Helmut Jaskolski, Das Labyrinth, Kapitel VIII

 

 

Lebensläufe

 

 

 

 

  

Hecken-Irrgarten

Kupferstich von Hieronymus Wierix, um 1600

 

 

 

 

Des Menschen Lebenslauf gleicht einer Irrebahn,

Aus Einfalt irrt das Kind, ein Weiser durch Begierde,

Des Alters Irrweg ist ein falschgesetzter Wahn,

Des Geizes schimmernd Erz, der Geilheit fremde Zierde.

Jedwedes Laster fehlt und fällt vom Mittel ab,

Sucht einen Abweg ihm zum eigenen Verderben.

Ja, nicht der Hundertste weiß seinen Weg ins Grab,

Er kennt ja wohl die Not, doch nicht die Art zu sterben.

Wer aber durch den Bau vernünftig irregeht,

Wird seines Heiles Weg, der Wahrheit Richtschnur finden . . .

 

Daniel Casper von Lohenstein: Aufschrift eines Labyrinths

 

 

 

Zur selben Zeit, als die Frommen im Lande - ganz mittelalterlich gestimmt - ihre Absage an die Welt formulieren, lassen sich andere von der weltlichen Denkungsart des Humanismus inspirieren. So verstehe ich die Darstellung des Heckenirrgartens von Hieronymus Wierix1: Unter den Besuchern des Gartens - Musikanten, promenierende Paare und Einzelgänger - fallen die sich duellierenden jungen Männer im Vordergrund auf, Menschen im »labyrinthischen«, unreifen Alter zwischen 16 und 32 Jahren, wie der Bildkommentar sagt; Engel führen sie zum Palast der Schönen Künste, wo PRUDENTIA, die Einsicht und Klugheit, sie empfängt. Im Hintergrund des Bildes erkennt man die Ruine des Turms zu Babel, Hinweis auf die babylonische Verwirrung der Wörter und auf die neuzeitliche Orientierungslosigkeit des Geistes - Kehrseite der neuen Freiheit -, wie sie sich im Modell des Irrgartens ausdrückt: Ein Babel an Wirrwarr nennt es der Zeitgenosse BALTASAR GRACIÁN in seinem satirischen Roman »El Criticón«2

 

Müssen es Engel sein, die aus den Sackgassen des menschlichen Lebens herausführen? Daniel Casper von Lohenstein geht in seinem Lehrgedicht »Aufschrift eines Labyrinths« davon aus, daß des Menschen Lebenslauf einem Irrweg gleiche, zeigt aber seinen christlichen Zeitgenossen eine neue Perspektive auf, die erst im 18. Jahrhundert ihre Anerkennung findet: 

Wer aber durch den Bau vernünftig irregeht, Wird seines Heiles Weg, der Wahrheit Richtschnur finden.3

 

Das neue Jahrhundert, in dem die Vernunft zum Leitfaden menschlichen Denkens und Handelns erklärt wurde, hat Immanuel Kant als Zeitalter der Aufklärung bezeichnet, als den Punkt in der Geschichte, in dem der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit seinen Anfang nimmt.4 Emanzipation ist erneut angesagt. Ihr Grundmodell: Pflicht und Recht der Eltern zur Handhabung und Bildung des Kindes, so lange es des eigenen Gebrauchs seiner Gliedmaßen, ungleichen des Verstandesgebrauchs, noch nicht mächtig ist, enden mit der Entlassung (emancipatioJ in die Mündigkeit.5  Sollte ein derart plötzlicher Sprung in die Freiheit der Selbstbestimmung zu verwirklichen sein?6  Die paradoxe Maxime, vernünftig irrezugehen, scheint genau hier ihren Platz zu haben. In dem Augenblick, als das MORE GEOMETRICO konstruierte Gartenlabyrinth des Barock und Rokoko, die geistreiche Anlage, durch die ebenso künstlich arrangierte Natürlichkeit des Englischen Gartens verdrängt wird, übernimmt die Literatur endgültig die Darstellung und Deutung des labyrinthisch irren Lebenslaufs.7 Was der moderne Mensch zu erwarten hat, demonstriert modellhaft HOMUNCULUS, das Reagenzglas-Menschlein, in der Klassischen Walpurgisnacht der Faust-Tragödie:

HOMUNCULUS

Ich schwebe so von Stell' zu Stelle

Und möchte gern im besten Sinn entstehn,

Voll Ungeduld, mein Glas entzweizuschlagen;

Allein, was ich bisher gesehn,

Hinein da möcht' ich mich nicht wagen. (. . .)

