Helmut Jaskolski  

Zivilcourage - was ist das? 

Quellen und Motive einer seltenen Tugend

  

Vortrag in der VHS Erftstadt am 10. November 1999 

Liebe Damen und Herren,

nachdem wir gestern, am 9. November, die Reden zu Mauerfall und Wende gehört und heute morgen mahnende Worte zum anderen Gesicht des 9. November gelesen haben, müssten wir genau wissen, was Zivilcourage und ihre Gegenteil ist: Das eine hat uns das Volk der DDR in den Tagen und Wochen vor dem 9. November 1989 vorgemacht, etwa bei der Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989, das Gegenteil das deutsche Volk am 9. November 1938 anlässlich der Pogromnacht, nämlich das beschämende Versagen gegenüber dem Anspruch der jüdischen Mitbürger auf Beistand und Hilfe. Wer dennoch nicht so ganz sicher ist, was es mit der Zivilcourage auf sich hat, schaut wie ich in einschlägige Wörterbücher und findet fast nichts darüber, dann vielleicht wie ich ins Internet: Als Anwälte der Zivilcourage sind dort vertreten Beratungsdienste für den Zivildienst, Friedensorganisationen und Bürgerinitiativen zur Wiedererweckung dieser Tugend gegen Ausländerfeindlichkeit und alltägliche Gewalt, z.B. der „Hamburger Aufschrei für Zivilcourage e.V.“ Das im INTERNET abrufbare „Bulletin“ behandelt in der Nr. 4/98 das Thema „Courage, Mumm, Schneid - Fünf Porträts zeigen: Mut tut gut.“ Nirgendwo aber wird erklärt, was denn nun genau Zivilcourage ist. Das Wort ist gängige Münze, aber der Begriff bleibt durchaus unklar. Neulich las ich in einer Illustrierten ein Interview mit einer jungen Schauspielerin, die durch exhibitionistisches Auftreten in der Öffentlichkeit erfolgreich Aufmerksamkeit erregt hatte; die Journalistin fragte interessiert: „Wie haben Sie nur so viel Zivilcourage aufgebracht?“ Es ist vielleicht doch gut, auf den Wortinhalt näher einzugehen.

Die erste bekannte Verwendung des im Deutschen zunächst unbekannten Wortes stammt ausgerechnet von dem preußischen Ministerpräsidenten und späteren Reichskanzler Otto von Bismarck, der im Jahre 1864 gesagt haben soll: „Mut auf dem Schlachtfeld ist bei uns Gemeingut, aber Sie werden nicht selten finden, daß es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt.“ Bismarck dachte dabei wohl an Schillers Wort vom „Mannesmut vor Fürstenthronen“, eine Tugend, die er offensichtlich bei seinesgleichen, nämlich den adligen Herren, am ehesten vermißte, aber bei Sozialdemokraten wie August Bebel unziemlich fand. Mit Bismarcks Unterscheidung zwischen der Courage der Militärpersonen und der Zivilisten - sprich: Bürger - scheint zunächst einmal alles klar gewesen zu sein. Dabei ist die Inanspruchnahme der „ritterlichen“ Tugend der Courage, verstanden als Mut und Tapferkeit, für die Kämpfenden auf dem Schlachtfeld sehr problematisch, wenn auch gemäß traditioneller Tugendlehre verständlich. Diese geht zurück auf die griechische und römische Antike. Der griechische Begriff „Tapferkeit“, andreia, ist von dem Wort andreios (männlich) abgeleitet und bedeutet ursprünglich ‚Mannhaftigkeit‘. Schon vor Platon erscheint diese andreia innerhalb eines Kanons von vier Grundtugenden als ritterliche Kampfestugend. In Platons Staatsmodell ist die Tapferkeit als die Tugend des mutartigen Seelenteils (thymós) dem Stand der Krieger und Beamten zugeordnet. Aristoteles betont, daß die echte Tapferkeit nur im Kriege unter todesmutigem Einsatz des eigenen Lebens möglich sei und stellt sie in einer Reihenfolge der Tugenden an die erste Stelle. Wenn man bedenkt, daß das lateinische Wort für Tugend virtus ist - abgeleitet von vir, der Mann -, dann ist es nicht verwunderlich, daß in der nichtphilosophischen Literatur der römischen Antike an die Stelle des Wortes fortitudo für Tapferkeit das Wort virtus tritt, also Tapferkeit und Tugend gleichgesetzt werden, was selbst bei Kant noch anzutreffen ist. Cicero greift diesen Sachverhalt bewußt auf und sagt: „Denn Tugend ist von Mann abgeleitet. Dem Manne aber ist vorzugsweise die Tapferkeit eigen, die zwei vornehmste Eigenschaften hat, die Verachtung des Todes und des Schmerzes.“ [1] Trotz dieses immer wieder erinnerten Verständnisses der Tapferkeit ist heute kritisch festzustellen, daß das, was die Soldaten im Krieg leisten, in den meisten Fällen nicht Ausdruck der Tugend Tapferkeit ist, sondern zu einem großen Teil das Ergebnis unterschiedlicher psychischer Mechanismen ganz banaler Art: Kameradschaftsgeist, Anpassungszwang, Angst vor Blamage, vor dem Kriegsgericht oder vor der Pistole des kommandierenden Offiziers, aber auch Draufgängertum und Angriffsgeist. Normalerweise stürmen Soldaten alle zusammen los, während diejenige Person, die Zivilcourage zeigt, normalerweise auf sich selbst verwiesen und angewiesen ist, also nicht als Teil einer Masse oder Gruppe agiert. Als Subjekt der Zivilcourage habe ich gerade das Wort Person gebraucht, um deutlich zu machen, daß es hier keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Mann und Frau gibt und daß es vor allem um personale und individuelle Qualitäten geht. Aus gutem Grund können wir also heute die Begriffe Mut und Tapferkeit für die Zivilcourage in Anspruch nehmen, die übrigens in der englischen Sprache ganz einfach als moralischer Mut bezeichnet wird: moral courage.

Bevor ich nun den „Quellen und Motiven einer seltenen Tugend“ - wie im VHS-Programm angekündigt - nachgehe, möchte ich Sie mit einem Zeitungsbericht bekannt machen und über seinen Inhalt mit Ihnen ins Gespräch kommen. Er stammt aus der Ausgabe Nr. 145 des Kölner Stadtanzeigers mit dem Datum vom 24. Juni 1999 und lautet folgendermaßen:

In der U-Bahn

Junge Frau sexuell belästigt

Alle sahen hin, doch nur einer half, als am Montag eine 25jährige Frau von einem etwa 13jährigen Jungen in der Bahn sexuell belästigt und Minuten später von mehreren Jugendlichen, brutal verprügelt wurde. Gegen 18.30 Uhr war die Frau am Heumarkt in die U-Bahn gestiegen und hatte sich neben den Jungen gesetzt. Obwohl der Wagen voll besetzt war, berührte der etwa 13jährige sie zuerst am Arm und dann an der Brust. Die junge Frau protestierte lautstark, dennoch griff ihr der Jugendliche zwischen die Beine. Keiner der zahlreich im Wagen anwesenden Menschen reagierte. Um weiteren Annäherungsversuchen zu entgehen, stieg die Frau am Neumarkt aus. Als sie die Stufen hinunter stieg, traf sie ein Tritt in den Rücken. Das Opfer stürzte auf den Bahnsteig. Als sich die 25jährige mühsam wieder aufrappelte, war sie plötzlich von fünf Jugendlichen umstellt , unter ihnen auch der Junge, der sie bereits in der Bahn sexuell bedrängt hatte. Vor den Augen der dicht gedrängt im U-Bahnhof stehenden Passanten traten ihr die Jungen in den Magen. Die junge Frau brach zusammen, die Jugendlichen rissen an ihren Haaren, schlugen und traten gegen den Kopf ihres Opfers. Niemand eilte der Frau zu Hilfe. Erst als ein älterer Herr mit einem roten Regenschirm bewaffnet eingriff, ergriffen die Jugendlichen die Flucht.

Das Kriminalkommissariat 2 der Polizeiinspektion 1 bittet Zeugen, insbesondere den Mann mit dem roten Regenschirm, sich unter der Rufnummer 0221/22901 zu melden.

Soweit der Bericht. Was sagen Sie dazu?  (Gespräch)

Wir haben hier exemplarisch alle Faktoren zusammen, die für unser Thema relevant sind: die Situation, nämlich Gewaltanwendung verschiedener Art (sexuelle Belästigung und Körperverletzung) in der alltäglichen Öffentlichkeit; eine bestimmte Personenkonstellation, nämlich Täter, Opfer und ein Publikum, das wegsieht oder sogar zuschaut, einen einzelnen Helfer - der Mann mit dem roten Regenschirm -, der erfolgreich eingreift. Wir können Vermutungen über den Hintergrund des Zuschauerverhaltens anstellen und darüber nachdenken, was den Mann mit dem roten Regenschirm dazu gebracht hat, helfend und rettend einzugreifen. Sagen wir: Er hatte, er zeigte Zivilcourage. Eine vorläufige Definition dieses Begriffs könnte in diesem Fall lauten: Der Mut, in der Öffentlichkeit dem Unrecht an einem Menschen trotz eigener Gefährdung  entgegenzutreten.

