
Die
christliche Seele im Labyrinth der Welt. Kupferstich des Boethius von Bolswart
(1580 -1634),
Emblem
in Hermann Hugos Erbauungsbuch »Pia
desideria«
![]()
Der
Labyrinth war ein betrieglicher Irrgarte /
also
ist die Welt voll List und Irrthums . . .
Mitten
im Labyrinth war das grausame Ungeheuer /
das
Kind der Sünden / der Minotaurus;
mitten
in der Welt ist der abgesagte Feind GOttes
und
der Menschen.
Der
Faden führete ohn Irrsal durch den Irrgarten;
durch
die Welt führet richtig GOttes Wort.
über
heilsame Warnung abweichen!
Der
Labyrinth ist vergangen /
nach
deme Theseus obgedachtes Ungeheuer ritterlich gefället /
und
die schöne Ariadne geehlicht.
Also
muß die Welt mit ihrer Lust und unserer Unlust vergehen.
Darum
bitten wir / daß solches bald geschehe /
daß
uns GOtt kräfftiglich erlöse von dem Bösen und allem Übel
sanfft
und frölich in das himmlische Hochzeithaus führe /
und
daselbst bekröne mit der unverwelcklichen Sternenkrone.
Protestantischer Anonymus: Das Labyrinth als Erläuterung der siebenten Bitte des Vaterunsers.
Emblematischer Catechismus, oder Geist- und sinnreiche Gedancken über die Hauptstücke christlicher Lehre . . ., Nürnberg 1683
RINASCITA,
RENAISSANCE - das Verlangen des Menschen nach Wiedergeburt und Neubeginn macht
sich immer wieder in religiösen Bewegungen, kulturellen Aufbrüchen und
politischen Revolutionen geltend. Die proklamierte neue
Zeit wird verstanden als Rückkehr zur guten alten Zeit, zu den Ursprüngen
und Quellen des gemeinsamen Lebens, aus denen die Menschen - durstig und
frustriert - den erfrischenden Trunk für die Gegenwart schöpfen.
Aufbruchstimmung
herrschte im Italien des QUATTROCENTO, im 15. Jahrhundert: Unsere Zeit -
das war für die italienischen Humanisten nach der Nacht des Mittelalters der
neue Tag im Licht der wiederentdeckten antiken Kunst und Kultur. Eine neue
Epoche formierte sich, die in immer neuen Anläufen ihr Programm durchsetzte:
Als Gott dieser Erde kann der Mensch alles, was er wirklich will. Seine Vergöttlichung und Heiligung betreibt er am besten durch »Wissenschaft«, »Weisheit«, Magie.1
Im
Jahre 1486 proklamierte GIOVANNI PICO
DELLA MIRANDOLA in seinem Traktat »Von
der Würde des Menschen« das vorläufige Selbstverständnis des autonomen
Subjekts mit den Worten Gottes an Adam:
Wir haben dich weder als einen Himmlischen noch als einen Irdischen, weder als einen Sterblichen noch einen Unsterblichen geschaffen, damit du als dein eigener, vollkommen frei und ehrenhalber schaltender Bildhauer und Dichter dir selbst die Form bestimmst, in der du zu leben wünschst. Es steht dir frei, in die Unterwelt des Viehes zu entarten. Es steht dir ebenso frei, in die höhere Welt des Göttlichen dich durch den Entschluß deines eigenen Geistes zu erheben.2
Wie
eine Inszenierung dieses neuen Selbstbewußtseins mutet eine Erfindung des
LEONARDO DA VINCI an, die er unter dem Stichwort »Spiegel« in einer
Federzeichnung skizziert hat, zu deren Ausführung er technisch noch nicht in
der Lage gewesen ist. Seine Erklärung dazu lautet:
Wenn du acht ebene Flächen machst, jede zwei Ellen breit und drei Ellen hoch (1,2 x 1,8 m), und sie so im Kreis anordnest, daß sie ein Achteck bilden, mit einem Umfang von sechzehn Ellen und einem Durchmesser von fünf Ellen, dann kann der Mann darinnen sich von allen Seiten unendlich oft sehen.