MEPHISTOPHELES

Wenn du nicht irrst, kommst du nicht zu Verstand. Willst du entstehn, entsteh auf eigne Hand!

HOMUNCULUS

Ein guter Rat ist auch nicht zu verschmähn.8

 

Homunculus folgt schließlich dem Rat des alten Thales, seine Evolution im Element des Wassers ganz von vorn anzufangen. Den pessimistischen Kommentar des Proteus Denn bist du erst ein Mensch geworden, Dann ist es völlig aus mit dir  kontert Thales mit der Bemerkung: Nachdem es kommt; 's ist auch wohl fein, Ein wackrer Mann zu seiner Zeit zu sein.9

 

Das, worauf Homunculus noch ein paar Jahrmillionen warten muß, wird Goethes Wilhelm Meister 10  nach ein paar turbulenten Lehrjahren unverhofft rasch und scheinbar perfekt zuteil. Keineswegs hat der jugendliche Wilhelm bei seiner unfreiwilligen Entlassung in die Mündigkeit vor, Umwege zu gehen, vielmehr glaubt er, gleich am Ziel zu sein, in der Schauspielerin Mariane, seiner ersten Geliebten, die Frau seines Lebens gefunden zu haben und mit ihr auch den Traum seiner Kindheit, eine Karriere am Theater, verwirklichen zu können. In der Folge geht jedoch so gut wie alles schief, wenigstens scheint es so. Nicht nur dem Labyrinth seiner Gefühle, das ihn wieder anzulocken suchte, muß er entfliehen, um seinen Weg weitergehen zu können, auch die äußeren Umstände sind labyrinthisch-verworren; bei dieser Selbstverwirklichung hilft auch nur bedingt die Vorsorge der Turmgesellschaft, eines Geheimbundes nach Art der Freimaurer, dessen lebenserprobte Mitglieder eine moderne Variante des Ariadnefadens praktizieren; der Landgeistliche, Vertreter einer durchaus weltlichen Spiritualität, gibt denn auch zu bedenken:

Nicht vor Irrtum zu bewahren, ist die Pflicht des Menschenerziehers, sondern den Irrenden zu leiten, ja ihn seinen Irrtum aus vollen Bechern ausschlürfen zu lassen, das ist die Weisheit der Lehrer.

 

Der Irrtum - so scheint es - kann nur durch das Irren geheilt werden. Nichts aber ist vergeblich: Denn alles, was uns begegnet, läßt Spuren zurück, alles trägt unmerklich zu unserer Bildung bei. So kommt Wilhelm Meister der Erfüllung des von Jugend auf dunkel gehegten Wunsches und dem immer bewußter gewollten Ziel näher und näher: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden. Am Ende des Romans, als der Bürgersohn seinen Lehrbrief erhalten und in der adligen Natalie die wirkliche Frau seines Lebens gefunden hat, hört er das Resümee seiner Lehrjahre:

. . . du kommst mir vor wie Saul, der Sohn Kis, der ausging,                                                               

seines Vaters Eselinnen zu suchen, und ein Königreich fand.                                                           

                                                                                                                     

Goethes Roman stellt eine moderne Version des Initiationsprozesses dar: Wilhelm Meister geht den verschlungenen Weg der Einweihung ins Leben, indem er sich mit Personen und Ereignissen auseinandersetzt, die ihm, meist unerwartet und ungesucht, aber ihn im Tiefsten angehend, begegnen. Das Leben ist eben nicht – wie ein kluger Interpret sagt – das Erwartete, nicht das Entworfene, sondern das Gefundene, das Andere, das Fremde. Aber dann doch zuletzt das Eigene, das unerklärlich und dunkel dem Ich Entsprechende, ob es dies Ich nun fördert oder vernichtet.11

     

Anders darüber dachte eines der romantischen Genies, NOVALIS, der Goethe zum Lehrmeister hatte und doch das unabweisbare Bedürfnis spürte, sich von ihm zu distanzieren:

Gegen »Wilhelm Meisters Lehrjahre«. Es ist im Grunde ein fatales und albernes Buch ... Hinten wird alles Farce. Die ökonomische Natur ist die wahre - übrig bleibende. (...) Das Ganze ist ein nobilitierter Roman. »Wilhelm Meisters Lehrjahre«, oder die Wallfahrt nach dem Adelsdiplom.12

 

Die Antithese des Romantikers ist der Roman »Heinrich von Ofterdingen«, 1802 nach seinem frühen Tod unvollendet erschienen, sechs Jahre nach Goethes »Wilhelm Meister«. Für Heinrich, den mittelalterlich kostümierten Protagonisten des Romans, ist das Leben eine Wallfahrt zum heiligen Grabe, auf der ihn die Träume als eine göttliche Mitgabe freundlich begleiten.13  In den »Blütenstaub-Fragmenten« des Novalis lesen wir, wie diese Wallfahrt vonstatten geht: 