Für die soziologische Zuschauer-Forschung in den USA ist ein Vorfall in New York im Jahre 1964 der entscheidende Anstoß gewesen. Am frühen Morgen des 13. März 1964 wurde dort eine 23jährige Frau, Kitty Genovese, vor ihrem Mietshaus überfallen und schließlich ermordet. Der Angreifer, Winston Moseley, folgte der in Bahnhofsnähe aus ihrem Auto gestiegenen Frau, rang sie vor dem Schaufenster einer Buchhandlung nieder und stach mit dem Messer auf sie ein. Als ein Nachbar aus dem Fenster rief: „Lassen Sie das Mädchen in Ruhe!“, hielt er zunächst inne und entfernte sich. Später gab er zu Protokoll: „Ich hatte den Eindruck, der Mann würde sein Fenster schließen und wieder schlafen gehen, und dann wollte ich weitermachen.“ Moseley kehrte zurück und stach weiter auf die junge Frau ein. Verzweifelt wehrte sich diese noch eine halbe Stunde gegen den Angreifer, und ihre lauten Schreie lockten in der Nachbarschaft insgesamt 38 Menschen an die Fenster ‑ doch niemand kam ihr zu Hilfe, ja nicht einmal die Polizei wurde alarmiert. Er verfolgte die junge Frau in das Treppenhaus ihres Wohnhauses und ermordete sie dort. Erst dann rief ein Nachbar die Polizei an. Als diese ihn fragte, warum er nicht sofort angerufen habe, sagte er, er habe nicht in die Sache verwickelt werden wollen. Diese schreckliche Geschichte wurde damals in allen amerikanischen Zeitungen berichtet und diskutiert und treibt noch heute die Amerikaner um, wenn dafür die Veröffentlichungen im Internet als Indiz gelten können. Die Amerikaner sprechen vom Genovese-Syndrom. Man diagnostizierte Verslumung (urban decay), moralischen Verfall, Apathie, Gleichgültigkeit. Die Sozialpsychologen Bibb Latané und John Darley gaben sich mit diesen Erklärungen nicht zufrieden. Sie begannen mit einer Reihe von Untersuchungen darüber, welche (situationalen) Faktoren die Abneigung zu helfen beeinflussen, und veröffentlichten mit Bezug auf den Fall Genovese 1968 (1970) eine Arbeit mit dem Titel: »Der unverantwortliche Zuschauer: Warum hilft er nicht?« Sie bezeichneten das Normal-Verhalten der Menschen in solchen Situationen als Bystander-Effect und erklärten diesen mit der „Verantwortungsdiffusion“, die mit der Zahl der beteiligten Zuschauer wächst. Diese grundlegende Arbeit wurde in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen. Erst 1994, als Skinheads in der Berliner S-Bahn einen Afrikaner angriffen und aus dem Zug warfen (15 Menschen beobachteten laut Polizeibericht die Tat, ohne einzuschreiten oder wenigstens die Notbremse zu ziehen), wurde die Aktualität des Problems auch in Deutschland erkannt. Der »bystander« bildet ja sozusagen den Hintergrund für den Täter und die von ihm verübte Gewalt; die von ihm gezeigte Passivität bedeutet in Wahrheit aktive Begünstigung. [2]

Um das Verhalten der Zuschauer, vor allem aber der Helfer in solchen Gewaltsituationen zu verstehen, ist es hilfreich, einen Blick in die Forschungsgeschichte zur Zivilcourage zu werfen, eine Forschung, die erst rund 20 Jahre nach dem Ende der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus begann. Darin eingebettet ist die Frage, was aus einem Zuschauer einen Helfer macht, was es also mit der Zivilcourage auf sich hat. Ich werde im Folgenden darüber berichten. Danach mache ich den Versuch einer Systematisierung des Problems nach psychologischen, soziologischen und philosophischen Gesichtspunkten.

I.  Aus der Vergangenheit lernen?  Ergebnisse der Forschung

Drei Jahre vor dem Mord an Kitty Genovese, im Jahr 1961, stand Adolf Eichmann in Jerusalem vor Gericht, eines der „Ungeheuer“, die für die massenhafte Tötung der Juden verantwortlich waren. Das vermeintliche Ungeheuer stellte sich während des Prozesses als pflichtbewußter Bürokrat dar, der nur die Befehle eines Höheren ausgeführt hatte. Das veranlaßte Hannah Arendt, ihrem Prozeßbericht den Titel zu geben: „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Das Wort von der Banalität des Bösen sollte die Durchschnittlichkeit des Täters bezeichnen; es legte nahe zu sagen: Die große Masse war nicht besser als Eichmann, jederzeit bereit, Gleiches unter gleichen Umständen zu tun. Und das gilt nicht nur für die Deutschen - konnte man fortfahren -, sondern auch für die Bürger anderer Staaten, was in den USA einen Sturm der Entrüstung hervorrief. Die alte Debatte ist übrigens in diesem Jahr wieder neu entfacht worden mit dem Ergebnis, daß die Banalität des Bösen entschieden relativiert wurde. [3]   Zwei Impulse für die Forschung gingen vom Eichmann-Prozess aus. Der erste betraf die Erforschung des für Eichmanns Handeln offensichtlich so wesentlichen Phänomens „Gehorsam“. Der Sozialpsychologe Stanley Milgram erdachte sich 1962 eine raffinierte Versuchsanordnung, deren Ausführung als Milgram-Experiment bekannt wurde.  Er nötigte willkürlich ausgesuchte Versuchspersonen dazu, im Rahmen eines angeblichen „Lernversuches“ unsichtbare, jedoch laut schreiende Opfer mit Stromstößen bis zu 450 Volt zu traktieren. In der ersten Versuchsreihe im Jahre 1962 gehorchten 65 Prozent der Teilnehmer einem ihnen bis dahin völlig unbekannten Versuchsleiter bis zum bitteren Ende, d.h. bis zum (gespielten) Zusammenbruch der „bestraften“ Person, die einen dem Anschein nach tödlichen Stromstoß erhalten hatte. Die Wiederholungen des Experiments ergaben, daß nur etwa ein Siebtel der Versuchspersonen sich nicht in die Rolle des Folterknechtes drängen ließ. 1969 führte das Münchner Max-Planck-Institut eine ähnliche Testreihe durch; dabei ergab sich, „daß 85 Prozent aller Getesteten als gehorsame Untertanen eines wissenschaftlichen Experimentators bis zum Ende durchhielten“ (F. Hacker) [4] .

Milgram selbst deutete die von ihm erhobenen Befunde so: »Überraschend ist, wie lange sich durchschnittliche Menschen den Anordnungen des Versuchsleiters fügen. Die Ergebnisse des Experimentes sind so überraschend wie bestürzend. Trotz der Tatsache, daß viele Personen Streßerfahrungen durchmachen, trotz der Tatsache, daß viele von ihnen gegenüber dem Versuchsleiter protestieren, macht doch ein bemerkenswerter Prozentsatz bis zum höchsten Schock auf dem Generator weiter. Viele gehorchen dem Versuchsleiter, gleichgültig, wie heftig das Opfer unter Schock auch fleht, gleichgültig, wie schmerzhaft die Schocks zu sein scheinen, gleichgültig, wie sehr es darum bittet, erlöst zu werden. Dies zeigte sich bei unseren Untersuchungen und wurde auch an anderen Universitäten, die das Experiment wiederholten, festgestellt. [...] Nachdem ich in unseren Experimenten gesehen haben, daß sich Hunderte normaler Durchschnittsmenschen der Autorität unterordneten, gelange ich zwangsläufig zu dem Schluß, daß Hannah Arendts Konzept von der Banalität des Bösen der Wahrheit näherkommt, als man sich vorzustellen wagen würde [...] [5]

Die Heranziehung der Ergebnisse des Milgram-Experiments zur Erklärung der nationalsozialistischen Gräueltaten und der ausländerfeindlichen Exzesse im gegenwärtigen Deutschland ist nur eingeschränkt möglich. Es erklärt nur zum Teil das Verhalten der Mehrheit unter den Bedingungen der Nazidiktatur, eher wirft es ein Licht auf das Verhalten der Minderheit, derjenigen nämlich, die bereit waren, Widerstand zu leisten und sich persönlich für die Opfer verantwortlich zu fühlen. Ich komme später noch einmal darauf zurück.                  