Leonardo
da Vinci (1452 -1519): »Spiegel« (Federzeichnung)
Erstmals
realisiert wurde dieses Spiegelkabinett als Herzstück der Mailänder Labyrinth-Ausstellung
im Jahre 1981.3
Es erscheint mir wie das übriggebliebene Zentrum eines Labyrinths,
in dessen Mitte wiederum der Mensch sich in unendlicher Selbstbespiegelung
begegnet: Er entdeckt sich in seinen Möglichkeiten als grenzenlos, zugleich als
ein Wesen ohne jede Orientierung außerhalb seiner selbst. In der unendlichen
Spiegelung des Mannes darinnen umgibt sich das pure Zentrum wieder mit einem
imaginären Labyrinth, das der frei gewordene Mensch als Irrgarten erfährt. Wie im Mittelalter erinnert auch hier das
mystische Symbol der Achtzahl4
an Neubeginn und Vollkommenheit, aber es bedeutet nicht mehr die Wiedergeburt
aus Wasser und Geist, die den Christen in der Nachfolge Jesu ins Zentrum des
Heils versetzt, sondern die Geburt des selbstmächtigen Menschen. Leonardo
selbst verkörpert diesen genialen, titanischen Menschen, der der Bildhauer und
Dichter seiner selbst ist, den Intellektuellen, der
alles einsehen, begreifen, machen will.5
Nicht
von ungefähr werden im selben Jahrhundert die ersten Labyrinthe als Irrgärten
entworfen6,
spielerische Verunsicherungen des menschlichen Orientierungsvermögens, zugleich
Signale eines neuen Verhältnisses des Menschen zu sich selbst und zur Welt. Im
Gegensatz zum mittelalterlichen Labyrinth, das als Figur der Orientierung und
der Erlösung sicher zur Mitte hin und aus ihr hinaus führt, sind die neuen
Irrgärten Symbole eines durch und durch ungewissen Weges, auf dem der Wanderer
ständig mit Irrungen und Wirrungen rechnen muß, eine Route, die sich
unerwartet verzweigt und oft genug in Sackgassen mündet, für den Zaghaften
eine ängstigende Verunsicherung, für den Mutigen und Gewitzten aber eine
abenteuerliche Herausforderung und ein riskantes Spiel, den Zugang zum Ziel -
sei es Zentrum oder Ausgang - in der ständigen Spannung von Versuch und Irrtum
zu erkunden.
Die
modernen Labyrinthe haben nicht notwendig ein Zentrum; ihre Fixpunkte sind oft
nur Eingang und Ausgang - nicht selten vervielfacht -, zwischen denen sich der
Wirrwarr der alternativen Wege erstreckt. Wo sollte in einem solchen Gebilde
Minotauros seinen Platz haben? Eine intelligente Antwort hat UMBERTO ECO
gegeben:
Ein
Irrgarten benötigt keinen Minotaurus: er ist sein eigener Minotaurus; mit
anderen Worten: der Versuch des Besuchers,
den Weg zu finden, ist der Minotaurus.7
Ich
denke, daß der Besucher durchaus auch einem weniger abstrakten Minotauros
begegnen könnte, nämlich der Erfahrung, hoffnungslos verirrt und am Ende zu
sein: einer DEAD END SITUATION. Die Gartenlabyrinthe der Renaissance und des
Barock, soweit sie wirkliche Irrgärten in Heckenform sind, dienten - zur
Beruhigung sei es gesagt - eher der spielerischen Bewältigung einer geselligen
Bewegungsaufgabe, deren Lösung die Langeweile des Hoflebens vergessen ließ,
falls nicht schon alle Winkel bekannt waren und nur noch das Lustwandeln
gesucht wurde. Aber es blieb bei aller Belustigung die Erinnerung an das
mittelalterliche Wortspiel LABOR INTUS, das an die Mühsal der irdischen
Existenz zwischen Geburt und Tod erinnert.
