Helmut Jaskolski, Das Labyrinth, Kapitel IX

 

Liebesgarten

 

»Weg-Weiser zur Heirat aus dem Labyrinth der Liebelei«.

Kupferstich als Illustration zu einem Gedicht des niederländischen Dichters Jacob Cats (1577-1660)

 

 

 

  

Ja, die Augen waren's, ja, der Mund

Die mir blickten, die mich küßten.

Hüfte schmal, der Leib so rund

Wie zu Paradieses Lüsten.

War sie da? Wo ist sie hin?

Ja! sie war's, sie hat's gegeben,

Hat gegeben sich im Fliehn

Und gefesselt all mein Leben.

 

Johann Wolfgang Goethe, Westöstlicher Divan

 

 

 

Flieh vor den Begierden der Jugend! mahnte einst der Apostel Paulus den Timotheus.1 Nahezu sechzehnhundert Jahre später machte ein niederländischer Kupferstecher gerade diesen paulinischen Imperativ zum Motto seines Liebeslabyrinths, das ein Gedicht seines Landsmannes Jacob Cats illustrieren sollte: »Weg-Weiser zur Heirat aus dem Labyrinth der Liebelei«2 Die strengen Protestanten dieser Zeit nahmen das Motto gewiß zum Anlaß, ihre Bibel aufzuschlagen und zu lesen, was der rigorose Apostel noch weiter zu sagen hatte:

Wende dich von diesen Menschen ab. Zu ihnen gehören Leute, die sich in die Häuser einschleichen und dort gewisse Frauen auf ihre Seite ziehen, die von Sünden beherrscht und von Begierden aller Art umgetrieben werden, Frauen, die immer lernen und die doch nie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen können.3

Kommen Frauen überhaupt zur Erkenntnis der Wahrheit? ist man zu fragen versucht. Ein Blick auf das Bild des Kupferstechers gibt uns die Antwort des 17. Jahrhunderts: Eine modisch gekleidete junge Frau mit einem Blumenstrauß in der Hand betritt einen Irrgarten aus hüfthohen Hecken, von Amor angelockt. In den Gängen promenieren verschiedene Paare, nur ein einziger Mann ist unbeweibt geblieben. In der Mitte des Labyrinths sitzt in einer Laube um einen Maibaum herum eine Festgesellschaft: Hochzeit wird gefeiert. Nahe am Eingang zeigt Amor, der die junge Frau am Ariadnefaden führt, mit verheißungsvoller Geste ins Labyrinth hinein, dorthin, wo an der nächsten Biegung der Junggeselle wartet, bereit zum Stelldichein.

Der Sinn dieser Inszenierung ist für den Betrachter einleuchtend, ein Kommentar eigentlich überflüssig. Dennoch wird er in den vier Medaillons gegeben: links oben ein Paar bei einem Wegweiser, vor einem Labyrinth; links unten zwei Kälber und oben rechts Amor auf einem Kalb, Anspielungen auf die Kälberliebe, die Liebelei; rechts unten gar die Hand Gottes, die mit einem Ariadnefaden den Weg durch einen Wald weist.4

 

Flieh vor den Begierden der Jugend!  Der Gang durchs Labyrinth der Liebelei bleibt keinem erspart, der ans Ziel kommen will. Man dreht und wendet sich, stößt an Barrieren, gerät in Konfusion. Wenn alles gut geht, bringt die Ehe die Erkenntnis der Wahrheit, sie ist das Heilmittel für jugendliche Begierde und der paradiesische Ort der Fruchtbarkeit, wo der Baum des Lebens wächst. Ein Zeitgenosse, MICHEL DE MONTAIGNE, beschreibt treffend den Inhalt des angestrebten Zustandes:

Der Ehestand ist eine fromme heilige Verbindung. Das ist der Grund, warum das Vergnügen, welches man daraus zieht, ein bedächtliches, ernsthaftes und mit einiger Strenge vermischtes Vergnügen sein muß. Es muß eine gewissermaßen kluge und gewissenhafte Wollust sein. Und, weil ihr Hauptzweck Erhaltung und Fortpflanzung ist, so gibt es einige, die es in Zweifel ziehen, ob, wenn die Beschaffung dieses Endzwecks nicht zu hoffen ist, . . . es erlaubt sei, dann noch diesen Beweis der Liebe zu begehren.5