Der zweite Forschungsimpuls, der vom Eichmann-Prozess ausging, betraf genau die genannte Minderheit der Verweigerer, der Sich-verantwortlich-Fühlenden. Beim Prozeß anwesend war der junge Gemeinderabbiner Harold Schulweis aus Oakland/Kalifornien. Ihn erschütterte die Mitteilung eines Zeugen, daß der deutsche Ingenieur Hermann Gräbe, ein Christ,  mehr als 300 jüdische Menschen beschützt und  gerettet hatte (ähnlich wie es der berühmt gewordene Oskar Schindler getan hatte). In die USA zurückgekehrt, gründete er das „Institute for Righteous Acts“; dieses legte 1970 eine Untersuchung vor, in der 27 Menschen, die Juden gerettet hatten und in die USA emigriert waren, ausführlich befragt worden waren. Angeregt durch diese Untersuchung legte 1988 das Ehepaar Samuel und Pearl Oliner eine umfangreiche Studie vor, bei der 406 Personen befragt worden waren: „The Altruistic Personality. Rescuers of Jews in Nazi Europe“. Rabbi Schulweis schrieb dazu das Vorwort, in dem er sagte:

„Kann man die altruistische Persönlichkeit bewußt heranziehen? Sollten wir Eltern und Lehrer ermutigen, auf die Retter als nachahmenswerte Vorbilder zu verweisen? ... Aber was würden wir dafür mit unseren Kindern unternehmen müssen: Wie müssen unsere Texte aussehen, und wie leben wir unser Leben? Die Antworten auf diese Fragen berühren den Charakter und die Zukunft unserer Zivilisation unmittelbar.“ [6]

Schließlich erschien 1994 in den USA eine weitere umfassende Arbeit einer Mitarbeiterin von Stanley Milgram, der Sozialpsychologin und Psychotherapeutin Eva Fogelman. Der deutsche Titel ihres Buches lautet: „‘Wir waren keine Helden.’ Lebensretter im Angesicht des Holocaust. Motive, Geschichten, Hintergründe“ [7] (amerikanischer Titel: „Conscience and Courage“). Dank der wissenschaftlichen Forschung in den USA wissen wir Deutschen jetzt einigermaßen Bescheid sowohl über die autoritäre als auch die altruistische Persönlichkeit in der Zeit der Naziherrschaft in Deutschland und Europa. Diese Persönlichkeitstypen entsprechen tendenziell dem Mitläufer und Zuschauer auf der einen Seite, dem Helfer auf der anderen. Wie war das zahlenmäßige Verhältnis der beiden zur Zeit des 2. Weltkriegs? Bekannt ist, daß von 40.000 Menschen im Machtbereich der Deutschen  einer uneigennützig geholfen hat. Geht man von einer Dunkelziffer von 1: 10 aus, dürfte von je 4000 Menschen einer geholfen haben. Es gibt auch optimistischere Schätzungen: Sie besagen, daß von je 200 Menschen einer auf irgendeine Weise Juden beschützt hat oder es getan hätte, wenn die Aufforderung an ihn ergangen wäre. Die Zahl der Standhaften im Milgram-Experiment betrug maximal 1/6, die der wirklichen bzw. potentiellen Helfer in der Zeit der Naziherrschaft maximal 1/200, minimal 1/4000. Die Differenz erklärt sich vor allem dadurch, daß die Rettung von Juden ausdrücklich verboten war, also als Verbrechen galt, für das man im schlimmsten Fall mit dem Tod rechnen mußte. Der Lebensretter unter normalen Verhältnissen kann dagegen im besten Fall mit einer Ehrung rechnen, und trotzdem sind es so wenige, die sich verantwortlich fühlen und Courage haben.

Zivilcourage - eine seltene Tugend? Selten ja, aber eine Tugend? Was unterscheidet den Helfer vom Zuschauer? Es gilt, die Quellen und Motive dessen aufzudecken, was Zivilcourage ist. Bleiben wir zunächst bei dem Material, das die amerikanische Forschung über die Helfer und Retter der Juden bereitstellt. Dabei muß man im Auge behalten, daß es nicht allein um Hilfsbereitschaft geht, sondern um Hilfe für regierungsamtlich Verfolgte, Hilfe also, die mit Widerstand gegen die Staatsgewalt gepaart war.

Eva Fogelman unterscheidet hinsichtlich der Motivation drei Gruppen von Rettern:

1. moralisch motivierte Retter und Retterinnen (= 32 v.H. der Befragten),

2. Judeophile (statt Philosemiten), in erster Linie Freunde, Verwandte (durch Mischehe),  ehemalige Geschäftspartner, Arbeitgeber oder Kollegen,

3. Menschen, die sich von Berufs wegen engagierten: „gewissenhafte Professionelle“ wie Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, Krankenschwestern und Diplomaten.

Die erste Gruppe ist für unser Thema am wichtigsten. Eva Fogelman sagt, diese Retter hätten auf die Frage, warum sie ihr Leben auf Spiel setzten, um jüdische Menschen zu retten, sehr häufig geantwortet: „Was sollte man sonst tun, wenn ein Menschenleben in Gefahr war?“ Es war ihnen selbstverständlich. Der Satz „Wir waren keine Helden!“ macht deutlich, was man im Kontrast zu Hannah Arendts Rede von der Banalität des Bösen die Banalität des Guten genannt hat. Im Unterschied zu anders motivierten Helfenden handelten die moralisch Motivierten „erst, wenn sie darum gebeten wurden oder wenn sie mit Leid und Tod in Berührung kamen und ihr Gewissen erwachte“ [8] Eva Fogelman: „Der Anblick der Brutalität rührte sie innerlich an und rief ihnen ihre Wertvorstellungen ins Bewußtsein, Werte, die ihnen bereits in früher Kindheit eingeprägt worden waren“ [9] . Fogelman unterscheidet die Moral dieser Rettergruppe in eine weltanschauliche, eine religiöse und eine emotionale. Das prozentuale Verhältnis dieser drei Spielarten der moralisch Motivierten gibt sie mit 14 % für die weltanschaulich Motivierten, mit 12 % für die religiös-moralisch Motivierten und mit 6 % für die emotional-moralisch Motivierten an. Die moralische Gesinnung der ersten beruhte auf ethischen Überzeugungen und Gerechtigkeitsvorstellungen. Sie waren mit hoher Wahrscheinlichkeit politisch engagiert, z.B. als Mitglieder einer sozialistischen oder kommunistischen Partei, in einigen Fällen auch einer nationalistischen Partei. Religiös-moralisch motivierte Retter beschrieben ihre Vorstellungen von Recht und Unrecht mit Hilfe der gelernten religiösen Gebote. Sie schöpften in kritischen Situationen ihre Kraft aus ihrem Glauben, gerieten aber oft genug in eine Double-bind-Situation, weil sie sich nicht nur in Gegensatz zu ihrer Regierung, sondern auch zu ihrer Kirchenführung gerieten. Die dritte Gruppe, die emotional-moralisch Motivierten, handelten in Situationen, die ihre Hilfe erforderten, nicht so sehr „aufgrund bestimmter Vorstellungen von Recht und Unrecht, sondern aus Mitgefühl und Mitleid heraus“ [10] . Fogelman: „Ihre moralische Gesinnung beruhte auf Fürsorge und Verantwortungsbewußtsein ...“ [11] . Diese moralische Gesinnung kam häufiger bei Frauen als bei Männern vor.

Die Retter und Helfer, die Fogelman befragte, waren hinsichtlich ihrer sozialen, finanziellen Verhältnissen und ihrer Bildung nicht homogen, sondern unterschieden sich aufs vielfältigste. Aber eines hatten sie alle gemeinsam: Sie hatten „sehr ausgeprägte humanistische Wertvorstellungen“ [12] ; der Motor ihres Handelns waren die inneren Werte, die sie in ihrer Kindheit ausgebildet hatten. „Entsprechende Kindheitserfahrungen und -einflüsse ziehen sich wie ein Leitmotiv durch die Geschichten der meisten RetterInnen.“ [13] Folgende prägende Faktoren spielten nach Fogelman in deren Kindheit eine Rolle:

„...ein behütetes, liebevolles Elternhaus; ein altruistischer Elternteil oder ein liebes Kindermädchen, das als Vorbild für altruistisches Verhalten diente; Toleranz gegenüber Menschen, die anders sind; eine schwere Krankheit während der Kindheit oder der Verlust einer nahestehenden Person, wodurch die eigene Widerstandskraft auf die Probe gestellt und besondere Hilfe nötig wurde; eine verständnisvolle und fürsorgliche Erziehung zu Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Disziplin, die nicht mit körperlichen Strafen und Liebesentzug operierte.“ [14]

Fogelman betont, daß die genannten Faktoren allein kein hinreichender Grund seien, um ZuschauerInnen in RetterInnen zu verwandeln. Ebenso wichtig sei die Stimmigkeit der Umstände, des Zeitpunkts und der Gelegenheit zur Rettung gewesen. Sie legt aber großen Wert auf die Grundlegung der Helferdisposition in der Kindheit. Dazu erzählt sie einen Vorfall aus der Kindheit der Helferin Frieda Suss, deren Eltern den Kissingers bei der Flucht aus Bayern halfen:

Frieda Suss ... war mit ihrer Mutter zusammen, als die beiden auf einmal Schreie im Dorf vernahmen. Wenig später sahen sie, wie der Mob Hunderte von orthodoxen Juden durch die Straßen jagte. Die Kaufleute des Ortes feuerten die Menge an: »Dreckiges Judenpack, geht dahin zurück, wo ihr hergekommen seid!« Friedas Mutter, eine einfache Bäuerin, ließ sich durch den wütenden Mob nicht einschüchtern, sondern stand ihre Frau: »Hört mal her«, schrie sie in die Menge, »das gehört sich doch nicht, was ihr da tut. Vor allem ihr Kinder. Beurteilt nie jemanden nach seiner Rasse oder seiner Kleidung. Beurteilt die Menschen nur danach, wie sie sich euch gegenüber verhalten.«