Eine
neue Zeit hatten auch die frommen Christen erwartet: die Veränderung der Welt
durch die Reform der Kirche an Haupt und Gliedern. Martin Luther hatte zu »des
christlichen Standes Besserung«, Thomas Müntzer gar voll großer Hoffnungen
zum Aufbau eines brüderlichen, christlichen Gemeinwesens aufgerufen. Aber die
geistlichen und weltlichen Herren hatten anderes im Sinn. Die religiöse
Aufbruchstimmung verflüchtigte sich sehr bald schon: Reformationen und
Gegenreformationen, Zwangsbekehrungen und Verfolgungen, Glaubenskriege und
Hexenverfolgungen verdüsterten das Licht der neuen Zeit, die so neu nicht war.
Unter den Christenmenschen machten sich Verunsicherung und Enttäuschung breit.
In
einer solchen Situation ist es schwer, die Gestaltung der irdischen Dinge als
Herausforderung des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung zu begreifen und
anzunehmen. Resignation verführt zu einer einfacheren Lösung, zur Verachtung
der Welt, wenn nicht statt dessen unter dem Motto Nach uns die Sintflut! das andere Extrem, der Genuß des flüchtigen
Augenblicks, gesucht wird. Der Losung des CARPE DIEM setzten die Prediger beider
christlicher Konfessionen mit Erfolg die altbekannte Parole vom CONTEMPTUS MUNDI
entgegen. Auch die Dichter beeilten sich zu versichern:
Ach,
was ist alles dies, was wir vor köstlich achten,
Als
schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind,
Als
eine Wiesenblum, die man nicht wiederfind't! 8
Die
neuerliche Abwertung der Welt fand ihren Ausdruck im charakteristisch
umgedeuteten Irrgarten, oder sollte man besser sagen: in der Wiederkehr der
pessimistischen mittelalterlichen Deutung des Labyrinths?
In
jener Zeit der großen Melancholie9
war in der Kirche SAN SAVINO in Piacenza noch ein altes Labyrinth-Mosaik
zu sehen, dessen erläuternder Text erhalten und in unseren Tagen sogar
romanhaft zu postmoderner Erinnerung gelangt ist10:
HUNC MUNDUM TIPICE LABERINTHUS DENOTAT ISTE INTRANTI LARGUS, REDEUNTI SET NIMIS ARTUS SIC MUNDO CAPTUS VICIORUM MOLE GRAVATUS VIX VALET AD VITE DOCTRINAM QUISQUE REDIRE.
Unsere Welt wird typisch durch dieses Labyrinth dargestellt: weit dem Eintretenden, doch wenn man zurückkehren möchte, recht eng. So vermag der von der Welt Ergriffene, durch die Last seiner Sünden Beschwerte kaum zur Lehre des Lebens zurückzukehren.
Die
hervorragendste literarische Formulierung dieses Gedankens stammt von dem
tschechischen Gelehrten JAN AMOS KOMÉNSKY, der den gebildeten Europäern unter
dem lateinischen Namen COMENIUS bekannt ist: »Das Labyrinth der Welt und das
Paradies des Herzens«. Diesen Roman verfaßte er als junger Pfarrer der Böhmischen
Brüder-Gemeinde bald nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges.
Im
Jahre 1620 hatte die katholische Partei die Schlacht am Weißen Berg bei Prag für
sich entschieden und machte sich daran, ihre Gegenreformation gewaltsam
durchzusetzen. Koménsky mußte seine Pfarrei im mährischen Fulnek verlassen
und sich im ostböhmischen Brandeis in Sicherheit bringen. Dort arbeitete er
1622-23 an seinen »Trostschriften«, darunter »Das
Labyrinth der Welt«. Im Frühjahr 1628
ging er ins polnische Exil, und dort, der Zufluchtsstätte der Böhmischen
Brüder, erschien sein Werk im Jahre 1631.