Liebeslabyrinthe waren um 1600 im zivilisierten Europa sehr beliebt. Was faszinierte daran? Offensichtlich nicht so sehr die Vorstellung des Ziels wohlanständiger Heirat, sondern eher der Genuß des Weges. Der Vorwand der Sittenstrenge erlaubte die spielerische Vergegenwärtigung von Alternativen: Statt entschlossen den Ehehafen anzusteuern, machte man sich auf nach KYTHERA, der Insel Aphrodites, und bevor man in den Garten Eden, ins Paradies der Liebe gelangte, bot das Heckenlabyrinth allerhand Gelegenheit zu Versteck und präludierender Lustbarkeit. Ertappte das Gewissen die schweifende Phantasie bei verbotenen Abenteuern, so konnte das Liebeslabyrinth auch für diese Erfahrung Zeugnis geben: Statt von den Früchten des Lebensbaums gekostet zu haben, fand man sich unter dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse wieder, den fatalen Apfel in der Hand, und ganz gewiß hatte ihn eine Eva gepflückt. Die Vertreibung aus dem Paradies und die Mühsal des Lebens waren die bittere Folge.

 

Ganz andere Liebesgärten waren die nordischen Trojaburgen 6. Die Nachrichten über die erotische Qualität der Trojaburgen sind etwas windig, aber diese Tatsache soll uns nicht daran hindern, sie zu erforschen. Trojaburgen nennt man labyrinthförmige Steinsetzungen, bestehend aus faust- bis kopfgroßen Steinen, die auf freiem Feld lose ausgelegt sind. Der Konstruktion nach sind es kretische, also vorchristliche Labyrinthe. Sie haben phantasievolle Namen: Rundburg, Riesenzaun, Riesenstraße, Steinmauer, auch Städtenamen wie Jerusalem, Ninive, Babylon, Jericho, Konstantinopel und Lissabon. Einige von ihnen wurden JUNGFRUDANS, Jungfrauentanz, und Steintanz genannt. Trotz ihrer sprechenden Namen sind es stumme Zeugen der Vergangenheit; ihre Entstehung reicht - so vermutet man - bis zu tausend Jahre und mehr zurück. Den frühesten Hinweis auf die Bedeutung der Trojaburgen gibt ein Wandgemälde aus dem 15. Jahrhundert in der Kirche von Sibbo im finnischen Nyland. Es zeigt eine Frau im Mittelpunkt eines Labyrinths.7

 

 Kirche von Sibbo. Frau im Labyrinth

 

Das jüngste Zeugnis stammt von einer achtzigjährigen finnischen Frau, die im Jahre 1985 erzählte, was sie als Kind an einer solchen Trojaburg erlebt hatte:

In ihrem Zentrum stand ein Mädchen, während ein junger Mann versuchte, es zu erreichen. Dabei durfte er keinen falschen Schritt tun und weder auf die Steine treten noch beim Durchlaufen des Irrgartens das Gleichgewicht verlieren. (...) Während des Spiels standen die Zuschauer am Rande des Labyrinths, klatschten in die Hände und sangen. Wenn der junge Mann das Zentrum ... erreicht hatte, mußte er das Mädchen hochheben und aus dem Labyrinth tragen. Gelang es ihm, dann gehörte das Mädchen ihm.8

 

Ein alter Mann kannte einen anderen Namen für ein solches Labyrinth: Jungfrauenring wurde es genannt. Nach seiner Erinnerung stand ein Mädchen im Zentrum, aber es waren zwei junge Männer, die von zwei verschiedenen Eingängen aus im Wettlauf zur Mitte strebten, ein jeder bemüht, als erster die Hübsche zu erreichen und zu gewinnen.9

 

Jericho als mondförmiges Labyrinth.

Farbige Miniatur auf Pergament in einer Sammelhandschrift des 12. Jahrhunderts aus St. Emmeran, Regensburg.

Die Begrenzungsmauern des Labyrinths sind purpurrot und grau. In der Mitte eine Blume.

 

 

Das Motiv der Frau im Labyrinth tritt in zwei verschiedenen Versionen auf: Einmal ist es die Frau, die verführt und im Labyrinth gefangengehalten wird, um dann befreit zu werden, wie es der schönen Helena im trojanischen Krieg geschieht, zum anderen ist es das Mädchen, das gefreit wird, indem ein junger Mann zu ihm vordringt, wie wir es von Dornröschen wissen.