Fogelmann bemerkt dazu: „Damit solche Belehrungen Wirkung zeigten, brauchte es aber ein bestimmtes Umfeld. Die meisten RetterInnen stammten aus einem fürsorglichen Elternhaus, das ihnen Selbstwertgefühl und Liebe vermittelt hatte. Als Kind wurden sie in ihren Interessen gefördert und wegen ihrer Begabung gelobt. ... Viele hatten das Gefühl, Vaters oder Mutters Liebling zu sein.“ [15] Der Psychoanalytiker David Levy verglich 1948 21 Naziregime-Gegner mit passiven Zuschauern, allesamt Deutschen, und fand heraus, „daß die Widerstandskämpfer aus einem weniger rigiden Elternhaus stammten und in ihrer Akzeptanz anderen Menschen gegenüber gefördert worden waren“ [16] . Und die New Yorker Psychologin Frances Grossman fand 1984 in einer Untersuchung über neun RetterInnen dasselbe Muster; sie stellte fest, „daß Unabhängigkeit, Selbstvertrauen und eine warme, liebevolle Beziehung zu wenigstens einer Bezugsperson wesentliche Unterscheidungsmerkmale zwischen RetterInnen und ZuschauerInnen sind“ [17] .

Weitere wesentliche Merkmale zähle ich auf:

- Viele RetterInnen fühlten sich in ihrer Kindheit nicht nur geliebt, sondern auch beschützt.

- Die meisten Eltern der Retter argumentierten, statt zu drohen, sie vermieden eine „macht bejahende“ Disziplinierungstechnik.

- Die RetterInnen besaßen die Fähigkeit zu selbständigem Denken und Fühlen. Fogelman: „Wer einem Verfolgten helfen wollte, brauchte einen unabhängigen Kopf.“ [18]

Ein Motiv tauchte in den Gesprächen mit den Rettern immer wieder auf: „daß die Eltern Menschen, die anders waren, mit Akzeptanz begegneten“ [19] . Dieser Wert - betont Fogelmann - „bildete den Keim, aus dem sich ihr Retter-Selbst entwickeln sollte“ [20] . Das Ehepaar Oliner bezeichnen in ihrer Studie zur altruistischen Persönlichkeit das demokratische Prinzip, daß alle Menschen gleich behandelt werden sollten, als „Einbeziehung“ oder als „Neigung, allen Menschen als Gleiche zu betrachten und auf alle ohne Ansehung ihrer gesellschaftlichen Stellung oder ethnischen Zugehörigkeit dieselben Normen von Recht und Unrecht anzuwenden“ [21] . Viele Retter berichteten, daß sie als Kinder dazu nicht nur ermutigt wurden, daß man es von ihnen auch erwartete.

Wichtig ist auch die Stellung der Retter in der Geschwisterschar: Sie haben gelernt, für jüngere Geschwister zu sorgen. Das würde bedeuten: Helfen wird gelernt, wird zu einem Habitus („habituelles Helfen“). Dagegen sagen andere Sozialwissenschaftler: Hilfsbereitschaft beruht auf einem hochentwickelten Sinn für Empathie; sie nehmen an, daß die Fähigkeit, sich in die emotionale Notlage eines anderen zu versetzen, angeboren sei. [22] Dagegen spricht wiederum ein Umstand, den Fogelmann bei ihren Forschungen gefunden hat: Viele RetterInnen, die in ihrer Kindheit eine nahestehende Person verloren hatten oder auf eine andere Weise zu Schaden gekommen waren, verhielten sich empathisch. Solche traumatischen Erlebnisse waren früher häufiger als heute: lebensgefährdende und tödliche Krankheiten, Hunger und Unterernährung, Kriegsfolgen.; sie machten die zukünftigen RetterInnen für das Leid anderer empfänglicher - urteilt Eva Fogelman.

Will man abschließend die Frage beantworten, was aus unbeteiligten Zeugen des Unglücks anderer mit großer Wahrscheinlichkeit Helfer gemacht hat, zieht man am besten das fünfstufige Schema des psychischen Prozesses heran, den die bereits genannten Sozialpsychologen Bibb Latané und John Darley schon in den 70er Jahren in einer Serie von Experimenten beschrieben haben:

 - Die Erkenntnis: Irgendetwas stimmt hier nicht!

 - Die Interpretation der Situation: Ein Mensch braucht Hilfe.

 - Die Bereitschaft, Verantwortung für diese Hilfe zu übernehmen.

 - Die Wahl der geeigneten Hilfs-Mittel (Was ist zu tun?).

 - Die Entscheidung zu helfen und die Durchführung der Hilfs-Aktion. [23]

Schon bei den ersten beiden Stufen - Erkenntnis und Interpretation - unterschieden sich die Retter entscheidend von den „Raushaltern“: Sie ließen sich durch die Nazi-Propaganda ihr Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen nicht verkrüppeln. Jemand mußte bereit und fähig sein, die ungeheuerlichen Geschehnisse um ihn herum zu sehen, sie an sich herankommen zu lassen, auch wenn dies bedrohlich und schmerzhaft für ihn war. Ein Beispiel dafür ist Oskar Schindler: Eines Morgens vermißte er seinen jüdischen Büroleiter und fand ihn im Bahnhof kurz vor dem Abtransport in einem der Viehwaggons. Das Nebeneinander von Menschen und Viehwaggons löste bei ihm einen Erkenntnisschock aus, schreibt sein Biograph Kennaly [24] . Viele andere Retter hatten ähnliche Schlüsselerlebnisse, in denen ihnen schlagartig bewußt wurde, wie bestialisch Menschen behandelt wurden und auf Grund deren sie sich plötzlich und unabweisbar verantwortlich fühlten. Im Gegensatz zu denen, die ebenfalls Mitleid empfanden, sich aber für schwach, fremdbestimmt und hilflos vorkamen, hielten sich die Retter angesichts der Gefahr für ihre eigene Person und der sich zeigenden Schwierigkeiten für kompetent und stark, d.h. als Menschen, die den Gang der Dinge bestimmen und beeinflussen konnten. Sie taten sich auch mit der Gewissensfrage „Kann ich mit dieser Schuld, jetzt nicht geholfen zu haben, weiterleben?“ schwerer als die Menschen, die sich aus dem Gefühl der Schwäche und dem Bewußtsein, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein, für unzuständig erklärten.

Notwendige Voraussetzung für diese Art der Zivilcourage ist die menschliche Verbundenheit mit den Opfern, entweder aus der persönlich erfahrenen, freundschaftlichen Nähe derer, die Eva Fogelman als „Judeophile“ einer eigenen Motivgruppe zuordnet, oder aus einem moralischen Impuls heraus, der auf Herzensbildung, Gewissen, Empathie als Prägungen der Kindheit beruht. Dies genügt jedoch nicht, um ein Helfer-Selbst aufzubauen. Alle Erfahrungen verweisen auf einen zweiten Aspekt: die überdurchschnittlich ausgeprägte Ich-Stärke der Helfer. Damit verbunden ist der Glaube an die eigenen Wirkungskraft (self-efficacy). Hätte es bei den Helfern nicht diese außergewöhnliche Ich-Stärke gegeben, wären sie dem Streß, der aus der gefährlichen und kraftraubenden Helfersituation erwuchs, nicht gewachsen gewesen. Sie mußten sich das Durchstehen der Hilfesituation erst einmal zutrauen, um erfolgreich helfen zu können. Und sie mußten, wenn sie sich einmal auf die Hilfe für die Opfer eingelassen hatten, mit der größtmöglichen Kaltblütigkeit alles tun, um den Erfolg ihrer Rettungsaktion - oft auf Jahre hinaus - sicherzustellen, und das ging von den riskanten Bluffs, Lügen und Drohungen Oskar Schindlers bis zu dem Extrem der Tötung eines Verfolgers.

In diesem Zusammenhang ist zu berichten, daß die Verfasser der älteren Studie zwei weitere Eigenschaften der Helfer genannt haben, die das Bild des moralisch motivierten Helfers scheinbar beeinträchtigen: nämlich „Abenteuerlust“ und „soziales Außenseitertum“. In der jüngeren Studie des Ehepaares Oliner wird statt dessen vom „Bedürfnis nach Aufregung“ und dem „Wunsch nach Berühmtheit“ gesprochen. Man muß einfach zur Kenntnis nehmen, daß die moralische Motivation eingebettet ist in eine Gesamtkonstellation, die auch von außermoralischen Motiven und Impulsen entscheidend bestimmt ist. Tugend scheint eine komplexe Disposition zu sein. Darauf werde ich später ausführlicher zu sprechen kommen.