Eine zweite, ergänzte Ausgabe wurde 1663
in Amsterdam, seinem zweiten Asyl, veröffentlicht, das Buch eines
Emigranten und Weltbürgers, der am Ende seines Lebens von sich sagte:
Mein
Leben war ein Wandern, eine Heimat hatte ich nicht. Es war ein ruheloses, fortwährendes
Umhergeworfenwerden, niemals und nirgends fand ich einen Wohnsitz.11
Comenius kommentiert den Titel seines Labyrinthbuches mit folgenden Worten:
Das
ist eine klare Beschreibung, wie in dieser Welt und allen ihren Dingen nichts
herrscht als Irrung und Verwirrung, Unsicherheit und Bedrängnis, Lug und Trug,
Angst und Elend, und zuletzt Ekel an allem und Verzweiflung; und wie nur der,
welcher zu Hause in seinem Herzen wohnet und sich mit Gott allein darin
verschließet, zum wahren und vollen Frieden seiner Seele und zur Freude
gelangt.12

Johann
Amos Comenius: »Das Labyrinth der Welt«
Die
beigegebene Handzeichnung des Verfassers13
ist der schlichte Versuch, das Welt-Labyrinth anschaulich als eine
allem Anschein nach sehr schöne, ja herrliche und ausgedehnte Stadt darzustellen.
Diese durchwandert ein junger Mann, um Erfahrungen zu sammeln:So ging ich
denn von mir selber aus und fing an, mich nach allen Seiten umzusehen ...
Sogleich bietet sich ihm ein Führer
an, Allwisser mit dem Beinamen Überalldabei:
»Hast du von dem Labyrinth auf Kreta gehört?« »Ich glaube wohl«, sagte ich.
»Es war ein Weltwunder«, erklärte er, »ein Gebäude, das aus so vielen Gemächern, Kammern und Gängen bestand, daß, wer sich einmal ohne Führer hineinwagte, solang er auch darin umherirren und umhertappen mochte, doch niemals einen Ausgang fand. Doch war das nur ein Kinderspiel im Vergleich dazu, wie das Labyrinth der Welt, besonders jetzt, gestaltet ist. Ich rate dir - vertraue einem erfahrenen Manne! - dich nicht allein hineinzuwagen.«
Zu
dem vorwitzigen, von Neugierde getriebenen Begleiter gesellt sich bald ein
zweiter, der sich die Verblendung
nennt. Er ist die Verkörperung des Vorurteils, das
den Trugbildern der Welt den Schein der Wahrheit gibt. Von sich selbst sagt
er:
Ich bin der Dolmetsch der Weisheit, der Königin der Welt, von welcher ich das Amt erhalten habe, jedermann darin zu unterweisen, wie man die Dinge der Welt zu nehmen habe.
Um
dies sicherzustellen, legt er dem Wanderer einen Zaum an und setzt ihm eine
Brille auf. Geschnitten aus dem Glas des
Vorurteils und gefaßt in einen Rahmen von Horn, der Gewohnheit heißt, bewirkt
diese die Umkehrung aller Eigenschaften in ihr Gegenteil, die Ansicht einer
verkehrten Welt. Da sie aber zum Glück etwas schief auf der Nase sitzt, gelingt
es dem Pilger immer wieder, darunter hinwegzuschielen und so die
Dinge in ihrer natürlichen Gestalt zu erblicken.
Zu
dritt durchwandern sie die Welt-Stadt, den Schauplatz des Menschheitsdramas: die
unzähligen Gassen, Plätze, Häuser und Viertel, Allegorien der verschiedenen
Stände. Sie gelangen auch zum Schloß des Glückes, zur Arx Fortunae,
in der die vorzüglicheren Menschen wohnen und Reichtum, Lust und Ruhm genießen.
