Gegen den nuklearen Wahnsinn

Rede in Iserlohn zum 15. Friedensfestival am 2. Juli 2005

 

Liebe Friedensfreunde!

 

 

Ich freue mich sehr, dass ich zu eurem Festival eingeladen worden bin. Ich soll zu euch sprechen über ein knallhartes Thema, obwohl ich doch viel lieber Musik mache. Das mache ich auch. Ich spiele ständig auf verschiedenen Instrumenten, mal in einer Kirche, mal auf der Straße bei Aktionen und bei Demos. Aber die verbrecherische Rüstung und ständig neu entfachte Kriege mit den fürchterlichsten Tötungstechniken bringen mich immer wieder so auf die Palme, dass ich nicht passiv bleiben kann. Das kann ich auch deshalb nicht, weil ich als Kind den Zweiten Weltkrieg hautnah erlebt habe. Sollte ich denn vergessen können, dass ich aus einer brennenden Stadt, meiner Heimatstadt Köln, zum Glück entkommen bin? Ich wehre mich gegen das Vergessen dieser Erfahrungen. Das offizielle Gedächtnis zum 60. Jahrestag des Kriegsendes kommt mir vor wie ein unverbindlicher Ersatz für konsequentes friedfertiges und gerechtes Handeln in der Gegenwart.

Von Politikern und Medien bewusst verschwiegen wurde in den Jahren nach Beendigung des Ost-West-Konflikts die noch immer gigantische atomare Bedrohung, der die ganze Menschheit ausgesetzt ist, auch alle unsere Mitgeschöpfe und die wunderbare Natur. Es ist dies so erfolgreich verschwiegen worden, dass mich sehr gebildete Leute fragen: „Gibt es denn noch Atomwaffen?“ Ja, die gibt es, und zwar noch 30 000, davon 5000 in ständiger Alarmbereitschaft. Und das 60 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki! Hier in  Deutschland lagern mindestens 150: auf dem Bundeswehrflugplatz Büchel bei Cochem an der Mosel und auf dem amerikanischen Stützpunkt Ramstein, und jede einzelne hat die 10fache Sprengkraft der Hiroshimabombe. Es gibt auch hier, mitten  in Deutschland, Kommandozentralen, von denen aus die Bomben eingesetzt werden können. In Büchel bin ich mit den Friedensaktivisten, die sich in der „Gewaltfreien Aktion Atomwaffen abschaffen“ (GAAA) zusammengeschlossen haben, schon viele Jahre im Widerstand. Wir rücken den mörderischen Massenvernichtungswaffen buchstäblich zu Leibe, indem wir z.B. über die Zäune steigen und damit sogenannten Hausfriedensbruch begehen. Wir nennen das zivilen Ungehorsam, so, wie Mahatma Gandhi es genannt hat. Durch diese bewusste Gesetzesübertretung wollen wir das Unrecht öffentlich machen und eine politische Änderung herbeiführen, nämlich, die Abschaffung der Atomwaffen hier in Deutschland, in Europa und schließlich in der ganzen Welt. Unser Ziel ist sehr hoch gesteckt: eine atomwaffenfreie Welt bis 2020.

 