Wenn wir ein umfassendes Bild der Zivilcourage erhalten wollen, ist es nun auch notwendig, das durch die Helfer-Forschung eingeengte Bild der Zivilcourage in der Nazi-Diktatur zu ergänzen durch das große Spektrum der politischen Opposition, durch die verschiedenen Erscheinungsformen des Widerstandes. Raul Hilberg gewichtet in seinem Buch „Täter, Opfer, Zuschauer“ [25] demgemäß auch die Motivation der Helfer etwas anders als Eva Fogelman. Er nennt zuerst die große Gruppe der „Judeophilen“, um dann „andere Helfer“ und deren Motivation aufzuzählen: Opposition gegen das Regime, reine Sympathie und das Gefühl, eine humanitäre Pflicht zu erfüllen. Mit dieser Abfolge rückt er als primäres Motiv oppositionelle Gesinnung und oppositionelles Verhalten gegen das Nazi-Regime in den Vordergrund, mit einem modernen Begriff bezeichnet: zivilen Ungehorsam. Das trifft sich mit der Auskunft, die Helfer neigten zu sozialem Außenseitertum, man kann auch sagen: zu Nonkonformismus. Helfer und Widerständler eint bei oft verschiedener Motivation der Wille, sich nicht dem Anpassungszwang zu unterwerfen. Ob moralisch oder politisch motiviert eint sie die Qualität ihres Handelns, das durch Courage, Mut, Tapferkeit gekennzeichnet ist. Man muß hier die bewegende Klage und Anklage der jungen Leute von der Weißen Rose hören, um die Situation damals, es ist das Jahr 1943, zu verstehen: Sie sprechen in ihrem zweiten Flugblatt von der einen Frage,

„die uns alle zutiefst angeht und allen zu denken geben muß: Warum verhält sich das deutsche Volk angesichts all dieser scheußlichsten, menschenunwürdigsten Verbrechen so apathisch? Kaum irgendjemand macht sich Gedanken darüber. Die Tatsache wird als solche hingenommen und ad acta gelegt. Und wieder schläft das deutsche Volk in seinem stumpfen, blöden Schlaf weiter und gibt diesen faschistischen Verbrechern Mut und Gelegenheit weiterzuwüten - und diese tun es. Sollte dies ein Zeichen dafür sein, dass die Deutschen in ihren primitivsten menschlichen Gefühlen verroht sind, dass keine Saite in ihnen schrill aufschreit im Angesicht solcher Taten, dass sie in einem tödlichen Schlaf versunken sind, aus dem es kein Erwachen mehr gibt, nie, niemals? Es scheint so und ist es bestimmt, wenn der Deutsche nicht endlich aus dieser Dumpfheit auffährt, wenn er nicht protestiert, wo immer er nur kann gegen diese Verbrecherclique, wenn er mit diesen Hunderttausenden von Opfern nicht mitleidet. Und nicht nur Mitleid muß er empfinden, nein, noch viel mehr: Mitschuld.“ [26]

Die Deutschen haben nach 1945 diese Gegenwirklichkeit der Nazi-Diktatur erstaunlicherweise kaum wahrgenommen und anerkannt, es sei denn in den regierungsamtlichen, parlamentarischen und kirchlichen Ritualen zum Gedenken an die Opfer des Widerstands. Auf diesem Hintergrund ist es gar nicht erstaunlich, daß die Erforschung dessen, was wir Zivilcourage nennen, bis heute mehr oder weniger eine Sache der Amerikaner und nicht der Deutschen gewesen ist.

II. Die Tugend der Tapferkeit - Überlegungen zur Zivilcourage heute

Die Ergebnisse der genannten Forschung können uns helfen, im letzten Teil des Vortrags ein differenziertes, realistisches Bild der Zivilcourage unter den Bedingungen der Gegenwart zu entwerfen, also die Tugend zusammen mit ihren naturgegebenen Voraussetzungen und ihren sozialen Vermittlungen zu sehen.

Zunächst sei festgestellt: Wir leben nicht mehr wie Bismarck in einer Zeit, in der „Mannesmut vor Fürstenthronen“ verlangt wurde, auch nicht wie die Geschwister Scholl oder Claus Schenk Graf von Stauffenberg in der Zeit einer barbarischen Diktatur, sondern in einer liberalen, demokratischen Republik, die in ihrer Verfassung die Menschen- und Bürgerrechte garantiert und sich in ihren politischen Entscheidungen an das Mehrheitsprinzip hält. Sowohl das politische als auch das gesellschaftliche Umfeld hat sich gegenüber dem Obrigkeits- und Diktaturstaat früherer Zeiten verändert. Das heißt hinsichtlich unserer Frage, was die Zuschauer von den Couragierten unterscheidet, daß nicht mehr Autoritätsglaube und Gehorsamsbereitschaft der „autoritären Persönlichkeit“ für das Wegschauen und das Zulassen von Unrecht verantwortlich gemacht werden können, wie das noch Till Bastian in seinem aufschlußreichen Büchlein mit dem Titel „Zivilcourage. Von der Banalität des Guten“ [27] zumindest hinsichtlich der Deutschen allzu selbstverständlich tut. Allerdings ist ihm auch klar, daß sich in Deutschland und anderswo etwas Neues angebahnt hat: eine entpolitisierte Erlebnis- und Spaßgesellschaft, in der es oft genug bloß um banale „Selbstverwirklichung“ geht. Das klingt nach moralischer Verurteilung, obwohl dabei wesentlich mehr als Moral im Spiel ist. Die Politikverdrossenheit der Bürger ist gewiß daran schuld, daß sich nur relativ wenige Menschen außerhalb der politischen Klasse in die öffentlichen Angelegenheiten einmischen und dabei ein Höchstmaß an Kraft und Mut aufbieten, wie wir es aus Bürgerinitiativen kennen. Dies geht bis zu Aktionen des zivilen Ungehorsams, die Gegenstand gerichtlicher Anklage werden und empfindliche Strafen zur Folge haben. Ich möchte diesen Bereich der Zivilcourage in meiner Darstellung zugunsten der im öffentlichen Alltag geforderten Courage vernachlässigen, weil das in der Anlage unseres dreiteiligen Seminars so vorgesehen ist.

Der normale Gegner der Zivilcourage auf dem Feld des Alltags ist nicht mehr eine übermächtige Regierung, der man zu gehorchen habe, auch nicht der betriebliche Vorgesetzte, sondern einfach die große Mehrheit der Leute und das tatsächliche und als Norm verinnerlichte Mehrheitsverhalten. Das Grundprinzip der durchschnittlichen Erwartungen, die das Verhalten steuern, ist: so zu sein wie alle anderen, also unauffällig, konform. Es ist dies und das üblich geworden, und an das Übliche halten sich sinnvollerweise die allermeisten Menschen, weil das Leben auf diese Weise enorm entlastet wird. Das Übliche zu tun bedarf keiner besonderen moralischen Anstrengung, und das ist so lange in Ordnung, wie die Üblichkeiten oder Konventionen nicht der Moral widersprechen. Ich folge in meinen Überlegungen dem Philosophen Gernot Böhme, der in seinem Buch „Ethik im Kontext“ [28] und in einem Aufsatz mit dem Titel „Substantielle Sittlichkeit oder ‚Das Übliche‘“ [29] Entscheidendes dazu gesagt hat. Der Begriff „substantielle Sittlichkeit“ stammt aus Hegels Rechtsphilosophie: Darin unterscheidet er den Bereich des abstrakten Rechts, die Moral und die Sittlichkeit. Während es in der Moral um die Frage der Selbstbestimmung einer Person geht, hat es die Sittlichkeit mit dem „Handeln im Kontext von Institutionen, von der Familie über die bürgerliche Gesellschaft und ihre Gliederung bis hin zum Staat“ [30] zu tun. Man könnte sagen: Sittlichkeit „besteht in der sittlichen Einrichtung gesellschaftlicher Institutionen“ [31] . Hegel sagt es so: „Das Sittliche, insofern es sich an dem individuellen durch die Natur bestimmten Charakter als solchem reflektiert, ist die Tugend, die, insofern sie nichts zeigt als die einfache Angemessenheit des Individuums an die Pflichten der Verhältnisse, denen es angehört, Rechtschaffenheit ist.“ [32] Tugend ist danach eine wünschenswerte Charakterdisposition, die im Sinne guter Konventionen an tatsächliche gesellschaftliche Verhältnisse angepaßt ist: In dieser Familie, in diesem Berufsstand, in dieser nationalen Gesellschaft ist es zum Beispiel üblich, nicht zu betrügen, nicht zu lügen und anderen Menschen in Not zu helfen. Wer den Erwartungen in diesem Rahmen entspricht, gilt als rechtschaffen.