Überall erkennt der Pilger in der Wirklichkeit seiner Zeit die Doppelbödigkeit
des Lebens: hinter dem schönen Schein des Welttheaters Lüge und Heuchelei,
Unordnung und Unbeständigkeit, Aufgeblähtheit und Selbstgefälligkeit, ja,
letztlich Krankheit und Tod. Tief enttäuscht macht er seinen Begleitern
Vorhaltungen:
Ihr habt mich überall herumgeführt; doch sagt, was hilft es mir? Ihr habt mir Reichtum, Seelenruhe und Erkenntnis versprochen, aber was besitze ich von alledem? Nichts! Und was kann ich? Nichts! Wo bin ich? Ich weiß es nicht. Nur das eine weiß ich, daß ich nach so vielen Verirrungen, so vielen Mühen, so vielen überstandenen Gefahren und innerlich völlig ermattet und erschöpft nichts anderes gefunden habe als den Schmerz in meiner eigenen Brust, dazu den Haß der anderen gegen mich.
Sein
Protest führt dazu, daß ihn seine Begleiter in die Burg der Weisheit, der Königin
der Welt, bringen und ihn vor ihrem Gericht verklagen. Doch er findet
Schonung und hat das bittere Vergnügen, das Weiberregiment
der Welt kennenzulernen: die geheimen Räte der Königin wie
Lauterkeit, Güte, Aufrichtigkeit, Tapferkeit und andere als Tugend maskierte
Untugenden, sowie ihre Beamten, Frau Betriebsamkeit für die Unterstadt, Frau
Fortuna für das Schloß der Glückseligen. Mit Entsetzen muß er erfahren, daß
selbst der weise König Salomo, der die Eitelkeit der Welt erkannt hat, sich zur
Wollust verführen läßt.
Als
der Wanderer in dem Willen, den Dingen auf den Grund zu gehen, sich schließlich
ans Ende der Welt begibt, dorthin, wo die Finsternis beginnt, verlassen ihn
seine Begleiter. Er schleudert jetzt die Brille der Verblendung weit von sich,
reibt sich die Augen und erblickt vor sich das Reich des Todes und darin nichts als scheußliches Gewürm, Kröten, Schlangen,
Skorpione, Fäulnis und Gestank, Schwefel- und Pechgeruch, Leib und Seele durchschauernd mit namenloser Qual. Die
Wege des Welt-Labyrinths münden letztlich in den bodenlosen
Abgrund jenseits der Welt, in die Sackgasse schlechthin, die im wörtlichen
Sinn ein DEAD END ist. Konfrontiert mit dem Ungeheuer des Todes, mit den
Schrecken der äußersten Finsternis, schreit er um Hilfe: O Gott,
o Gott -
wofern es einen Gott gibt -,
erbarme dich meines Elends! Da hört er eine Stimme rufen, Gottes Stimme:
Kehre um! . . . Kehre dahin zurück, von wo du ausgegangen bist, in deines Herzens Kämmerlein, und schließe hinter dir die Türe zu!
Diesen
Rat befolgt er auch sogleich: Er hält Einkehr in die Kammer seines Herzens.
Dunkel und chaotisch-verwirrt findet er sie vor, doch seine Bereitschaft wird
belohnt: Christus erscheint, und der Besucher wird für den Heimgekehrten jetzt
alles das, was die Welt nicht bieten konnte: Hausgenosse,
Bruder, Vater, Freund, Verlobter, der wahrhafte Arzt, die Obrigkeit, welcher
er unmittelbar dienen soll, ohne von Gott durch die »Zeremonien« der Kirche
getrennt zu werden.14
Voraussetzung für das alles ist nur, daß der Heimkehrer seinen
Eigenwillen, sein »Ich« zu nichts macht, damit der Wille Gottes geschehe.
