt: Seine Richtungspfeile weisen von drinnen nach draußen
zum Zentrum des Oktogons als dem symbolischen Ort des Heils.26
Was
blieb der großen Masse der Christen, die in der Welt außerhalb der alten Klöster
und der neuen Ordenshäuser ohne religiöse Privilegien lebte, anderes übrig
als der gnädig zugestandene Kompromiß mit der als sündig diffamierten Welt?
Gab es für die Jesus-Nachfolge keine gültige Alternative?
Ich
stelle mir vor: Der fromme Christ in Lucca, Pontremoli oder Chartres, der gerade
das Labyrinth meditiert hat, gibt sich nicht mit dem stellvertretenden Ritual
zufrieden, sondern macht die Pilgerschaft, das ständige Unterwegssein, zur
Maxime seines Lebens. Sein Bruder ist Franz, der bekehrte Bürger, ein fröhlicher
Fremdling in der Welt der Etablierten, ein Liebhaber der göttlichen Schöpfung,
der solidarisch lebt mit all ihren Wesen, der die Herrschenden belacht und die
Aussätzigen küßt - ein Traum, der kurze Zeit gelebt wurde und von dem
wir hoffen, daß er immer wieder Wirklichkeit wird!

Ravenna,
San Vitale:
Schwarz-weißes
Labyrinth aus Marmor unter der Kuppel
in
einem der acht Sektoren im 16. Jahrhundert angelegt.
In
den Jahren, als die letzten Fratizellen von der Inquisition aufgespürt wurden,
schwärmten die christlichen Europäer in die ihnen noch unbekannte Welt aus,
aber die allermeisten waren nicht neue Menschen, sondern die alten Barbaren. Was sie in der Neuen Welt
auch Ungeheuerliches anstellten - sie taten es in der Überzeugung, im
Besitz der Wahrheit und des Heils zu sein und die Heidenvölker unterwerfen zu müssen,
damit auch diese würden wie sie selbst.
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Anmerkungen
Motto:
Angelus Silesius, zitiert nach Karl Otto Conrady, Das Buch der Gedichte,
Frankfurt 1987, S. 92
1
Hermann Kern, Labyrinthe, 2. Aufl., München 1983, Abb. 274, S. 235.
Die folgende Bibelstelle: 1 Kor 9,24
2 Daß
der Christ ein Fremder in der Welt sei, ist neutestamentliche Grundüberzeugung,
die letztlich auf den jüdischen Exodusgedanken zurückgeht. Das Lebensgefühl
der frühen Christen formuliert der Diognet-Brief (um 200 n. Chr.):
„Jede Fremde ist ihr Vaterland und jedes Vaterland Fremde." Durch die
Konstantinische Wende der christlichen Kirche ging dieses Lebensgefühl
weitgehend
verloren. Es bedurfte immer neuer Mahnung an dieses Axiom christlichen
Lebens.
3
Als Ergebnis des ersten Kreuzzugs (1096-1099) wurde Jerusalem
1099 erobert und das christliche Königreich Jerusalem gegründet. Im
Jahre 1187 eroberte Sultan Saladin die auch für die Muslimen heilige Stadt
zurück. Erst im fünften Kreuzzug (1228/29) gewann Kaiser Friedrich Il.
durch einen zehnjährigen Friedensvertrag
mit Sultan Malek al-Kamil die heiligen Orte Bethlehem, Nazareth und
Jerusalem für die Christenheit zurück. Jerusalem ging bereits 1244 wieder
verloren.
4
Kurt Benesch: Pilgerwege. Santiago
de Compostela. Freiburg
1991, S. 178
5
ebd.,
S. 181
6
ebd.,
S. 190 f.
7
Jan
van den Meulen/Jürgen Hohmeyer: Chartres. Biographie einer Kathedrale. Köln
1984, S. 12 ff. Werner
Schäfke: Frankreichs gotische Kathedralen. Köln 31984, S. 142
ff.
8
Siehe Abb. Nähere Angaben in Kern, Abb. 255 - 257, S. 225 ff.
9
Siehe
Abb. Nähere Angaben in Kern, Abb. 278 - 279, S. 236 ff.
10
Offenbarung
21, 2 f.
11
Offenbarung
21, 5 f.
Zur
Deutung des Labyrinthzentrums: Das Labyrinth von Chartres besaß mit großer
Wahrscheinlichkeit keine Minotauromachie, wie Hermann Kern gegen andere
Auffasungen deutlich gemacht hat; denkbar ist, daß das Zentrum wie in
Amiens ein Denkmal für die Baumeister der Kathedrale enthielt. Wichtiger
erscheint mir die Frage, welche Bedeutung der sechsblättrigen Blüte des
Zentrums zuzusprechen ist, eine Form, die zusammen mit dem zahnradförmigen
Begrenzung des Labyrinths eine Besonderheit von Chartres darstellt. Kern
gibt zwei Hinweise, die weiterhelfen können: Die sechsblättrige Blüte läßt
an das Maßwerk einer Fensterrose denken; dieser Zusammenhang wird durch
das Bauhüttenbuch des Villard de Honnecourt bestätigt, welches die Kopien
des Labyrinths und der Westrose auf einer Seite miteinander verbindet.