Wir träumen von Reisen durch das Weltall - Ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unsers Geistes kennen wir nicht - nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten - die Vergangenheit und Zukunft.14

 

Es verwundert nicht, daß der Roman gleich mit einem Traum beginnt. Dieser führt den jungen Heinrich in eine Höhle, wo ihm eine Erleuchtung - Traum im Traume - das Ziel der Lebensreise symbolisch offenbart:

Eine Art von süßem Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte, und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem weichen Rasen am Ende einer Quelle, die in die Luft hinausquoll und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung; das Tageslicht das ihn umgab, war heller und milder als das gewöhnliche, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit.15

 

Gerade zwanzig Jahre alt ist Heinrich, als er sich auf die Reise macht. Schon bald führt ihn sein Weg zu den Bergleuten am Fuß eines Gebirges. Ein alter Bergmann - die Leute nannten ihn einen Schatzgräber - erzählt von der Kunst des Bergbaus als dem Sinnbild des menschlichen Lebens: Sie ermöglicht den Weg zu den verborgenen Schatzkammern der Natur durch einen Irrgarten von Gängen; seine Genossen kamen ihm vor -  so verrät er - wie unterirdische Helden, die tausend Gefahren zu überwinden hätten, aber auch ein beneidenswertes Glück an ihren wunderbaren Kenntnissen besäßen, und in dem ernsten, stillen Umgange mit den uralten Felsensöhnen der Natur, in ihren dunklen, wunderbaren Kammern zum Empfängnis himmlischer Gaben und zur freudigen Erhebung über die Welt und ihre Bedrängnisse ausgerüstet würden. Dem freudig lauschenden Heinrich versichert er, die Tätigkeit im Inneren der Erde habe ihn in den vollen Besitz dessen gebracht, was von jeher sein sehnlichster Wunsch gewesen sei:                                                                                                                                                                           

Es läßt sich auch diese volle Befriedigung eines angebornen Wunsches, diese wundersame Freude an Dingen, die ein näheres Verhältnis zu unserm geheimen Dasein haben mögen, zu Beschäftigungen, für die man von der Wiege an bestimmt und ausgerüstet ist, nicht erklären und beschreiben.

                                                                                                                                                                       

Als ob es darum ginge, das Gesagte in der Praxis zu bewähren, führt der Alte die Gesellschaft der Kaufleute, der sich Heinrich angeschlossen hat, am Abend in die nahegelegenen Höhlen, ins Innere der Erde. Im tiefsten Gewölbe entdecken sie verwundert einen Einsiedler, der sich im Gespräch gleichermaßen als Kenner der äußeren Welt und des innern Lebens erweist. Heinrich fühlt sich durch diese Begegnung in seinem Innersten verwandelt:

Manche Worte, manche Gedanken fielen wie belebender Fruchtstaub in seinen Schoß, und rückten ihn schnell aus dem engen Kreise seiner Jugend auf die Höhe der Welt.

 

Unter den Büchern, die ihm der Eremit zeigt, findet er - von den anderen eine Weile allein gelassen - ein ganz wunderbares, das seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. Geschrieben ist es in einer Sprache, die Heinrich nicht versteht, kein Titel gibt einen Hinweis, nur ein paar Bilder sprechen zu ihm:

Sie dünkten ihm ganz wunderbar bekannt, und wie er recht zusah, entdeckte er seine eigene Gestalt ziemlich kenntlich unter den Figuren. Er erschrak und glaubte zu träumen, aber beim wiederholten Ansehn konnte er nicht mehr an der vollkommenen Ähnlichkeit zweifeln. Er traute kaum seinen Sinnen, als er bald auf einem Bilde die Höhle, den Einsiedler, und den Alten neben sich entdeckte. (. . .) Eine große Menge Figuren wußte er nicht zu nennen, doch däuchten sie ihm bekannt. Er sah sein Ebenbild in verschiedenen Lagen. Gegen Ende kam er sich größer und edler vor . . . der Schluß des Buches schien zu fehlen.

 

Heinrich kann das rätselhafte Buch nicht lesen, aber die Bilder sprechen zu ihm, und er sieht sie immer wieder an, bis er die Gesellschaft zurückkommen hört. Von dem Einsiedler erfährt er, daß das Buch in provenzalischer Sprache geschrieben ist, ein Roman von den wunderbaren Schicksalen eines Dichters, worin die Dichtkunst in ihren mannigfachen Verhältnissen dargestellt und gepriesen wird. Und der Geheimnisvolle fügt hinzu: Der Schluß fehlt an dieser Handschrift, die ich aus Jerusalem mitgebracht habe . . .  