Die Frau im Labyrinth: Sollte man da nicht auch an die biblische Geschichte von der Dirne Rahab denken, deren Leben bei der Eroberung der Stadt Jericho geschont wird, weil sie die beiden israelitischen Kundschafter versteckt und mit einem Seil an der Stadtmauer heruntergelassen hat? Jericho, das ist für die mittelalterlichen Buchmaler die Stadt mit einem siebenfachen Mauerring, ein wahres Labyrinth, obwohl im Buch Josua nur die Rede davon ist, daß die Israeliten siebenmal um die Stadt zogen, bevor sie zum Sturm bliesen.10  Rahab hatte von den beiden Spionen eine purpurrote Schnur erhalten und sie an ihr Fenster gebunden - den roten Faden zu ihrer und ihrer Familie Rettung als Dank für das Seil, das die Fremden gerettet hatte.11

   

Eine purpurrote Schnur - ob auch der Faden der Ariadne diese Farbe hatte? Auffällig muß er ja gewesen sein, sonst hätte Theseus mit seiner Hilfe nicht den Weg finden können. Aber vielleicht ist das eine ganz falsche Erklärung. Schon manche Erzählungen der Griechen setzen voraus, daß Theseus die Dunkelheit des Labyrinths erhellen mußte, um zum Ziel kommen zu können. Deshalb blieb in ihnen der Faden aus dem Spiel, und statt dessen beleuchtete ein glänzendes Diadem den Weg. Ein solches besaß aber Ariadne. War es der Brautkranz, den sie von ihrem legitimen Gatten Dionysos erhalten hatte, oder das rosendurchflochtene Geschenk der Amphitrite, das Theseus der in Liebe Entbrannten zur einladenden Begrüßung überreicht haben mag? Jedenfalls heißt es, daß Ariadne den Helden bei seinem Labyrinthgang begleitet habe.

 

Was sich dabei ereignete, im matten Sternenglanz des gottgegebenen Kranzes, ist geheimnisvoll wie alles, was uns bisher vom Labyrinth berichtet worden ist. Gewiß mußte der Stier des Minos sterben, sogleich aber wurde Hochzeit gefeiert, heilige Hochzeit  wohlgemerkt, ein Fest der Fruchtbarkeit, der Beginn neuen Lebens. Und dabei spielte der Liebhaber aus Athen die Rolle des Dionysos, des eigentlichen Gatten der Ariadne. Diese aber ist für Theseus die Erscheinung Aphrodites, der Liebesgöttin: ARIADNE APHRODITE.12

 

Ein wahrhaft heiliger Beischlaf also! Das Wort Ehebruch verbietet sich hier einfach, wenn auch post festum viel die Rede davon war. Viel eher ist der Begriff Stellvertretung am Platz: Theseus vertritt Dionysos, aber nicht nur den, sondern auch Minos, den kretischen PAREDROS der Göttin, ob sie nun PASIPHAE oder ARIADNE APHRODITE heißt, und er tut es in offizieller Mission, nicht etwa zum Privatvergnügen, nämlich als prinzlicher Botschafter Athens in Kreta.13

 

Theseus kämpft in Begleitung Ariadnes mit dem Minotauros. Goldrelief um 650 v. Chr.

 

 

Oinochoe (Weinkanne) von Tragliatella (Ausschnitt). Etruskisch, um 620 v. Chr. Älteste bekannte Darstellung des Trojaspiels. Das Labyrinth, aus dem die beiden Reiter herauskommen, ist linksläufig mit »Truia« bezeichnet.