Die Verhältnisse, von denen Hegel spricht, werden im Staat zum konkreten Recht, wenn die „Angemessenheit des Individuums an die Pflichten der Verhältnisse“ sich nicht mehr von selbst ergibt. So gibt es im Strafgesetzbuch der Bundesrepublik den § 323 c, der die Pflicht zur Hilfeleistung regelt:

„Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten ist, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe belangt.“

Offensichtlich trägt die staatliche Gesetzgebung der Tatsache Rechnung, daß es in der Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich ist, in Notsituationen zu helfen. Der Paragraph ist allerdings so formuliert, daß er Ausreden Tür und Tor öffnet. Schon Hegel hat konstatiert, daß wir in einer Zeit progressiven Schwundes von substantieller Sittlichkeit leben, was durch die fortschreitende Verrechtlichung zum Beispiel familiärer Verhältnisse angezeigt wird. Die Frage ist nur, ob das Recht den Verlust substantieller Sittlichkeit wettmachen kann. 

Daß die heute geltenden Üblichkeiten durch einen sittlichen Substanzverlust bestimmt sind, hat  handfeste gesellschaftliche Gründe: Die aufklärerische Idee der Autonomie hat zur Emanzipation von gesellschaftlichen Zwängen, Institutionen und zwangsläufig auch von deren Üblichkeiten geführt. Universell galten diese traditionellen Üblichkeiten nicht; sie waren auf die Ständeordnung der vorrevolutionären Zeit oder auf neuere gesellschaftliche Schichten bezogen, auf bestimmte Milieus, auf Dorfgemeinschaften etc. Das Ergebnis der Emanzipation war die Individualisierung des Menschen, deren äußeres Indiz heute die ständige Zunahme von Single-Haushalten ist. Der individualisierte Mensch ist allergisch gegen institutionelle Zumutungen, er verlangt Rücksicht auf seinen Freiheitsraum und überläßt auch seine Mitmenschen gern ihrer Eigenwelt: Warum sollte er jemandem helfen, wo es doch üblich geworden ist, daß jeder sich selbst hilft? Die positiv verstandene Individualisierung hat als häßliche Rückseite nicht selten die psychische Asozialität. Anderes kommt hinzu: Die vielgepriesene antiautoritäre Erziehung ist zum großen Teil mißverstanden worden und hat zu einem unverantwortlichen Laisser-faire-Verhalten im Umgang mit Kindern geführt. Die Folge war die Vernachlässigung der Sozialisation: Die Demontage der Über-Ich-Bildung hat dazu geführt, daß auch kein moralisch qualifiziertes Ich-Ideal entstehen konnte. Till Bastian hat sich mit diesem Aspekt genauer beschäftigt [33] . Man könnte auch soziologisch sagen: In erster Linie verführt die Anonymisierung des Menschen in der Großstadt zum Wegschauen. Oder hinsichtlich unserer Mediengesellschaft: Das Fernsehen führt einerseits zum Wegsehen und andererseits zur Schaulust in realen Alltagssituationen, in denen die Einmischung gefordert wäre. Man muß also nicht moralisierend die Erlebnis- und Spaßgesellschaft bemühen.

Trotzdem: Moral ist gefordert. Die Banalität des Guten, von der Till Bastian spricht, ist nicht mehr ausreichend gegeben, weil die ihr zugrunde liegende substantielle Sittlichkeit geschwunden ist. Gefordert ist die Verwirklichung moralischer Existenz, die Vorbereitung auf den Ernstfall, wie Gernot Böhme sagt: „Moralische Existenz fängt damit an, unabhängig von Anmutungen und Zumutungen handeln zu können.“ [34] Entscheidend ist heute die Unabhängigkeit von Zumutungen, sprich: schlechten Üblichkeiten. Auf dem Hintergrund des beschriebenen Gesellschaftszustandes ist Zivilcourage eine der Grundqualifikationen für moralisches Verhalten. Böhme bezeichnet darum die Widerstandsbewegung in der Bundesrepublik während der sechziger, siebziger und achtziger Jahre als Schule der Nation (eben nicht die Armee), weil viele Menschen durch sie das Bewußtsein einer moralischen Existenz gewonnen hätten. [35]  Nachdem das moralische Vertrauen in die Welt durch die Erfahrungen unseres Jahrhunderts erschüttert worden ist, fängt Moralität mit Skepsis an und schreitet fort zum Sich-Abstoßen vom Üblichen und zum Aufbruch ins Selbstsein. Gernot Böhme verbindet diese Faktoren nun mit dem Begriff der Tugend, wie er aus der griechischen Antike überliefert ist:

„Der Wille zur moralischen Existenz verbindet sich, so seltsam das klingen mag, mit der griechischen Idee der Areté, nach der Gutsein heißt: besser sein. Auch heute verlangt eine moralische Existenz, anders zu sein, besser zu sein als die Vielen, auszubrechen aus dem, was geschieht. Moralität beginnt mit dem Widerstand.“ [36]

Areté, das griechische Wort für Tugend, hängt mit dem Begriff gut, agathós, über die Steigerungsform áristos, der beste, zusammen. Gernot Böhme deutet das Wort so, „dass, wo immer es um das Gutsein geht, es zugleich ums Bessersein geht, daß man sich mit der Frage nach dem Gutsein von vornherein auf Steigerung und Absetzung vom Schlechteren eingelassen hat“ [37] .  Auch das deutsche Wort Tugend ist in diesem Sinne zu verstehen: Es ist das Gutsein im Sinne der Tauglichkeit und Tüchtigkeit, wobei zunächst wie im Griechischen die natürliche oder kulturell verstandene Qualität einer Sache im Vordergrund steht, erst im weiteren Sinn die moralische Qualität des Menschen. Diese läßt sich mit dem Ausdruck Gut-Menschsein bezeichnen. Nach Aristoteles ist die Realisierung der Vernunftbegabung die dem Menschen eigene Hervorbringung. Wenn der Mensch diese Begabung nicht nur irgendwie, sondern gut realisiert, ist er als Mensch gut, besitzt er also die menschliche Arete. Die menschliche Seele besitzt aber nicht nur die Vernunft, sondern auch einen nicht-vernünftigen Anteil, welcher der Sitz der Strebungen und Affekte ist. Ist nun die Seele so verfaßt, daß sich ihre Strebungen und Affekte im Einklang mit der Vernunft befinden und es deshalb zu vernünftigen Handlungsentscheidungen kommt, dann ist sie im Besitz der ‚ethischen‘ Formen des Gutseins. Mit ‚ethisch‘ ist hier das Charakterliche gemeint. Wenn man über den Charakter (êthos) eines Menschen spricht, spricht man über diese Tugenden oder ihr Fehlen. Die Verstandestugenden (dianoetische T.) sind Weisheit (sophía) und Klugheit (phrónêsis), die Charaktertugenden Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit, Großzügigkeit und Großgesinntheit. Die Charaktertugenden bestimmt Aristoteles als durch Gewöhnung erworbene Haltungen, aufgrund derer man sich zu den Affekten (Gefühlen) gut verhält. Es kommt nämlich darauf an, zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig der Affekte die richtige Mitte zu finden. So ist die Feigheit die Haltung des Zuviel bezüglich des Affekts der Furcht: Wer feige ist, läßt sich von der Furcht überwältigen und läuft vor jeder Gefahr davon. Die Haltung des Zuwenig ist die Tollkühnheit, die gar nichts fürchtet und sich in jede Gefahr stürzt. In der Mitte liegt die Tapferkeit, die der Furcht den ihr zukommenden Einfluß auf die Handlungswahl gewährt. Nur die Tapferkeit ist Tugend, nicht Feigheit und Tollkühnheit. Regulativ ist die Vernunft: Richtig ist, was die Vernunft als richtig erkennt, was der Kluge, der, der die Verstandestugend der Klugheit besitzt, als das Richtige bestimmt. [38]

In der Nachfolge des Aristoteles hat das christliche Mittelalter, vor allem Thomas von Aquin, das Gut-Menschsein durch die vier Kardinaltugenden bestimmt. Es sind dies: Klugheit (prudentia/discretio), Gerechtigkeit (iustitia), Tapferkeit (fortitudo, „Starkmut“) und Maß (temperantia, „Zucht und Maß“). Josef Pieper hat in seinem Büchlein „Vom Sinn der Tapferkeit“, das 1963 zum ersten Mal erschienen ist, die Tapferkeit als die Tugend vorgestellt, deren Amt der Kampf gegen die furchterregende Macht des Bösen sei - „durch Standhalten wie durch Angriff“ [39] . Sie ist die Tugend des „steilen Gutes“ (bonum arduum), das über den Bereich der mühelos ausgestreckten Hand hinausreicht, wie Josef Pieper sagt. Er setzt das christliche Verständnis der Tapferkeit polemisch von dem im Zeichen des Liberalismus geläufigen ab:

„Echte, kämpfend sich bemühende Tapferkeit muß der Liberalismus für etwas Sinnloses halten, der Tapfere muß ihm als ‚der Dumme‘ erscheinen. Andererseits ist dem Liberalismus, als Folge und Protest zugleich, eine ‚Tapferkeit‘ zugeordnet, die für den blinden ‚Einsatz‘ und die ‚Hingabe‘ schlechthin - ganz gleich, wofür - den Kranz des Heldentums fordern zu dürfen glaubt.“ [40]