Nachdem so die Wiedergeburt vollzogen
worden ist, erhält er einen neuen Zaum, das Joch des Gehorsams, und eine neue
Brille, gebildet aus dem Glas des Heiligen Geistes und der Einfassung des Wortes
Gottes, ein Perspektiv, durch welches du
die eitlen Torheiten der Welt, wenn du nur richtig darauf achten willst, und
auch die Freuden meiner Auserwählten um so klarer
erkennen
wirst. So
ausgerüstet eilt er durch das Getümmel der Welt zum Tempel der Christen, dem
Ort der PRAXIS CHRISTIANISMI. Die unsichtbare
Kirche ist zweifach verhüllt: durch die von außen erkennbare dunkle Hülle,
den CONTEMPTUS MUNDI,
die Weltverachtung, und durch die nur von innen wahrnehmbare, den AMOR CHRISTI,
die Liebe zu Christus. Diese ECCLESIA SPIRITUALIS ist die Kirche der inwendigen
Christen, eine heilige Gemeinde, in der sich alle sammeln, die der Welt
entsagt haben.
»Pia
desideria«, fromme Sehnsüchte und Wünsche sind es, die in den Christen
erweckt werden sollten: Diesen Titel trägt das Erbauungsbuch des Jesuitenpaters
Hermann Hugo, das im Jahre 1624 erstmals erschien und großen Erfolg hatte.15
Flügel braucht der Christ, Sehnsucht nach
den ewigen Dingen, um sich aus der Welt aufzuschwingen zu seligem
Genuß - so
sagte es Comenius. Aber auch Wünsche, sehr kritisch vorgetragen,
bekunden sich unter dem Titel »Pia Desideria«. So auch Philipp Jacob Speners
Programmschrift zu einer Kirchenreform, die zum Manifest des deutschen Pietismus
wurde: »Hertzliches Verlangen Nach
Gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirchen sampt einigen dahin
einfältig abzweckenden Christlichen Vorschlägen.16
Was
Spener 1675 zu bedenken gab, dafür hatte Comenius schon fast ein halbes
Jahrhundert früher in seinem »Paradies
des Herzens« den Grund gelegt. An anderer Stelle hatte er den Gedanken geäußert,
die Reformation sei auf halbem Wege stehengeblieben, und der protestantischen
Scholastik vorgeworfen, sie verdunkle das Licht des Evangeliums.17
Das christliche Leben ist für Comenius wie für Spener das Widerspiel
der Welt, die radikale Alternative. Die Welt ist - metaphorisch verengt -
eine große Stadt, in der der Markt der Eitelkeiten und das Theater des Lebens
stattfinden. Uralte Motive der Literatur begegnen sich hier.18
Der Wanderer nimmt die Labyrinthstadt in Augenschein, er ist nicht selbst
Akteur, sondern bloßer Beobachter. Die Erfahrung, die er bei seinem Rundgang
macht, ist nichts anderes als eine fortschreitende Desillusionierung, die es ihm
erlaubt, mit Überzeugung nein zu sagen. Aber kann man eine solch frustrierende
SIGHTSEEINGTOUR, die durch den christlichen DEUS EX MACHINA zur Himmelfahrt ins Lusthaus des Herzens umgewendet wird, als Initiationsreise
bezeichnen?19
Ein
Blick auf die Geistlichen Irrgärten in
Bild und Schrift bestätigt die literarisch vermittelte Sicht der Welt und des
Lebens: Ein zeitgenössischer Kupferstich (Titelseite des Kapitels) zeigt die
christliche Seele, als Pilgerin gekleidet, wie sie mitten im Labyrinth der Welt
steht und zur Himmelsburg schaut, von der aus ein Engel sie mit einem
seilartigen Ariadne-Faden, Gleichnis des Wortes Gottes, zum Ausgang leitet. Der
Weg verläuft auf den hohen Labyrinthmauern, von denen im Augenblick des
Unglaubens der Absturz droht, wie es zwei anderen Wanderern auch tatsächlich
geschieht. Dagegen findet der Blinde mit seinem Hund - Bild des Gottvertrauens -
sicher seinen Weg. Das Leuchtfeuer auf dem himmlischen Turm gibt auch den
Schiffen auf dem unsicheren Meer die notwendige Orientierung. Aber selbst dann,
wenn Labyrinth und Meer überwunden sind, nämlich im Anstieg auf den
Himmelsberg, ist der Mensch gegen den Absturz nicht gefeit, wie es das Bild
zeigt. Das Motto des Kupferstichs ist dem Psalm 118 entnommen: O daß
meine Wege gerichtet würden
l zu halten deine Rechte. In dem
Kommentar, der dem Emblem in der deutschen Ausgabe der »Pia Desideria« von
1719 beigegeben ist, lesen wir:
In
dem verwirrten Irregarten/
Der
so von Krümmen zugericht/
Geh
ich und will ohn Furcht erwarten/
Die
Hülffe/die dein Wort verspricht.