 

Erinnerung und Ahnung spielen geheimnisvoll ineinander: In der Tiefe der Höhle blättert er im Buch seines Lebens und sieht in Bildern und Chiffren die Zukunft, als wäre sie Vergangenheit. Ist das Ende noch offen? Wird Heinrich, der zum Dichter Berufene, das Ziel seiner Träume erreichen, für das er von der Wiege an bestimmt und ausgerüstet ist? Das Buch seines Lebens, in Jerusalem aufgeschrieben, müßte nach dessen eigener Logik auch dort seine Vollendung finden. Ist es das himmlische Jerusalem, das die frommen Christen alle Zeiten ersehnten, oder eines, das der neuzeitliche Mensch in der Tiefe seiner Seele sucht? Die naive, traumwandlerische Sicherheit, mit der sich Heinrich seinem scheinbar überirdischen Ziel nähert, ist mehr Wunsch als Gewißheit:

. . . sollte nicht jene kindliche unbefangene Einfalt sicherer den Weg durch das Labyrinth der hiesigen Begebenheiten treffen, als die durch Rücksicht auf eigenen Vorteil irregeleitete und gehemmte, von der unerschöpflichen Zahl neuer Zufälle und Verwickelungen geblendete Klugheit?

 

Für Novalis ist ein solch kluger Wanderer offensichtlich Wilhelm Meister auf der Wallfahrt nach dem Adelsdiplom. Dessen Entwicklung scheint durch einen horizontal gedachten Irrgarten zu führen, das Ziel dieser Menschenbildung ohne jede Tiefendimension zu sein: ein oberflächlicher Kompromiß mit der zeitgenössischen Wirklichkeit. Goethes Roman - die Beschreibung einer Initiation, die in die Banalität der sozialen, der »ökonomischen« Wirklichkeit führt?16

 

Der alternative Weg ist für Heinrich bestimmt: Er ist fast Ein Sprung nur, der Weg der innern Betrachtung. Die Begebenheiten der Reise, die Geschichten und Märchen, die ihm erzählt werden, all das, was ihm von außen begegnet, ist nur Anstoß für den inneren Bildungsprozeß, den er erfährt: Alles, was er sah und hörte, schien nur neue Riegel in ihm wegzuschieben, und neue Fenster ihm zu öffnen. Und an anderer Stelle lesen wir: Das heitere Schauspiel des herrlichen Abends wiegte ihn in sanfte Fantasien: die Blume seines Herzens ließ sich zuweilen wie ein Wetterleuchten in ihm sehen. Keine Irrwege scheint es da zu geben, sondern nur den heilsgewissen Umweg zum Zentrum: den Weg in die Tiefe, der in die Bergwerkschächte des Inneren führt17, ins Paradies des Herzens. Wo gehe wir denn hin? Immer nach Hause. Initiation, das ist für den Romantiker fast Ein Sprung nur in den Raum der Unendlichkeit, in die Dimension des Absoluten, ins rein poetische Dasein. Dagegen muß sich Wilhelm Meister sagen lassen: Der Mensch ist nicht eher glücklich, als bis sein unbedingtes Streben sich selbst seine Begrenzung bestimmt.18

 

Die blaue Blume zu finden, bleibt die Sehnsucht des Menschen. Novalis' Roman blieb Fragment, sein Leben beendete ein früher Tod.

 

Wie ein Abgesang auf die Differenz der Lebensentwürfe, wie sie sich in den beiden Romanen der klassisch-romanti­schen Epoche darstellen, erscheint Joseph von Eichendorffs Lied von der Lebensfahrt der zwei Gesellen:

Es zogen zwei rüst'ge Gesellen / Zum erstenmal von Haus, / So jubelnd recht in die hellen, / Klingenden, singenden Wellen / Des vollen Frühlings hinaus.

Die strebten nach hohen Dingen, / Die wollten, trotz Lust und Schmerz, / Was Rechts in der Welt vollbringen, / Und wem sie vorüber gingen, / Dem lachten Sinnen und Herz. -

Der erste, der fand ein Liebchen, / Die Schwieger kauft' Hof und Haus; / Der wiegte gar bald ein Bübchen, / Und sah aus heimlichem Stübchen / Behaglich ins Feld hinaus.

Dem zweiten sangen und logen / Die tausend Stimmen im Grund, / Verlockend' Sirenen, und zogen / Ihn in der buhlenden Wogen / Farbig klingenden Schlund.