 

Spätere Kommentierungen, etwa die, daß Theseus der Don Juan des Altertums gewesen sei, gehen daher fehl. Der HIEROS GAMOS, die heilige Hochzeit, war vor allem heilig und deshalb nur sehr bedingt vergnüglich, wie ein ernst zu nehmender Erforscher der griechischen Religion glaubhaft versichert: Sie stand - die Geschichte von Jasion, der bei dieser Gelegenheit vom Blitz erschlagen wurde, beweist es hinlänglich - dem Opfer näher . . . als der Wollust.14 Insofern nimmt der sakrale Beischlaf des Theseus und der Ariadne prototypisch die christliche Ehe vorweg, wie sie Michel de Montaigne im 16. Jahrhundert beschrieben hat: . . . eine fromme heilige Verbindung, die nur ein bedächtliches, ernsthaftes und mit einiger Strenge vermischtes Vergnügen erlaubt.15

 

Die späteren europäischen Traditionen folgten eher der profanen Deutung des Labyrinthgeschehens, die uns die erfolgreicheren Erzählungen der Griechen vermittelt haben. Zuerst muß sich Theseus bewähren, muß den Stier des Minos töten und aus dem Labyrinth herausfinden, erst dann kommt Ariadne zur Sache und läßt sich im Sturm erobern. Fruchtbarkeit ist da weniger erwünscht. Eine ferne Erinnerung an den Stierkämpfer und zweifachen Sieger Theseus sind die archaischen LUDI TAURINI, Stierspiele, wie sie früher in den Bergen von León am 1. Mai stattfanden: Junge Männer, die auch Stierhörner auf dem Kopf trugen, kämpften miteinander um die jungen Mädchen. Zu guter Letzt gingen diese mit den Siegern ins Heu. Ein halbes Jahr blieben die Paare zusammen und trennten sich dann wieder.16 Unserem klassischen Paar war eine solche Liebesfrist ja leider nicht vergönnt.

 

 

Im Kontrast zu den deftigen Volksbräuchen des alten Europa stehen die Gedankenspiele der Dichter und Denker. Nicht ohne tieferen Grund sind seit der Renaissance die hohen Zeiten des Labyrinths eng verknüpft mit einem großen Interesse für Eros und Sexus. Sogar von Pansexualismus hat man gesprochen17: Er reicht von GIANBATTISTA MARINO, der durch sein Epos »L'Adone« im Jahre 1623 die Sex-Lawine in Bewegung gesetzt haben soll, bis hin zu HENRY MILLERS Romanen im 20. Jahrhundert. Schon Leonardo da Vinci hatte die Liebe TERRIBILE E SUAVE, schrecklich und süß, genannt, eine paradoxe und gleichsam labyrinthische Erfahrung. Marino ging einen Schritt weiter, als er von ihr als einem modernen Monstrum sprach, in dem alles Gegensätzliche vereint sei:

Willentlicher Wahn, vergnügliches Böses,

müde Ruhe, verderblicher Nutzen,

verzweifeltes Hoffen, lebendes Sterben,

kühne Angst, gequältes Lachen,

unzerstörbares Glas, glühendes Eis:

ewiger Abgrund von Discordie Concordi,

höllisches Paradies, himmlische Hölle.18

 

DISCORDIA und CONCORDIA, Zwietracht und Eintracht in einem, ist sie ein wahres Zwitterwesen wie Minotauros, der Tiermensch mit göttlichen Ambitionen. Aber sie ist nicht nur ein monströser Zustand, sondern auch und vor allem ein labyrinthisches Geschehen, ein neuzeitlicher Irrgarten.

 

Das hintergründig paradoxe Wesen der Liebe hält Amors Verehrer jedoch nicht davon ab, vor allem ihre süße Seite zu preisen:

Die Wollust bleibet doch der Zucker dieser Zeit,

Was kann uns mehr denn sie den Lebenslauf versüßen?

 

So dichtet Christian Hofmann von Hofmannswaldau in der Nachfolge Marinos.19  Und doch gelten die skeptischen Worte der Aufschrift eines Labyrinths:

Des Menschen Lebenslauf gleicht einer Irrebahn . . .20

 

Die Liebeslabyrinthe jener Zeit bekundeten visuell die literarisch vermittelten Erfahrungen, wenn auch meist mit allen paulinischen Vorbehalten christlicher Moral. Mehr als ein Jahrhundert später, an der Schwelle zum 19. Jahrhundert, provozierte ein Intellektueller der romantischen Generation, Friedrich Schlegel, seine scheinbar aufgeklärten Zeitgenossen, indem er in seinem Roman »Lucinde« die labyrinthischen Lehrjahre der Männlichkeit in die ideale Ehe der Moderne münden läßt. Der Berliner Skandal des Jahres 1799! Gleich im ersten Kapitel schreibt Julius an Lucinde:

Alle Mysterien des weiblichen und des männlichen Mutwillens schienen mich zu umschweben, als mich Einsamen plötzlich deine wahre Gegenwart und der Schimmer der blühenden Freude auf deinem Gesichte vollends entzündete. Witz und Entzücken begonnen nun ihren Wechsel und waren der gemeinsame Puls unsers vereinten Lebens; wir umarmten uns mit eben so viel Ausgelassenheit als Religion ... 21

In der folgenden »Dithyrambischen Fantasie über die schönste Situation« lasen die Zeitgenossen, falls sie das Buch nicht schon nach den ersten Seiten angewidert weggelegt hatten, die unerhörten Sätze:

Ja! Ich würde es für ein Märchen gehalten haben, daß es solche Freude gebe und solche Liebe, wie ich nun fühle, und eine solche Frau, die mir zugleich die zärtlichste Geliebte und die beste Gesellschaft wäre und auch eine vollkommene Freundin... Es gehört dir alles und wir sind uns die nächsten und verstehn uns am besten. Durch alle Stufen der Menschheit gehst du mit mir von der ausgelassensten Sinnlichkeit bis zur geistigsten Geistigkeit . . . So schlingt die Religion der Liebe unsre Liebe immer inniger und stärker zusammen . . .22

Vergessen scheinen die Paradoxien des modernen Monstrums, von dem Marino gesprochen hatte. Die Gegensätze sind in die vollkommene Synthese eingeschmolzen:

Sie waren ganz hingegeben und eins und doch war jeder ganz er selbst, mehr als sie es noch je gewesen waren, und jede Äußerung war voll vom tiefsten Gefühl und eigensten Wesen.23

Die romantische Liebesehe wird im Laufe eines Jahrhunderts zur Religion der Aufgeklärten und zum Modell der Ehe schlechthin. Sollte das wirklich gutgehen?24 Skeptisch dichtete der junge Heinrich Heine:

Wir haben viel füreinander gefühlt,

und dennoch uns gar vortrefflich vertragen.

Wir haben oft »Mann und Frau« gespielt,

und dennoch uns nicht gerauft und geschlagen.

Wir haben zusammen gejauchzt und gescherzt,

und zärtlich uns geküßt und geherzt.

Wir haben am Ende, aus kindischer Lust,

»Verstecken« gespielt in Wäldern und Gründen,

und haben uns so zu verstecken gewußt,

daß wir uns nimmermehr wiederfinden.25

Sollte er die Hand Gottes, die mit dem Ariadnefaden den Weg durch den Wald weist, übersehen haben? Oder sucht man im romantischen Waldlabyrinth den hilfreichen Zeigefinger umsonst? Anders gewendet hat der alte Goethe die labyrinthische Erfahrung der Liebe:

Wunderlichstes Buch der Bücher

Ist das Buch der Liebe;

Aufmerksam hab' ich's gelesen:

Wenig Blätter Freuden,

Ganze Hefte Leiden;

Einen Abschnitt macht die Trennung.

Wiedersehn - ein klein Kapitel,

Fragmentarisch! Bände Kummers,

Mit Erklärungen verlängert,

Endlos, ohne Maß.

O Nisami! - doch am Ende

Hast den rechten Weg gefunden;

Unauflösliches, wer löst es?

Liebende sich wieder findend.26

 

 

Anmerkungen

 

Motto: Johann Wolfgang Goethe, Westöstlicher Divan, Lesebuch (2), zitiert nach Hamburger Ausgabe, Band II, S. 28.

 

1  2. Tim. 2, 22.

 

2    Vgl. Hermann Kern, Labyrinthe, 2. durchgesehene und erweiterte Auflage, München 1983, Kapitel XIII. 4: Liebes-Labyrinthe

 

3  2. Tim. 3, 6 f.

 

4    Vgl.  Hermann Kern, a.a.O., Bildlegende zu Abb. 432. 

5  Michel de Montaigne: Essais, I, 30, zitiert nach Jean-Louis Flandrin, Das Geschlechtsleben der Eheleute in der alten Gesellschaft: Von der kirchlichen Lehre zum realen Verhalten. In: Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1992, S. 161.