Ich
seh von fern/daß da und dorten einer falle/
Die
sonst vorsichtig gnug und wohl die kühnsten seiend:
Ich
gehe blindlings fort und meine Künsten alle
Sind/daß
ich völlig mich/ergebe dir/mein Freund! . . .
Wer
sich auf eigne Krafft will gründen/
Auff
sein Geschick/auf seine Hurtigkeit/
Der
wird bey seinem Hochmuth finden/
Daß
Er des Wegs verfehle weit . . .
Dieß
Leben ist ein Irregarten;
Auff
daß der Wandel sicher sey/
Must
Du/ohn Falsch/auf GOtt im blinden Glauben warten/
In
reiner Liebe/ohne Heucheley.20
![]()
Anmerkungen
Motto:
Zitiert nach Hermann Kern, Labyrinthe, 2. Auflage, München 1983, S. 295 f.
1
Friedrich
Heer: Europäische Geistesgeschichte, 2. Auflage, Stuttgart 1965,
S. 232.
2
Giovanni Pico della
Mirandola: Über die Würde des Menschen, Aus dem Neulateinischen übertragen
von Horst Werner Rüssel, 3. Aufl., Zürich 1992, S. I0 f.
3
Kern,
a.a.O., S. 268 (Abb. 333 und Legende).
4
Vgl.
Hugo Rahner: Griechische Mythen in christlicher Deutung, Neuauflage,
Freiburg 1992, S. 77 ff.
5
Friedrich
Heer: Europäische Geistesgeschichte, a.a.O., S. 241.
6
Die
erste bildnerische Formulierung des Irrgartens taucht erst in der ersten Hälfte
des 15. Jahrhunderts (ca. 1420) in Italien auf. Der venezianische Arzt
Giovanni Fontana (ca. 1395 - ca. 1455) hat das Labyrinth als Irrgarten
gleich zweimal, rund und eckig, in sein Notizbuch mit Entwürfen für
Kriegsmaschinen gezeichnet. (Kern, Abb. 235 - 236). Abb. in der Einführung
7
Umberto
Eco: Im Labyrinth der Vernunft, Texte über Kunst und Zeichen, Leipzig 1990,
S. 105.
8
Andreas
Gryphius: Es ist alles eitel (1637). Zitiert nach: Das Buch der Gedichte,
hrsg. von Karl Otto Conrady, Frankfurt 1987,
S. 84. Vgl. auch andere Gedichte zu diesem Thema: Gryphius, Menschliches
Elende; Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, Die
Welt.
9
Vgl.
Robert Burton: Anatomie der Melancholie. Aus dem Englischen übertragen und
mit einem Nachwort versehen von Ulrich Horstmann. Zürich und München 1988,
Die erste Auflage des im ganzen 17. Jahrhundert überaus erfolgreichen
Buches erschien 1621 in Oxford.
10
Kern,
S. 234. Vgl. Karl Kerényi, Labyrinthstudien, in: Karl Kerényi,
Humanistische Seelenforschung, München – Wien 1966, S. 246 f. Zur
postmodernen Rezeption: Motto zum l0. Kapitel (Eco, Der Name der Rose).