Und wie er auftaucht' vom Schlunde, / Da war er müde und alt, / Sein Schifflein das lag im Grunde, / So still wars rings in der Runde, / Und über die Wasser wehts kalt.

Es singen und klingen die Wellen / Des Frühlings wohl über mir; / Und seh ich so kecke Gesellen, / Die Tränen im Auge mir schwellen - / Ach Gott, führ uns liebreich zu Dir!19

 

Der sehnsüchtige Aufbruch der Jugend endet in den Sackgassen des erwachsenen Lebens. Der eine - eine biedermeierliche Parodie auf Wilhelm Meister - landet unversehens in der philiströsen Existenz des Besitzers von Frau und Kind, Haus und Hof. Sein hohes Streben endet nicht in der vernünftigen Selbstbegrenzung, sondern in der Beschränktheit bürgerlichen Glücksstrebens. Der andere - nur von ferne an den Träumer Heinrich von Ofterdingen erinnernd - folgt den Sirenengesängen der eigenen Tiefe und verliert sich im Abgrund des Unendlichen, im ruinösen Rausch der Selbstentgrenzung. Das richtige Leben scheint nicht mehr gefunden zu werden. Gott sei's geklagt! Ist die leise Bitte um göttliche Führung Ausdruck der Resignation des späten Romantikers oder Zeichen der Weisheit des christlichen Dichters?

 

Knapp hundert Jahre später verstummt auch noch die leiseste Bitte um Beistand, und die Irrwege des Lebens sind zu einer einzigen Sackgasse geworden:

»Ach«, sagte die Maus, »die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.« ‑ »Du mußt nur die Laufrichtung ändern«, sagte die Katze und fraß sie.20

 

 

Anmerkungen

 

 Motto: Daniel Casper von Lohenstein, Aufschrift eines Labyrinths (Auszug), s. u. Anm. 3.

 

1  Siehe Titelseite.

 

2  Baltasar Gracián: Criticón oder Über allgemeine Laster der Menschen, Ertstmald ins Deutsche übertragen von  Hanns Studniczka. Hamburg 1957, S. 74 (Das spanische Original erschien 1651 - 1657). Vgl. auch René Hocke, Die Welt als Labyrinth. Hamburg 1957, S. 102. Vgl. auch Bertolt Brechts Gedicht »Diese babylonische Verwirrung«, In: Gesammelte Werke, Band 8, Frankfurt 1957, S. 149 ff.

 

3  Daniel Casper von Lohenstein: Aufschrift eines Labyrinths. Zitiert nach Frankfurter Anthologie. Band 6, Frankfurt 1982, S. 27 f.

 

4  Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Werk in sechs Bänden, Band VI, Darmstadt 1966, S. 53 und 59.

 

5  Immanuel Kant: Metaphysik der Sitten. Rechtslehre, § 28 ff., a. a. O., Band IV, S. 393 ff.

 

6  Vgl. Manfred Schmeling: Der labyrinthische Diskurs, Frankfurt 1987, S. 140 f.

 

7  J. W. Goethe: Faust. Eine Tragödie. Zueignung. In: Goethes Werke (Hamburger Ausgabe), Band III, Hamburg 1949 ,amburg     S. 9.

 

8  J. W. Goethe: Faust. Der Tragödie zweiter Teil, V 7830 ff., a. a. O., Band I, S. 238.

 

9   Ebd., V 8331 ff., Band III, S. 252.

 

10  Wilhelm Meisters Lehrjahre. In: Goethes Werke, Band VII. Die folgenden Zitate: S. 86, 494 f., 550 422, 290, 610.

 

11  Max Kommerell: Wilhelm Meister. Zitiert nach: Erläuterungen und Dokumente, hrsg. von Ehrhard Bahr, Stuttgart 1982, S. 364.

 

12  Novalis, Werke, Hrsg. und kommentiert von Gerhard Schulz, München 1969, S. 545 f.

 

13   a.a.O., S. 134.

 

14   a.a.O., S. 326.

 

15  Die nun folgenden Zitate aus dem Roman »Heinrich von Ofterdingen« entstammen den Kapiteln I - VI des ersten Teils, das letzte dem zweiten Teil.

 

16   Vgl. dazu Schmeling, a.a.O, S. 139.

 

17   Gustav Landauer, zitiert nach Martina Wagner-Egelhaaf: Mystik der Moderne, Stuttgart 1989, S. 37.

 

18  Goethes Werke, Bd. VII, S. 553

 

19  Eichendorff: Werke in einem Band, München 1977, S. 56 f.

 

20   Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Hrsg. von Paul Raabe. Frankfurt 1970, S. 320 (»Kleine Fabel«).

 

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