6  Vgl. dazu Kern, a.a.O, Kapitel XVI: Trojaburg und Jungferntanz; Nigel Pennick: Das Geheimnis der Labyrinthe. München 1992, S. 21 ff.   Neuerdings hat Klaus Kürvers unter dem Titel "Das Rätsel der Trojaburgen" eine interessante Hypothese zur Rolle der Labyrinthe in der Seefahrt (ihre nautische Funktion)  vorgetragen. In: Jürgen Hohmuth, Labyrinthe & Irrgärten, München 2003, S. 26 - 47. Der Artikel ist unter dem Titel "Labyrinth und Seefahrt" in einer überarbeiteten und vervollständigten Fassung veröffentlicht auf der Website http://www.zeitort.de/projekte/labyrinthe/labyrinth_und_seefahrt_zeitort.pdf

Siehe dazu auch http://www.mymaze.de/lns.htm

7  Vgl. Kern, a.a.O., Abb. 596, S. 415. John Kraft hat unter dem Titel »The Goddess in the Labyrinth« (Abo 1985) eine weitreichende Interpretation der Frau im Labyrinth vorgelegt, die mit unserer Darstellung in den Kap. II und III teilweise übereinkommt 

8   Nigel Pennick, Das Geheimnis der Labyrinthe, a.a.O., S. 47

9   Ebd., S. 48.

10  Josua, Kap. 2 und 6. 

11  Josua, Kap. 2,17 ff.

 

12  Eine der Erzählungen geht sogar davon aus, daß Aphrodite die Begleiterin des Theseus gewesen sei. Vgl. Karl Kerényi, Die Mythologie der Griechen, München 1966, Band II, S. 185 f.  Die Verbindung der Labyrinth-Figur mit dem Fruchtbarkeitsritus der Heiligen Hochzeit ist bezeugt durch die Kombination von Labyrinth- und Koitus-Darstellungen auf der Kanne von Tragliatella (vgl. Anm. 27 der Einführung). Zu Ariadne Aphrodite vgl. auch Kapitel II.

 

13  Es sei daran erinnert, daß die Eroberung Kretas durch die Griechen die Umkehrung der bisherigen kultisch-mythischen Verhältnisse im Sinne einer interpretatio graeca zur Folge hatte. Die neuerliche Hegemonie des Phallus führte auch zum Rollenwechsel bei der Heiligen Hochzeit: Theseus ist nicht Paredros der Ariadne, sondern diese seine Paredra.

14   Walter Burkert: Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche. Stuttgart 1977, S. 177 f.

15   Vgl. Anm. 5. 

16   Hans Duerr, Edna oder Die Liebe zum Leben, Frankfurt 1990, Anm. 18, S. 349 f.

17  Gustav René Hocke, Die Welt als Labyrinth, Manier und Manie in der europäischen Kunst, Hamburg 1957,  S. 180. Nach Hocke sind die labyrinthischen Zeiten der Literatur dem Stilbegriff des Manierismus zuzuordnen. 

18  Ebd., S. 183.

19   Die Wollust. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): Komm. Zieh dich aus. Handbuch der lyrischen Hocherotik deutscher Zunge. Zürich 1991, S. 82

20  Vgl. das Motto dieses Kapitels. 

21  Friedrich Schlegel: Lucinde. Ein Roman. Frankfurt am Main 1985, S. 14

22  Ebd., S. 20 ff.

23  Ebd., S. 93.

24  Wie problematisch dieses Ehemodell ist, läßt sich im nachhinein besser beurteilen. Vgl. dazu Beck/Beck-Gernsheim: Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt 1990,  speziell Kapitel VI: Die irdische Religion der Liebe.

25  Lyrisches Intermezzo XXVI. In: Heinrich Heine: Werke in vier Bänden, Band 1, S. 85. 

26  Westöstlicher Divan. Lesebuch (1). In: Goethes Werke, Hamburger Ausgabe, Band 2, S. 28.

 

Bildnachweis

Wegweiser zur Heirat aus dem Labyrinth der Liebelei, Kupferstich: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München

Kirche von Sibbo, Frau im Labyrinth: Zeichnung nach A. W. Rancken

Jericho als mondförmiges Labyrinth: Bayerische Staatsbibliothek, München

Goldrelief: nach Karl Schefold, Frühgriechische Vasenbilder, München 1964. (c) 1964 by Hirmer Verlag, München. Mit freundlicher Genehmigung des Hirmer-Verlags.

Oinochoe von Tragliatella (Ausschnitt): Zeichnung nach W. Deecke