Vielleicht wisst ihr, dass in den 80er Jahren die Friedensbewegung die Stationierung der amerikanischen Atomraketen in Mutlangen mit sehr großem Engagement  rückgängig gemacht hat. Es gab dort auch den zivilen Ungehorsam durch die Sitzblockaden vor den Lastwagen, die die Raketen beförderten. Ich war damals noch nicht dabei, weil ich vier kleine Kinder hatte, davon ein Adoptivkind aus Bolivien, wo es tausende Straßenkinder gibt. Ich habe jedoch die ganzen Jahre das Geschehen in Mutlangen mit großer Anteilnahme verfolgt, diese Menschen bewundert und von ihnen gelernt. Es waren so viele, die bei Wind und Wetter unter Einsatz ihrer Gesundheit und ihres Lebens dieses Ziel erreicht haben; sie haben hohe Geldstrafen bezahlt und sind  ins Gefängnis gegangen. Ich selbst bin auch viermal im Gefängnis gewesen: zweimal wegen Widerstandes gegen die Atomindustrie (gegen AKWs und Castortransporte) und zweimal wegen Widerstandes gegen die Atomwaffen. Beides steht ja in engem Zusammenhang. Die Gefängnishaft verstehe ich als Konsequenz meiner Gewissensentscheidung und nicht etwa als eine Entehrung. Ich bin im Widerstand so hartnäckig, weil die Tatsachen so erdrückend sind. Ich möchte keinem Menschen Angst machen, aber Vogelstraußpolitik hilft uns nicht weiter, und sie passt auch nicht zu mir. Manchmal würde ich darum am liebsten die Wahrheit dieser großen Gefahr hinausschreien. Ich möchte gerne Menschen für den Widerstand gegen die größte Bedrohung für den ganzen Planeten motivieren, sie aufrufen, nach ihren Möglichkeiten mitzumachen.

 

Wir hatten  in Erftstadt, Bonn und Köln die Ausstellung „Die Atombombe und der Mensch“, die von den Hibakusha, den noch lebenden Opfern der Atomwaffenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, zusammengestellt worden ist. Einer der Überlebenden, Kazuo Soda, reist um die Welt, um vor Massenvernichtungswaffen zu warnen. Er kommt auch jedes Jahr nach Köln. Ihn zu hören und die Bilder der Ausstellung und deren Begleittexte zu sehen, wünschte ich vielen Menschen. Das könnte zum Mitmachen motivieren, zum Beispiel gegen die Atomindustrie in Deutschland. Ich war gerade bei den Protesten gegen die Castortransporte ins Zwischenlager Ahaus dabei, und ich las anschließend in der Zeitung, dass alles ohne größere Zwischenfälle gelaufen sei. Ich will nicht, dass der nukleare Wahnsinn ohne größere Zwischenfälle abläuft, sondern dass er beendet wird. Wir müssen Sand im Getriebe sein, immer und immer wieder. Was ist denn, wenn eines Tages der Einsatz einer Atombombe ohne weitere Störung vonstatten geht? Die Angstmacherei vor möglichen Atomwaffensätzen von  sogenannten Schurkenstaaten könnte durchaus dazu führen, dass die Mehrzahl der Menschen damit einverstanden wäre. Aber es gibt keine guten und bösen Atomwaffen – alle müssen weg! Es müsste erneut eine Riesenkampagne gegen Atomwaffen geben, so wie in den achtziger Jahren, wo Hunderttausende auf die Straße gegangen sind. Da waren auch Politiker, Künstler und Wissenschaftler dabei.

 

Und nun wird sogar erneut atomar aufgerüstet. Fast keiner nimmt es so richtig wahr. Aufgerüstet wird mit Atomwaffen im Kleinformat, sogenannten Mininukes, und mit  nuklearen Bunkerbrechern, den Bunkerbusters. Die USA haben sogar die Absicht erklärt, Atomwaffen präventiv einzusetzen. Hinzu kommt der Einsatz von Waffen, die mit nuklearem Abfall bestückt sind, mit abgereichertem Uran, das angeblich nicht gesundheitsgefährdend ist, aber trotzdem erwiesenermaßen Menschen und ihren Lebensraum vergiftet. In Jugoslawien sind während des Kosovokrieges und zum zweiten Mal im Irakkrieg  Hunderte von Tonnen Uranmunition verschossen worden. Andererseits hält die NATO, angeblich die größte Friedensbewegung der Welt, an der bisherigen Option des nuklearen Erstschlages fest, und Deutschland ist Mitglied der NATO. In Büchel üben Bundeswehrsoldaten den Einsatz von Atomwaffen, indem sie diese an die Tornados anklinken. Wir haben sie wiederholt aufgefordert, das zu verweigern, und sind deshalb vor Gericht gekommen. Uns wurde vorgeworfen, wir hätten zu Meuterei und Fahnenflucht aufgerufen.