12
vgl. Kern. S. 214 ff.
13
Mircea Eliade: Das Mysterium der Wiedergeburt. Zürich und
Stuttgart 1961, Anm. 57, S. 257.
14
„Lord
of the Underworld", Titel des Werks von Colin Wilson über C. G. Jung
und das 20. Jahrhundert. München 1987
15
Aus
der Einleitung in die
religionspsychologische Problematik der Alchemie. In: C. G. Jung:
Psychologie und Alchemie (Gesammelte Werke XII). Olten und Freiburg 1972, S.
20 f.
16
Kern, Anm. 33, S. 27
17
Adolf
Holl, Der letzte Christ - Franz von Assissi. Stuttgart 1979. Der
Historiker Georges Duby sagt über Franz: Dieser Mann war neben Christus der
große Held der christlichen Geschichte, und man kann ohne Übertreibung
sagen, daß alles, was heute noch an lebendigem Christentum besteht, direkt
von ihm herkommt. (Georges Duby: Die Zeit der Kathedralen. Frankfurt 1992,
S. 245)
18
Walter
Dirks: Ein zarter, zäher, kleiner Mann. Eschbach 1987, S. 11
19
Ivan
Gobry: Franz von Assissi. Hamburg 1958, S. 35
20
Johann
Baptist Metz, in: Kaufmann/Metz, Zukunftsfähigkeit, Freiburg 1987, S. 106
21
Zitate
nach Friedrich Heer: Europäische Geistesgeschichte. 2. Auflage Stuttgart
1962, S. 204 f.
Die
Fioretti findet man in: Franz von
Assissi. Gebete. Ordensregeln. Testament. Briefe. Übersetzt von Wolfram von
den Steinen und Max Kirschstein. Zürich 1979. Vgl. auch Adolf Holl, S. 179
22
Duby,
S. 230
23
C.
G. Jung:
Psychologie und Alchemie, a.a.O., S. 21 f. Jung
scheint hier die Kritik Sören Kierkegaards fortzuführen, die dieser fast
genau hundert Jahre vorher am Christentum geübt hatte: Was ist der Unterschied zwischen einem „Bewunderer" und einem
„Nachfolger"? (S. Kierkegaard: Die Leidenschaft des Religiösen,
Stuttgart 1986, S. 81 ff.). Anders als bei Kierkegaard wird die
Christus-Nachfolge bei Jung offensichtlich als das Ereignis der
Individuation verstanden, Christus zu einem Symbol des Selbst. Vgl. Jung:
Aion. Beiträge zur Symbolik des Selbst (Gesammelte Werke IX.2). Olten und
Freiburg 1976, S. 46 ff.
24
vgl. Hans-Eckehard Bahr: Mit dem Wolf
leben. Stuttgart 1992, S. 74. Über den Charakter der neuen franziskanischen
Kultur handelt Bahr unter den Titeln „Mitfühlen, mitleiden,
mitfreuen" und „Freude, schöner Menschen-Funke" (S. 28 ff.) Die
Apotheose des Franziskus aufgrund der Wundmal-Legende ist Gegenstand der
profunden quellenkritischen Studie von Paul Bösch: Franz von Assisi - neuer
Christus. Die Geschichte einer Verklärung.
Düsseldorf 2005.
25
Was
nach dem Tod des revolutionären Francesco d'Assissi geschah, darüber
berichtet Adolf Holl im letzten Kapitel seines Buches „Der letzte
Christ" (16. Kapitel: Nachher). Die romanhafte Darstellung dieser
Nachgeschichte liest man mit Spannung in Umberto Ecos Der
Name der Rose, wobei es nicht in erster Linie um die sogenannte Heilige
Inquisition, sondern um die Armutsbewegung geht. Leonardo Boff, der sich
1992 der ständigen Reglementierung durch die Erben der Inquisition
entzog, indem er Priesteramt und Franziskanerorden verließ, hat 1985 den
spirituellen und zugleich politischen Gehalt des Rosen-Romans
kommentiert: Die beiden Sackgassen des Bewahrens und des Erschaffens. In:
Kroeber, Burkhart (Hg.), Zeichen in Umberto Ecos Roman `Der Name der Rose'.
München 1989, S. 347 ff.
26
Reparatus-Basilika
in Algier: Kern, Abb. 116 - 117, S. 119. San
Vitale in Ravenna: Kern, Abb. 276 - 277, S. 236
Relief
eines Labyrinths auf einer Sandsteinplatte in Pontremoli: Foto von Patricia
Lemon-Stuart, London
Grundriß
des Westbaues der Kathedrale von Chartres (Félibien): Nach E. Houvet
Labyrinth
der Kathedrale von Chartres: Zeichnung E.-H. Wallet
Labyrinth
der Kathedrale von Reims: Federzeichnung
von Jacques Cellier (ca. 1550 ‑ ca. 1629)
Modifizierte
Kopie der Westrose von Chartres: Zeichnung von Villard de Honnecourt
Römisches
Labyrinth-Mosaik aus der Reparatusbasilika: Zeichnung nach G. Vidal
Ravenna,
St. Vitale: Zeichnung nach J. Durand