11
Zitiert nach Veit-Jakobus
Dieterich, Johann Amos Comenius, Reinbek 1991, S. 31.
12
Johann
Amos Comenius: Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens.
Titelblatt. Aus dem Tschechischen übersetzt von Zdenko Baudnik. Jena 1908.
Im tschechischen Titel steht das (deutsche) Wort »Lusthauz« für »Paradies«.
Die folgenden Zitate sind derselben Ausgabe entnommen.
Einen
interessanten Einblick in Werk und Wirkung dieses Gelehrten gibt der Katalog
des Museums Bochum zur Comenius-Gedächtnis-Ausstellung 1992: Labyrinth
der Welt und Lusthaus des Herzens. Johann
Amos Comenius (1592
- 1670). Bochum 1992
13
Zur
Abbildung vgl. auch Kern, Abb. 374 und Legende, S. 296.
14
Dmitri
Tschižewskij:
Kleinere Schriften, II: Bohemica, München 1972, S. 133.
15
Vgl.
Kern, S. 295 und Abb. 378, S. 300.
16
Zitiert
nach Kindlers Literaturlexikon, Band VI, Weinheim 1981, S. 7506.
17
Dmitri
Tschižewskij
, Kleinere Schriften, a.a.O., S. 179.
18
Dmitri
Tschižewskij
hat nicht nur die Thematik und die
Quellen des Werks dargestellt (Kleinere Schriften, S. 92 - 139), sondern
auch die spätere Tradition der
Thematik des >Labyrinths< (Kleinere Schriften, S.168 - 176); in
dem zweiten Aufsatz verweist er u. a. auf Calderons >Autos sacramentales<,
die die Traditionen der
mittelalterlichen Mysterien und Moralitäten in sich vereinigten, darunter
drei, in denen die Thematik des Werks sogar im Titel wiederkehrt: El laborinto del mundo, El gran mercado del mundo, EI gran teatro del
mundo.
Entgangen
ist ihm ein Werk der spanischen Literatur des 17. Jahrhunderts, das in
einigen Teilen frappierende Ähnlichkeiten mit Koménskis Labyrinth
der Welt aufweist, nämlich Baltasar Graciáns El criticón
(deutsch: Criticón oder Über die allgemeinen Laster der Menschen.
Hamburg 1957). In diesem Werk wird nicht nur die
große Stadt als ein musterhaftes
Labyrinth und eine wahre Stätte des Minotaurus bezeichnet,
sondern auch einzelne Züge der Darstellung (verkehrte Welt,
Lasterkatalog, passives Schauen) tauchen darin auf (dt. Ausgabe, S. 56 ff.,
S. 74 f. und S. 146 f.).
19
Vgl.
Tschižewskij,
S. 104, und Manfred Schmeling, Der labyrinthische Diskurs, Vom Mythos zum
Erzählmodell, Frankfurt am Main 1987, S. 145 f.
Während
Koménskys »Labyrinth der Welt« weithin unbekannt blieb, wurde ein anderes
Erbauungsbuch des 17. Jahrhunderts zu einem der erfolgreichsten Bücher der
englischen Literatur und zu einem der meistübersetzten Werke der
Weltliteratur: John Bunyans »The Pilgrim's Progress« (Teil 1: 1678, Teil
2: 1684), deutsch: »Die Pilgerreise«.
20
Zitiert
nach Kern, S. 300.
Bildnachweis
Die
christliche Seele im Labyrinth der Welt: Emblem in Hermann Hugos
Erbauungsbuch „Pia desideria“, Reprint der 6. Auflage Antwerpen 1632,
Hildesheim-New York 1971
Leonardo
da Vinci, Spiegel: Institut de France, Paris
J.
A. Comenius, Das Labyrinth der Welt: Nach der Ausgabe Jena 1908