 

Die atomare Rüstung in der Welt kann schon Angst machen und lähmen. Aber Angst kann auch aktiv machen. Ein Beispiel dafür sind die Bemühungen vieler Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und einzelner Aktivisten bei der gerade beendeten Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrages, der nicht nur die Weiterverbreitung von Atomwaffen verhindern soll, sondern auch die Staaten, die im Besitz von Atomwaffen sind, zur nuklearen Abrüstung verpflichtet. Bei dieser Konferenz bei der UNO in New York waren auch 400 Jugendliche aus verschiedenen Ländern dabei, die die Möglichkeit eines Redebeitrags hatten. Sie erarbeiteten eine gemeinsame Erklärung an die Konferenzteilnehmer. Darin heißt es:

Wir, die Jugend dieser Welt, sind bereit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Wir wollen eine Zukunft, in der starke Nationen durch gegenseitigen Respekt und das Völkerrecht verbunden sind. Und das Völkerrecht verlangt eine Welt, die frei ist von Nuklearwaffen! Wenn Sie uns eine solche Welt nicht geben können, werden wir vielleicht nie die Chance haben, diese selbst zu erschaffen.

Das ist der Grund, weshalb wir hier und heute an Sie die Forderung richten, die bösartigste von Menschen gemachte Bedrohung der Zukunft der Welt nicht länger zu tolerieren. Sie müssen uns jetzt retten, bevor es zu spät ist. Sie müssen mit der Vernichtung aller Atomwaffen beginnen. Tun Sie es für uns, für Ihre Kinder, und für alle nachfolgenden Generationen, als einen grundlegenden Schritt zu einer sichereren und friedlicheren Zukunft.“

 

Trotz aller Bemühungen wurde die Konferenz ohne Ergebnis beendet. Das bedeutet: Die geschuldete Abrüstung der Atomwaffen findet nicht statt! Vergeblich erinnerten die Jugendlichen auch an den Spruch des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag aus dem Jahre 1996, der den Einsatz von Atomwaffen, aber auch schon die Drohung mit ihnen für völkerrechtsrechtwidrig erklärt hat. Der Chef der Internationalen Atomenergie-behörde und oberster Waffeninspektor, Mohammed al-Baradei, hat die augenblickliche Situation folgendermaßen beschrieben: „Noch nie war die Gefahr (eines Atomkrieges) so groß wie heute. Ein Atomkrieg rückt näher, wenn wir uns nicht auf ein neues internationales Kontrollsystem besinnen.“

 

Man könnte darüber verzweifeln, aber wir dürfen nicht aufgeben! Das wollen die Mächtigen ja nur, damit alles nach ihren Wünschen weiterläuft. Sie sind wohl krank im Gehirn und merken deshalb nicht, dass sie selber, ihre Familien und ihre Nachkommen tödlich bedroht sind. Angeblich ist der Besitz von Waffen, auch nuklearer, notwendig für die Sicherheit des Staates. Angeblich sind auch Kriege notwendig um der Sicherheit willen. So denken Politiker und Militärs, aber nicht nur diese. Was Deutschland betrifft, ist es meine feste Überzeugung, dass es mehr Sicherheit gäbe, wenn es sich zur atomwaffenfreien Zone erklärte und wenn es dem kriegssüchtigen Militarismus unseligen Andenkens endgültig eine Absage erteilte. Sicherheit lässt sich nicht herbeibomben, schon gar nicht mit Atombomben. Frieden auch nicht. Die Welt muss erkennen, dass der Krieg als Instrument zur Schaffung des Friedens nicht taugt, dass er vermeidbar ist und überwunden werden muss.

 

Darum, Freunde, lasst uns weiter Widerstand leisten, um Krieg und Terror zu überwinden, so groß die Aufgabe auch scheinen mag. Ich wünsche uns allen viel Mut. Ich wünsche aber jetzt erst einmal gutes Gelingen und weiter viel Freude bei diesem tollen Festival.

 

Hanna Jaskolski

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