Tapferkeit ist die dritte in der Rangfolge der Kardinaltugenden: Sie empfängt ihren Sinn erst durch die Bezogenheit auf Klugheit und Gerechtigkeit. Josef Pieper sagt: „Wenn das Wesen der Tapferkeit darin liegt, im Kampfe für die Verwirklichung des Guten Verwundungen hinzunehmen, dann ist vorausgesetzt, daß der Tapfere weiß, was das Gute ist, und daß er ausdrücklich um des Guten willen tapfer ist.“ [41] Und weiter: „Tapferkeit also wird dadurch zur Tapferkeit, daß sie von der Klugheit ‚informiert‘ ist“ [42] - „Ohne die ‚gerechte‘ Sache gibt es keine Tapferkeit.“ [43]

Damit haben wir die Zivilcourage der überkommenen Tugendlehre zugeordnet: Sie ist die moderne Erscheinungsform der richtig verstandenen Kardinaltugend Tapferkeit, die im Reich des Moralischen und Sittlichen beheimatet ist. Sie ist nicht einfach Mut, der eine vorsittliche, naturale Fähigkeit ist. Wer im Sinne der Zivilcourage handeln will, braucht jedoch Mut, Selbstvertrauen und Hoffnung auf Gelingen, er braucht seelische Gesundheit und Widerstandskraft, also ein gutes Nervenkostüm, und nicht zuletzt die Bereitschaft zum Angriff, wobei eine Portion Zorn sehr hilfreich sein kann. Daß manche Retter im Zweiten Weltkrieg außerdem das „Bedürfnis nach Aufregung“ oder den „Wunsch nach Berühmtheit“ als Motiv nannten, ist in diesem Zusammenhang durchaus verständlich. Ohne Bindung an das Gewissen, ohne Bindung an moralische Werte wäre ein mutiges, zupackendes Verhalten aber nicht Zivilcourage zu nennen.

Ich komme noch einmal auf Gernot Böhmes Begriff der moralischen Existenz zurück. Er sagt: „Der Aufbruch in eine moralische Existenz ist zuallererst ein Aufbruch zum Selbstsein.“ Die Erscheinungsformen dieses Selbstseins haben wir an den Helfern im Zweiten Weltkrieg kennen gelernt. Und auch das zweite Kriterium, das Böhme für die moralische Existenz nennt, ist uns dort begegnet: das Handeln-Können. Selbstsein und Handeln-Können ermöglichen das aktuelle Sich-Einmischen im Alleingang; dieses zielt vernünftigerweise auf die Mobilisierung der Zuschauer und schließt indirekt die Demonstration eines Modellverhaltens ein, das Setzen eines gesellschaftlichen Standards. Wie schön ist eine solche Hoffnung: Avantgarde zu sein für die Zivilcourage als Selbstverständlichkeit, als Üblichkeit.  

 

Literaturverzeichnis zum Thema "Zivilcourage - was ist das?"

Ballhausen, Hans: Psychosoziales Lernen als Beitrag einer gesellschaftsbezogenen Subjektorientierung in der politischen Bildung.  In: Selbstverständnis der politischen Erwachsenenbildung. Positionen und Kontroversen. Landesinstitut für Schule und Weiterbildung. Soester Verlagskontor: Soest 1991, S. 63 - 92

Bastian, Till:  Zivilcourage. Von der Banalität des Guten. Rotbuch Taschenbuch 1035: Hamburg 1996

Böhme, Gernot: Ethik im Kontext. Über den Umgang mit ernsten Fragen. edition suhrkamp 2025: Frankfurt 1997

Böhme, Gernot: Substantielle Sittlichkeit oder „Das Übliche“. In: Ethik & Unterricht Nr. 3/99, S. 37 - 42

Ernst, Heiko:  Mut und Gewissen: Das Psychogramm der Judenretter.  In: Psychologie heute, 21. Jg., Heft 7 (Juli 1994), S. 38 - 43

Fogelmann, Eva:  „Wir waren keine Helden“. Lebensretter um Angesicht des Holocaust.  Deutscher Taschenbuch Verlag 30641: München 1998

Heinsohn, Gunnar:  Die Ermutigung des Rabbi Schulweis - Zum Phänomen des „Bystander“-Verhaltens. In: Universitas, 48. Jg., Nr. 563 (Mai 1993); S. 444-453

Hilberg, Raul: Täter, Opfer, Zuschauer. Die Vernichtung der Juden 1933 -1945,  Fischer Taschenbuch 13216: Frankfurt 1996

Ritter/Gründer: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 10, Basel 1998 (Artikel „Tapferkeit“ und „Tugend“)

MacIntyre, Alsdair: Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart.  suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1193: Frankfurt 1995

Pieper, Josef: Vom Sinn der Tapferkeit,  München 1963  

Sofsky, Wolfgang:  Die Zuschauer der Gewalt. In: Universitas, 49. Jg., Nr. 577 (Juli 1994), S. 621 - 626

Anmerkungen

[1]   Zitiert nach Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 10, Basel 1998, S. 895

[2]   Vgl. Till Bastian, Zivilcourage, Hamburg 1996, S. 19 f.

[3]   HOLOCAUST. „Das Böse ist niemals banal“, in: DER  SPIEGEL Nr. 33 vom 16.8.1999, S. 130 - 131

[4]   Vgl. Till Bastian, a.a.O., S. 20 f. 

[5]   S. Milgram: Das Milgram-Experiment, Reinbek 1974 (zitiert nach Till Bastian, a.a.O., S.21 f.)

[6]   Gunnar Heinsohn: Die Ermutigung des Rabbi Schulweis. Zum Phänomen des „Bystander“-Verhaltens. In: UNIVERSITAS 5, 1993 (Nr. 563), S. 451

[7]   dtv 30641, München 1998

[8]   Fogelmann, a.a.O., S. 177 f.

[9]   ebd., S. 178

[10] ebd., S. 179

[11] ebd.

[12] ebd, S. 247

[13] ebd.

[14] ebd., S. 247 f.

[15] ebd., S. 248

[16] ebd., S. 249

[17] ebd., S. 250      

[18] ebd., S. 252

[19] ebd., S. 253

[20] ebd., S. 253

[21] zitiert nach Fogelman, S. 257

[22] vgl. Fogelman, S. 260 f.

[23] vgl. Heiko Ernst, Mut und Gewissen: Das Psychogramm der Judenretter. In: Psychologie heute, 21. Jg., H. 7 (Juli 1994), S. 43

[24] Heiko Ernst, a.a.O., S. 43

[25] Frankfurt 1996 (amerikanisches Original 1992)

[26]  Flugblätter der Weißen Rose II, Faksimiledruck der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin

[27]  Hamburg 1996 (Rotbuch Sachbuch Nr. 1035)

[28]  Gernot Böhme: Ethik im Kontext. Über den Umgang mit ernsten Fragen,  Edition Suhrkamp 2025, Frankfurt   1997

[29]  In: Ethik & Unterricht 3/99, S. 37 - 42

[30]  ebd., S. 37

[31]  ebd., S. 37

[32]  Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, §  150, zitiert nach der Ausgabe von Helmut Reichelt, Frankfurt 1972, S. 147 

[33] Till Bastian:  Zivilcourage, S. 80 ff.

[34] Ethik im Kontext, S. 124

[35] Ethik im Kontext, S. 125

[36] ebd., S. 113

[37] Gernot Böhme, a.a.O., S.24

[38] vgl. Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 10, S. 1538 f.

[39] Josef Pieper: Vom Sinn der Tapferkeit, München 1963, zitiert nach der 8. Auflage, S. 23

[40] ebd., S. 24

[41]  a.a.O., S. 35

[42] a.a.O., S. 40 

[43]  a.a.O., S. 43 

 

Postskriptum

Die erste umfassendere wissenschaftliche Studie zum Thema "Zivilcourage" im deutschen Sprachraum hat mir für meinen Vortrag nicht vorgelegen. Sie gibt auch auf die Frage "Was ist Zivilcourage?" eine differenzierte systematische Antwort:

Gerd Meyer/Angela Herrmann: "...normalerweise hätt' da schon jemand eingreifen müssen." Zivilcourage im Alltag von BerufsschülerInnen. Eine Pilotstudie. Unter Mitarbeit von Steffen Andreae und Katrin Uhl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag, 1999

Das umfangreiche Literaturverzeichnis, das auch Trainingshandbücher nennt, zeigt, dass Zivilcourage und benachbarte Konzepte wie ziviler Ungehorsam ein weit gefächertes Feld darstellen, das in unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation zur weiteren Bearbeitung geradezu herausfordert.

Nachtrag 2003: Inzwischen liegt eine weitere wissenschaftliche Studie (eine Habilitationsschrift) zur Zivilcourage vor, die für die weitere Auseinandersetzung mit diesem Thema unverzichtbar ist:

Wolfgang Heuer: Couragiertes Handeln. Lüneburg: zu Klampen Verlag, 2002

Nachtrag 2004: Das Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V. hat ein umfassendes Werk über Zivilcourage herausgebracht:

Zivilcourage lernen. Analysen - Modelle - Arbeitshilfen.

Hrsg. von Gerd Meyer, Ulrich Dovermann, Siegfried Frech, Günther Gugel. Tübingen 2004, 448 S., DIN A 4.

Das Inhaltsverzeichnis des Buches ist zu finden unter http://www.friedenspaedagogik.de/service/publika/zivilc.htm

Dem Band liegt die CD-ROM "Konflikte XXL" bei (dazu http://www.friedenspaedagogik.de/service/publika/xxl.htm)

 

siehe auch Zivilcourageportal des psychologischen Instituts der Universität Zürich

 

 

Zum 75. Geburtstag von Martin Luther King (1929 – 1968)

 

 

 

 

 

Am 15.Januar 2004 wäre Dr. Martin Luther King 75 Jahre alt geworden. Die Älteren unter uns erinnern sich wahrscheinlich noch schmerzlich deutlich an den 4. April 1968, als der Führer der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung im Alter von 39 Jahren auf dem Balkon des Lorraine Motels in Memphis erschossen wurde. Eine Hoffnung weniger in dieser bewegten Zeit!

Das Leitmotiv seiner Rede am 28. August 1963 ist in aller Welt zum geflügelten Wort geworden: „Ich habe einen Traum." Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung hatte am 22..August 1963 ihren historischen „ Marsch auf Washington" gestartet. Unter Kings Führung erreichte dieser am 28. August 1963 Washington. Am Lincoln Memorial versammelten sich rund 250.000 Menschen, darunter 60.000 Weiße, zu einer großen Kundgebung. King hielt unter riesigem Beifall seine Rede, in welcher er seine Vision einer Gesellschaft ohne Rassenschranken ausbreitete.

Der Träger des Friedensnobelpreises 1964 wurde zum schärfsten Kritiker der Vietnampolitik seines Landes, rief zur Wehrdienstverweigerung und zum zivilen Ungehorsam gegen Bundesgesetze auf. Seit Ende 1966 thematisierte King ständig den Zusammenhang von Rassismus, Armut und Krieg. Seine Erfahrungen fasste er folgendermaßen zusammen: „Jahrelang war ich mit der Idee zuwege, die bestehenden gesellschaftlichen Institutionen zu reformieren, ein bißchen Änderung hier, eine kleine Veränderung da. Jetzt sehe ich das radikal anders. Heute bin ich mir im klaren, daß wir einen Umbau der gesamten Gesellschaft brauchen, eine Revolution unserer Zielvorstellungen."

In seiner berühmt gewordenen Rede „Jenseits von Vietnam" ("Beyond Vietnam"), die King genau ein Jahr vor seiner Ermordung am 4. April 1967 in der New Yorker Riverside Church hielt, klagte er seine Regierung als „die größte Gewaltausüberin in der heutigen Welt" an. Seit 1987 ist der jeweils dritte Montag im Januar US-Nationalfeiertag zum Gedenken an King.

Ich zitiere ein paar Abschnitte aus einer Predigt, die Martin Luther King während des Busstreiks von Montgomery (1955/56) hielt.

Die Hoffnung ruht auf entschiedenen Nonkonformisten

Stellet euch nicht der Welt gleich,

sondern verändert euch

durch Erneuerung eures Sinnes (Römer 12,2).

"Stellet euch nicht dieser Welt gleich" ist eine schwierige Forderung in einer Zeit, da der Druck der Masse uns unmerklich daran gewöhnt hat, nach dem rhythmischen Trommelschlag der Tradition zu marschieren. Viele Stimmen und Kräfte drängen uns, den Weg des geringsten Widerstands zu wählen, niemals für eine unpopuläre Sache zu kämpfen und sich niemals zu zweit oder zu dritt in einer kläglichen Minderheit zu befinden.

Selbst einige Wissenschaften versuchen, uns von der Notwendigkeit des Konformismus zu überzeugen. Manche Soziologen behaupten, Moral sei nur Gruppenübereinkunft, und die Wege der Masse seien die rechten Wege. Manche Psychologen lehren, geistige und seelische Ausgeglichenheit sei der Lohn dafür, dass wir wie alle anderen Menschen denken und handeln.

Erfolg, Anerkennung und Konformismus sind die Beiwörter der modernen Welt, in der anscheinend jeder nach der einschläfernden Sicherheit strebt, mit der Mehrheit identifiziert zu werden.

Trotz dieser vorherrschenden Tendenz zum Konformismus haben wir als Christen die Aufgabe, Nonkonformisten zu sein. Der Apostel Paulus, der die inneren Wahrheiten des christlichen Glaubens kannte, riet: "Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes." Wir sollen überzeugte Menschen sein, nicht Mitläufer: Menschen des moralischen Adels, nicht der sozialen Ehrbarkeit. Uns ist aufgetragen, anders und nach höheren Maßstäben zu leben.

[...] Der Befehl, uns nicht der Welt anzupassen, stammt nicht nur von Paulus, sondern auch von Jesus Christus, dem entschiedensten Nonkonformisten der Welt, dessen ethischer Nonkonformismus noch immer das Gewissen der Menschheit herausfordert. [...]

Nirgends ist die tragische Tendenz zum Konformismus deutlicher als in der Kirche, einer Institution, die oft genug dazu gedient hat, eine Mehrheitsmeinung zu bilden, zu erhalten und sogar zu segnen. Die ehemalige Zustimmung der Kirche zur Sklaverei, zur Rassentrennung, zum Krieg und zur wirtschaftlichen Ausbeutung bezeugt, dass die Kirche sich mehr nach weltlichem als nach göttlichem Gebot gerichtet hat. Anstatt die moralische Wächterin der Gesellschaft zu sein, hat die Kirche zuzeiten das unterstützt, was unmoralisch und unanständig ist. Anstatt soziale Missstände zu bekämpfen, hat sie sich hinter ihren bunten Fenstern still verhalten. Anstatt den Menschen auf die Höhen der Brüderlichkeit zu führen und ihn zu lehren, sich über die engen Grenzen der Rassen und Klassen aufzuschwingen, hat sie rassische Trennung gelehrt und ausgeübt. Auch uns Prediger hat der ansteckende Kult des Konformismus in Versuchung geführt. Von den Erfolgsmaßstäben der Welt verblendet, messen wir unsere Leistung an der Größe unserer Pfarreien. Wir sind Schausteller geworden, die den Wünschen und Launen der Menschen gerecht werden wollen. Wir halten erquickliche Predigten und vermeiden es, irgendetwas von der Kanzel herab zu sagen, was die ehrbaren Ansichten unserer ehrbaren Gemeindemitglieder erschüttern könnte. Haben wir Diener Christi die Wahrheit auf dem Altar des Eigennutzes geopfert und, wie Pilatus, unsere Überzeugungen den Wünschen der Menge untergeordnet?

Wir müssen die Glut des Evangeliums der ersten Christen wieder finden, die im wahrsten Sinne des Wortes Nonkonformisten waren und sich weigerten, ihr Zeugnis den Gewohnheiten ihrer Umwelt anzupassen. Willig opferten sie Ruf, Reichtum und Leben für eine Sache, die sie als richtig erkannt hatten. An Zahl gering, waren sie Riesen an Wirkung. Ihr mächtiges Evangelium setzte so barbarischen Sitten wie Kindermorden und blutigen Gladiatorenkämpfen ein Ende. Zum Schluss gewannen sie das römische Reich für Christus. Allmählich aber hüllte die Kirche sich so sehr in Reichtum und Pomp, dass sie sich den strengen Forderungen des Evangeliums entzog und der weltlichen Lebensweise anpasste. Seither war die Kirche nur noch eine schwache, unwirksame Posaune, die unsichere Laute von sich gab. Wenn die Kirche Jesu Christi ihre Kraft, ihre Botschaft und ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen will, so muss sie sich ausschließlich nach den Forderungen des Evangeliums richten.

Die Hoffnung auf eine sichere und lebenswerte Welt ruht auf disziplinierten Nonkonformisten, die für Gerechtigkeit, Frieden und Brüderlichkeit eintreten. Die Wegbahner der menschlichen, akademischen, wissenschaftlichen und religiösen Freiheit sind immer Nonkonformisten gewesen. Wo es um den Fortschritt der Menschheit geht, muss man den Nonkonformisten vertrauen! In seinem Werk "Selbstvertrauen" schrieb Emerson: "Wer Mensch sein will, muss Nonkonformist sein." Der Apostel Paulus erinnert uns daran, dass ein Christ Nonkonformist sein muss. Jeder Christ, der die Mehrheitsmeinungen blind übernimmt und den ausgetretenen Pfaden ' der Trägheit und der allgemeinen Zustimmung folgt, ist ein geistiger und seelischer Sklave. Merkt euch diese Worte von James Russell Lowell: "Ein Sklave ist, wer nicht wagt, für die Gefallenen und Schwachen einzutreten; ein Sklave ist, wer nicht lieber Hass, Spott und Hohn auf sich nimmt, als dass er die Wahrheit verschwiege; ein Sklave ist, wer sich fürchtet, mit zwei oder drei Gefährten auf der Seite des Rechts zu stehen." [...]

Materialgrundlage: http://www.lebenshaus-alb.de/mt/archives/001967.html

Helmut Jaskolski

HJaskolski@t-online.de

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